«Solche Hassbotschaften aus der Schweiz machen mich traurig»

SonntagsZeitung: Die weltbekannte Sexdoktorin Ruth Westheimer über Antisemitismus im Internet und Bunkersex

Uster Die 86-jährige international bekannte Sexualtherapeutin Ruth Westheimer kommt gerade aus St. Moritz. Sie strahlt: Ferien in der Schweiz, dem Land, das sie 1939 als Flüchtlingskind vor Nazi- deutschland gerettet hat, lasse sie Jahre jünger aussehen. Trotzdem hat die Schweiz die amerikanische Jüdin und doktorierte Psychologin, die alle Welt als Dr. Ruth kennt, zum ersten Mal schockiert. Der Antisemitismus, dem sie hier seit dem neusten Gaza-Krieg begegnete, passe nicht zu ihrem Bild der Schweiz. Während eines Besuchs in Uster ZH redet sie ausnahmsweise nicht nur über Sex, sondern auch über Politik.

Sex war das Thema Ihres Vortrags, den Sie kürzlich in Tel Aviv hielten. Wollten Sie die Menschen vom Krieg ablenken?

Nein, vom Krieg kann man nicht ablenken. Mein Besuch stand vor Ausbruch des Krieges fest. Ich bin auch nicht früher aus Israel abgereist als geplant. Wäre beim Vortrag ein Alarm losgegangen, hätten sich die 650 Zuhörer in den Ecken verstecken müssen. Zum Glück blieb es ruhig.

Hatten Sie keine Angst?

Doch, natürlich hatte ich Angst. Wenn so ein Alarm abgeht, haben alle Angst. Ich besuchte ein Konzert des indischen Dirigenten Zubin Mehta, als kurz vor Beginn der Alarm losging. Wir mussten den Kopf ducken. Als es vorbei war, klatschten ihm alle aus Erleichterung zu. Das Konzert, die «Fledermaus», war wunderbar. Ich möchte daraus einen Satz zitieren: «Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.»

Sie verbrachten gerade einige Tage in der Schweiz. Haben Sie sie anders erlebt als früher?

Das erste Mal kam ich 1939 aus Frankfurt am Main mit einem Kindertransport in die Schweiz – in ein Kinderheim in Heiden. Ich bin der Schweiz sehr dankbar. Ohne sie würde ich nicht mehr leben. Ich komme jedes Jahr gerne hierher. Doch was mich dieses Mal betrübt: Nach all den Jahren, in denen die Schweiz mir und anderen Menschen das Leben gerettet hat, zeigt sich der hässliche Kopf des Antisemitismus wieder.

Wo?

Antisemitismus gibt es überall und zu jeder Zeit, das wissen wir. Aber dass jetzt in der Schweiz so offen im Internet Hass gegen Juden verbreitet wird, hat mich traurig gemacht. Ich hoffe, dass im Land, das ich liebe, mehr Persönlichkeiten hinstehen und öffentlich sagen: Hier hat Antisemitismus keinen Platz.

Macht das niemand?

Es genügt nicht, wenn die Gesellschaft gegen Rassismus und Antisemitismus das tut. Diese Hetze an öffentlichen Orten und im Internet sollte nicht erlaubt sein.

Nehmen Sie den Antisemitismus hierzulande zum ersten Mal so wahr?

Ja, auf jeden Fall. Für jemanden, der wie ich von der jüdischen Bevölkerung der Schweiz sechs Jahre lang ernährt wurde und hier aufwuchs, ist das schockierend. Den Hetzereien und Gewaltdrohungen im Netz sieht niemand an, ob das einfach so dahingesagt ist oder ob ­jemand wirklich ernste Absichten hat, den Antisemitismus zu stärken. Die Schweiz muss aufpassen. Das Internet ist viel gefährlicher als Zeitungen und Fernsehen.

Warum?

Im Internet wird nichts moderiert und gefiltert. Da kann jeder etwas reinschreiben. Niemand weiss, wer dahintersteckt.

Diese Woche warnte auch die UNO vor dem wachsenden Antisemitismus in Europa.

Ich möchte nicht über Länder wie Frankreich reden. Ich sage auch nicht, dass es in den USA keinen Antisemitismus gibt. Hier in der Schweiz macht es mich einfach ­besonders traurig.

Ist es nicht so, dass man heute im Internet liest, was früher am Stammtisch weniger öffentlich, aber genauso übel ausgedrückt wurde?

Vielleicht ist da was dran. Allerdings ist das Internet nicht wie der Stammtisch. Wenn jemand dort seine Meinung sagte, konnte immerhin ein Gegenüber darauf reagieren. Was in der Schweiz auf Facebook und anderen Plattformen gepostet wird, sieht man auf der ganzen Welt. Die Dimension ist viel grösser. Junge Menschen, die das sehen und sich über solche Kanäle informieren, denken dann: Da gibt es Tausende von Menschen, die Antisemitismus befürworten. Meine ganze Familie ist im Holocaust getötet worden. Für mich ist es traurig, wenn solche Hassbotschaften aus der Schweiz kommen.

Antisemitische Botschaften kommen hierzulande oft von jungen Menschen, die einen muslimischen Hintergrund haben.

Es spielt keine Rolle, woher das kommt. Die Eltern von Schweizer, jüdischen und muslimischen Kindern haben keine Kontrolle darüber, was ihr Nachwuchs auf dem Internet schreibt. Einmal geschrieben und aufgeschaltet, kann man das nicht mehr löschen.

Das heisst, Eltern müssen ihre Kinder nicht nur vor Pädophilen, sondern auch vor Antisemiten im Internet schützen?

Genau. Früher habe ich als Pädagogin immer gesagt, Eltern dürfen die Tagebücher ihrer Kinder nicht lesen. Das ist privat. Ich habe meine Meinung komplett geändert. Ich habe ein Buch darüber geschrieben, wie Eltern aufpassen müssen, was ihre Kinder am Computer machen. Kinder und Jugendliche denken, sie könnten alles wieder löschen, was sie ins Netz schreiben. Doch das geht nicht. Deshalb mache ich mir grosse Sorgen um den Antisemitismus im Internet.

Sollen die Eltern den Kindern für jede Nachricht, die sie auf Facebook oder anderswo im Internet aufschalten, den Segen geben müssen?

Ich weiss nicht, was Eltern genau machen sollen, um antisemitische Botschaften zu verhindern. Sicher sollen sie sich mit den Kindern an einen Tisch setzen und ihnen klarmachen, dass solche Botschaften, egal, ob über Juden oder Muslime, sehr wehtun.

Haben nicht auch Facebook & Co. eine Kontrollpflicht?

Die Leute, die im Internet Geld verdienen, werden das nicht machen. Es ist Aufgabe der Eltern, zu wissen, was ihre Kinder im Internet sehen und verbreiten. Auch für die jungen Erwachsenen braucht es eine Kontrolle.

Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus arbeitet an einer besseren Überwachung.

Das ist ein guter erster Schritt. Die Schweizer sollten verstehen, dass das nicht harmlos ist. Ich habe 94 706 Twitter-Follower. Aber jedes Wort, das ich sage, hat einen Einfluss auf viel mehr als diese 94 706 Menschen, denn es wird von diesen weiterverbreitet.

Glauben Sie, die Leute im Netz unterscheiden zwischen Sympathiebotschaften für die Palästinenser und antisemitischen Aussagen?

Ich weiss es nicht, das müsste von einer Schweizer Hochschule dringend wissenschaftlich untersucht werden. Es ist traurig, dass Kritik an Israels Gaza-Politik mit Antisemitismus vermischt wird. Wenn die Leute nicht mehr unterscheiden können, braucht es rechtliche Massnahmen. Wenn in den USA jemand ein Hakenkreuz irgendwo hinmalt, dann wird er bestraft – man nennt das ein «hate crime» – ein Hassverbrechen.

In der Schweiz gibt es ein Antirassismusgesetz. Die meisten westlichen Demokratien haben Gesetze, die Rassismus jeglicher Art Schranken setzen. Fürchten Sie, dass das Internet diese nichtig machen könnte?

Nein, noch nicht. Ich war immer Optimistin. Wir müssen erkennen, wie es heute steht, und dafür sorgen, dass es nicht noch schlimmer wird.

Mit Ausländerfeindlichkeit kann man noch Tabus brechen. Beim Thema Sex ist das inzwischen nicht mehr möglich.

Ich würde nicht sagen, dass alle, die Antisemitismus verbreiten, schlechten Sex haben (lacht). Im Ernst, wir wissen heute immer noch zu wenig darüber, was es heisst, wenn Menschen Hass auf Minderheiten – nicht nur Juden – empfinden. Als Psychologin frage ich mich, warum jemand diesen Hass braucht.

Was raten Sie Menschen im Krieg – sollen sie Sex haben?

Ich sage augenzwinkernd: Wenn ihr allein im Bunker seid und ihr habt Lust, dann viel Vergnügen. Fakt ist, wenn Menschen grosse Sorgen haben um ihr Leben, ihre Verwandten und ihre Zukunft, ist es schwierig, Sex zu haben.

Können Sie sich mit der Gaza-Politik Israels identifizieren?

Nächste Frage bitte.

Sie wurden von Shimon Peres und Barack Obama geküsst, würden Sie sich auch von Benjamin Netanyahu küssen lassen?

Netanyahu hat mich noch nie geküsst. Shimon Peres küsst wunderbar. Vor ein paar Wochen habe ich Bill Clinton an einem Wohl­tätigkeitsanlass in New York überrascht. Nach seiner Ansprache stand ich schnell auf einen Stuhl, weil ich so klein bin. Clinton freute sich und legte seinen Kopf an meine Brust.

Sind Sie wieder verliebt?

Das wäre ich gerne. Aber ich habe noch keinen gefunden. Ich war mit meinem Mann fast 40 Jahre verheiratet. In der Schweiz habe ich jemanden getroffen, der infrage gekommen wäre. Allerdings ist er viel zu jung und verheiratet.