«Ich sehe mich als Güselmann im Übergwändli»

Basler Zeitung: Als Journalist will er die «Kanalisation» reinigen und Referate halten – transformiert Roger Köppel zum Politiker?

BaZ:

Herr Köppel, als ich Ihr Referat zur Masseneinwanderungs-Initiative in Zü­­rich gehört habe, dachte ich: Da ist ein Transformationsprozess im Gang, und zwar vom Journalisten zum Politiker. Teilen Sie diesen Eindruck?

Roger Köppel:

Nein, überhaupt nicht. Meine Referate sind eine natürliche Fortsetzung meiner publizis­tischen Tätigkeit. Dahinter steckt nicht das Kalkül, Politiker zu werden. Das Referat ist einfach eine andere Plattform. Es geht mir darum, gegen die grassierende Untergangsbegeisterung in Medien und Politik nach dem 9. Februar anzutreten. Als Journalist sitzt man ja oft hinter dem Computer und hat keine Ahnung, was in den Köpfen der Menschen vorgeht. Es ist auch für mich sehr lehrreich, mit dem Publikum in Kontakt zu kommen.

Im «Sonntagsblick» sagten Sie: «Es kann der Zeitpunkt kommen, wo man in diese Arena steigen muss.» Die Rede ist von der Politik. Das mahnt schon fast an den Blocher’schen «Auftrag».

Es ist so. Politik machen Sie nicht zur Selbstentfaltung, nur weil Sie denken, das wäre jetzt noch lustig und ich habe sonst nichts zu tun. Die Schweiz liegt mir seit Langem am ­Herzen und ich kann nicht ausschliessen, dass ich in einer bestimmten ­Situation ins parteipolitische Geschehen eingreifen werde.

Was wäre eine Situation, in der Sie, wie Sie sagen, eingreifen müssten?

Das merke ich, wenn die Zeit kommt. So ging es mir etwa mit dieser Vortragsreihe: Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich das jetzt machen muss.

Sie gelten ja eher als Kopfmensch, jetzt spüren Sie plötzlich solche Aufträge.

(Lacht.) Hinter der eiskalten Fassade sind offenbar noch so etwas wie menschliche Regungen vorhanden.

Hört man Sie referieren, hat man das Gefühl, Sie führen die Blocher-Mission in voller Reinheit auf einer Bühne auf. Als ich Ihnen zuhörte, meinte ich fast, als Background-Gospel noch die Stimme von Christoph Blocher zu hören. Othmar von Matt meinte auch, zwischen Ihnen und Blocher hätte kein Blatt Platz.

Dann soll man das so empfinden, das ist mir egal. Sollte ich mich aus Prinzip distanzieren? Das wäre lächerlich. Es gibt diesen Satz von Michael Ignatieff, den sich gerade junge Journalisten hinter die Ohren schreiben sollten: Man sollte die Qualität einer Idee nicht aufgrund der Gesellschaft beurteilen, die sie einem bringt, sondern aufgrund der Qualität der Idee. Hört doch endlich auf, alles mit Personen zu verbinden!

Sie waren früher Sportjournalist, dann Kulturjournalist und interessierten sich als Student nur mässig für Politik. Chris­toph Blocher spielt bei Ihrer Politisierung eine wichtige Rolle. Sie waren ihm gegenüber aber erst skeptisch.

Ich war sicher gegen Blocher damals, mit ihm verband ich diese schrecklichen SVP-Plakate. Allerdings war ich für gewisse Missstände, die die SVP kritisierte, schon sensibilisiert. Ich wohnte mit meiner damaligen Freundin in Zürich im Kreis 5, wo man sich wegen nigerianischen und jugoslawischen Dealern am Abend kaum mehr auf die Strasse traute. Alle meine Kollegen waren aus der Gegend geflüchtet, als einer von wenigen Schweizern bin ich geblieben. Sprach man über diese Zustände in der «Tagi»-Redak­tion, in der ich damals arbeitete, war man bereits ein Rechtsextremer. Blocher war «unsexy», die Verkörperung der Fremdenfeindlichkeit. Man musste so denken damals, als Filmjournalist überlegte ich nicht viel. Dann kam es dazu, dass ich mit ihm ein langes Interview machte über seine Führungsprinzipien als Unternehmer.

Das war Ihr grosses Blocher-Erlebnis?

Das kann man so sagen, auch wenn ich kein Blocher-Poster bei mir zu Hause aufhängte. Es war ein sehr interessantes Interview, das mir sofort zeigte: Das allermeiste, was ich über diesen Mann gelesen hatte, stimmte nicht. Blocher hat Substanz. Ich war beeindruckt. Als ich dies meinen Journalistenkollegen sagte, gaben mir viele hinter vorgehaltener Hand recht, aber man dürfe das ja nicht schreiben, sonst drohe sofortiger Liebesentzug in der Szene. Damals wurde mir klar, dass der politische Journalismus in der Schweiz nicht ehrlich war. Die Kollegen schrieben nicht, was Sache ist, sondern das, was angeblich gut ankam und «politisch korrekt», wenn auch nicht richtig war. Es war mein Glück, dass ich von zu Hause keine parteipolitischen Prägungen hatte. Meine Vorurteile streifte ich schnell ab. Nach dem Interview schickte mir Blocher einen Brief und sagte, ich müsse aufpassen, wenn ich zu positiv über ihn schreibe, würde mir das schaden. Ich lachte damals, aber er hatte recht.

Dass Sie politisch und journalistisch zu Blocher halten, ist doch Ihr Erfolgs­modell. Wo ist da der Schaden?

Als ich vom «Tagi-Magazin» zur «Welt­woche» kam, habe ich erst richtig gemerkt, welche Bedeutung Politik und Journalismus haben. Das «Tagi-Magi» hatte mir bereits die Möglichkeit gegeben, meinen Journalismus des Kontrapunkts einzuüben. Denn genau darum gehts: Journalisten müssen Vorurteile zerlegen. Wo alle loben, muss man kritisieren. Wo alle kritisieren, muss man loben: Meinungsvielfalt! Als ich beim Thema SVP und Blocher Gegensteuer gab, wurde das als intellektueller Skandal empfunden. Heute lache ich, aber damals beschäftigte es mich, wie «umstritten» ich wegen meiner Artikel wurde. Plötzlich wurde ich angefeindet. Das war auch geschäftlich nicht immer einfach.

Sie erzählen ja auch immer dieselbe Geschichte über Blocher. Sie sind doch längst nicht mehr unbefangen.

Ich schreibe gar nicht so viel über ihn. Ich bin sehr unbefangen.

Sie sind sehr unbefangen, das ist doch nicht Ihr Ernst?

Aber sicher. Ich spiele meine Unabhängigkeit aus, zu schreiben, was ich denke. Ich schreibe nicht, was der Mainstream von mir erwartet. Wenn es das Motiv eines Journalisten ist, an den schicken Partys als cooler Hund mit Designerturnschuhen aufzutreten und sich auf die Schultern klopfen zu lassen, hat er den Beruf verfehlt. Ich sehe mich eher als Güselmann im blauen Übergwändli, der in den Kanal hinuntersteigt, um die Verstopfung wegzuräumen und den Grümpel, der sich abgelagert hat.

Warum sind Sie eigentlich nicht Mitglied der SVP?

Ich habe mir diese Frage auch schon gestellt: Wäre es nicht konsequent, ­einer Partei beizutreten, Farbe zu bekennen? Aber wieso sollte ich?

Wäre es nicht aufrichtiger, die Gesinnung mit einem Parteibeitritt klipp und klar zu deklarieren?

Ich glaube, meine Selbstdeklaration ist ehrlicher als die der meisten Kollegen. Ich schreibe, wo ich stehe und warum ich dort stehe. Das ist Transparenz. Ich engagiere mich als Journalist für die Schweiz. Das gibt mir auch das Recht, kritische Artikel zu bringen. In die Partei geht man dann, wenn ein neuer Grad an Engagement nötig ist. Wenn man das Gefühl hat, man müsse endgültig in den Schützengraben steigen.

Konkret: Halten Sie es für ausgeschlossen, für die nächsten Nationalrats­wahlen zu kandidieren?

Ausgeschlossen ist nichts. Es kann immer etwas passieren, aber es ist unwahrscheinlich.

Themenwechsel: Wieso machten Sie eine Homestory in der «Schweizer Illustrierten»?

Die «Schweizer Illustrierte» ist eine hervorragend gemachte Zeitschrift. Mein Interesse ist es, eine Zeitung zu machen, die Missstände aufdeckt und Debatten anregt. Mein Interesse ist es, dass möglichst viele Leute meine Zeitung lesen. Ich setze mich für eine unabhängige und weltoffene Schweiz ein. Ich habe, wenn Sie wollen, ein missionarisches Bedürfnis. Ich habe ein Interesse, diese Botschaft unter die Leute zu bringen. Das ist der Grund für diese Homestory.

Sie posieren in Socken auf Ihrem Lesesessel, Ihre Tasse trägt das Schweizerkreuz. Klischierter geht es nicht.

Finden Sie? Nichts gegen diese Tasse, die ich geschenkt bekam. Mir geht es um die Sache, nicht um meine Person.

Das sagen Sie!

Eine Berliner Journalistin hat mal formuliert, ich hätte das Seelenleben ­eines ostdeutschen Plattenbaus (lacht). Über mich wird so viel Unsinn geschrieben, da ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn die Leute zur Abwechslung sehen, wie ich in meinem natürlichen Biotop lebe.

Ist es nicht so, dass Sie Ihren Personenkult immer mehr bewirtschaften? Man hat ja auch das Gefühl, die «Weltwoche» seien nur Sie.

Ach was. Die meisten Artikel, die zu reden geben, habe gar nicht ich geschrieben. Ich muss schauen, dass ich unter meinen Kollegen nicht unter­gehe (lacht). Ernsthaft: Ich bin kein Profilneurotiker. Aber ich bin nun mal der Chef, der hinstehen muss. Mein öffentliches Engagement ist sachlich begründet. Mir geht es um die Schweiz, die jetzt wieder mal massiv infrage gestellt wird. Vor allem in der Schweiz, aber weniger beim Volk als bei der Elite.

Interessant fand ich Ihren persönlichen Jahresrückblick im Editorial vor Weihnachten. Da befiel einen der Gedanke, Sie seien in einer gröberen Krise. Sie thematisierten wiederholt Ihr zwischenzeitlich zu hohes Gewicht und sprechen vom «biologischen Krieg des Alters».

Ich bin offensichtlich gescheitert, meine Alltagssorgen selbstironisch zu schildern. Ihnen kann man es aber auch gar nicht recht machen.

Sie thematisieren ja selbst die Eitelkeit als Ihr grosses Laster. Das hat schon fast Beichtcharakter.

Vielleicht sollten Sie Psychoanalytiker werden. Kein Journalist ist vor ­Eitelkeit gefeit. Es kann leicht sein, dass man abhebt. Das ist mir sicher auch schon passiert.

Man hat auch bei Ihren Referaten das Gefühl, dass Sie sich an sich selbst berauschen.

Als Kind habe ich gerne andere Leute nachgeahmt, ich habe die Runde ­unterhalten. Ich bin jemand, der gerne kommuniziert, ich mache mich auch sehr gerne über alles Mögliche lustig. Aber ich verletze nicht gerne Menschen. Als Journalist muss man es schaffen, den Leuten sachlich die Meinung zu sagen, ohne dass die Milch sauer wird. Eigentlich wollte ich immer Lehrer werden: vor eine Klasse stehen und etwas vermitteln. Sagen wir ruhig: Ich bin der Ober­lehrer. Ich möchte Wissen vermitteln und aufklärerisch wirken.

Oberlehrer tönt auch nervig.

Ich habe das Wort absichtlich gewählt, um Ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Der «Spiegel» nennt Sie den Todesstern jeder Talkshow.

Ich fand den folgenden Satz besser.

«Wer ihm in die Quere kommt, den pulverisiert er mit seinem argumentativen Superlaser.»

Ich war erstaunt über diese positive Darstellung. Schön, wenn das anerkannt wird. Was ist die Frage?

Todesstern tönt auch recht morbid.

Wenn alle das Gleiche behaupten, reizt das halt meinen Widerspruch.

Ist nicht gerade dies Ihre grosse Schwäche, dass Sie immer mit einem Abwehrreflex schaffen und sich am sogenannten Mainstream abarbeiten? Das Muster ist doch sehr durchschaubar. Wenn alle auf Putin einhacken, weiss ich, dass Sie am Donnerstag in der «Weltwoche» für ihn eine Lanze brechen. Es wäre doch überraschender, wenn Sie schreiben würden, dass Putin ein fürchterlicher Mensch ist.

Nein, das ist meine grosse Stärke. Und was wir schreiben, ist doch immer wieder sehr überraschend und an Differenziertheit kaum zu übertreffen. Aber wissen Sie: Überraschung wird überschätzt. Wenn ich eine Cola kaufe, will ich, dass Coca-Cola drin ist und nicht Himbeersirup. Hinter der Vorstellung, ständig überraschen zu müssen, das Rad immer wieder neu zu erfinden, steckt eine etwas kindliche Fantasie. Als Journalist ist man kein Peter Pan. Gegensteuer allein reicht auch nicht, da haben Sie recht. Trotzdem ist es erstaunlich, wie oft man damit richtigliegt.

Veranstalten Sie nun wiederholt einen Wanderzirkus mit Ihren Referaten?

Die Referate sind eine gute Sache. Vielleicht sollte ich das bei anderer ­Gelegenheit wieder machen. In einer Zeitung wurde ich bereits als Demagoge beschimpft. Das ist ein untrüglicher Beweis, dass die Vorträge wirken.

Journalist mit starkem Hang zum Politisieren

Zürich.

Roger Köppel (48) ist Eigen­tümer, Verleger und Chefredaktor der «Weltwoche». Zweieinhalb Jahre lang war er Chefredaktor bei der «Welt» in Deutschland. Zuvor arbeitete er bei der NZZ und beim «Tages-Anzeiger». Köppel lebt in Zürich, ist verheiratet und Vater zweier Söhne. Zurzeit ist er auf einer Referate-Tournee zur Masseneinwanderungs-Initiative. Am letzten Dienstag trat er auch im Casino Basel auf.

ben