Bundesfeier auf dem Rütli

NeueLuzernerZeitung

Der Tag der Frauen und der Romands

Auf dem Rütli wurde am gestrigen 1. August Micheline Calmy-Rey gefeiert wie ein Star. Sie hatte ihre Fans gleich mitgebracht.

Von Robert Knobel

Grossmami Micheline Calmy-Rey hat ihre beiden Enkelkinder mitgebracht. Hand in Hand marschieren die drei von Seelisberg zum Rütli hinunter. Die Bundespräsidentin hat glänzende Laune, gibt hier ein Küsschen, da eine Kostprobe ihres zeitungsbekannten Lächelns. Kein Zweifel: Calmy-Rey ist unter Freunden. Rund 200 sind es ­ Mitglieder der SP Genf und Waadt sowie Politiker und Anhänger von CVP und FDP aus der Romandie. Sie alle wandern mit «ihrer» Bundespräsidentin zum Festplatz. Der Einmarsch auf die Rütliwiese wird zum Triumphzug unter frenetischem Applaus: «Merci Micheline» steht auf den selbst gebastelten Schildern und Plakaten, welche die Romands mitgebracht haben. Merci dafür, dass die Bundespräsidentin so hartnäckig auf ihrem Auftritt auf der Rütliwiese beharrt hatte ­ wenn nötig sogar ohne offizielle Feier.

«Das ist Patriotismus pur»

So weit ist es nun nicht gekommen. Micheline Calmy-Rey steht ganz legal und offiziell auf der berühmtesten Wiese der Schweiz. Dank einer grosszügigen Geste des Unternehmers Johann Schneider-Ammann. «Das ist unternehmerischer Patriotismus pur», ruft Judith Stamm, Präsidentin der Rütlikommission, der Menge zu. Ammann selber macht klar, dass es sich um eine einmalige Geste gehandelt habe: «Ich hoffe, dass die Feier 2008 wieder auf regulärem Weg zu Stande kommt.»

«Guter Auftakt» für Huber-Hotz

Diesen Wunsch äussert auch Annemarie Huber-Hotz, welche als neue Präsidentin der Rütlikommission die nächsten 1.-August-Feiern organisieren wird. «Jedenfalls war das hier ein guter Auftakt für meine Aufgabe», sagt die Zuger FDP-Frau.

Chor singt Hofers «Alpenrose»

Wieso es im Vorfeld der Feier zu solchen Turbulenzen gekommen sei, das überlasse man wohl besser der Nachwelt zu urteilen, findet Judith Stamm. «Hatte man vielleicht Angst vor starken Frauen?», fragt sie rhetorisch und erntet begeisterten Applaus. Ein Mann, der einen Balken mit aufgesteckten Schweizer Fähnchen auf den Schultern trägt, verlässt fluchend die Wiese. Der Kinder- und Jugendchor aus Luzern und Horw singt «Alpenrose» von Polo Hofer. Und plötzlich ­ Grünen-Präsidentin Ruth Genner will gerade zwei Lokalradios ein Interview geben ­ ertönt die Nationalhymne aus 2000 lautstarken Kehlen.

Es klingt erstaunlich gut, haben sie etwa alle geübt? Ruth Genner will sich jedenfalls nicht vorwerfen lassen, sie hätte Interviews gegeben statt gesungen. Sie fasst ihre Hand an die Brust und verschwindet in der Menge.

«Diese Wiese ist mehr als eine Kuhweide», sagt Nationalratspräsidentin Christine Egerszegi. Sie steht in Tracht am Rednerpult und beschwört die Kraft der Gemeinschaft und Konkordanz. «Was hätten sonst eine Jurassierin und ein Glarner noch gemeinsam?», fragt sie. Die Schweizer Vielfalt ist an diesem 1. August auf dem Rütli besonders deutlich sichtbar. Wohl noch nie waren so viele Französisch sprechende Besucher da. «Ich habe mich erst am Sonntag spontan entschieden, mit Micheline Calmy-Rey aufs Rütli zu gehen», sagt Nadine Thalmann, die Miss Romandie 2006 mit Luzerner Wurzeln. Die Ambiance und die Landschaft findet sie «fantastisch».

Eine Busladung von Genfern

Auch Guy Mettan, der umtriebige Genfer CVP-Kantonsrat, der die Bundespräsidentin in ihrer Rolle als «Winkelried des Rütlis» tatkräftig unterstützt hatte, ist da. Wie angekündigt mit einer Busladung voll Genfern. «Das Rütli interessiert mich einfach. Ich habe 1991 eine Rockoper zu Wilhelm Tell geschrieben und war deshalb schon mehrmals hier», sagt Mettan.

Die Rede von Micheline Calmy-Rey wird ständig von Applaus unterbrochen. Sie äussert sich zur Stellung der Frau und zur Integration von Ausländern. Sie braucht starke Worte. Am Schluss der Feier steht sie an der Schiffsstation und winkt den abfahrenden Besuchern nach. Sie lächelt noch immer. An diesem Tag hatte sie die Herzen des Publikums auf sicher.

22 Linksaktivisten verhaftet

Im Nachgang an eine unbewilligte Demonstration hat die Luzerner Stadtpolizei gestern Nachmittag 20 Linksautonome am Bahnhofplatz verhaftet. Zwei weitere waren bereits am Morgen festgenommen worden, weil sie auf den Torbogen beim Bahnhof geklettert waren und dort ein Transparent installiert hatten. Die Verhafteten, 21 Schweizer und 1 Türke zwischen 17 und 26 Jahren, werden nun verzeigt, wie die Stadtpolizei mitteilte. Gemäss Ernst Röthlisberger, Interimskommandant der Stadtpolizei, sollten die letzten Festgenommenen im Verlauf der Nacht wieder freigelassen werden.

«NoDemo»-Aktionen

Der Kommandant der Kantonspolizei, Beat Hensler, wurde auf dem Helvetiaplatz von Demonstranten mit Wasserpistolen nass gespritzt.

Zu den «NoDemo»-Aktionen hatte das Bündnis für ein buntes Brunnen um den Berner Rechtsanwalt Daniele Jenni aufgerufen. Gegen ihn prüft die Stadtpolizei laut ihrer Medienmitteilung ebenfalls eine Strafanzeige. Damit konfrontiert, sagt Jenni: «Dazu sehe ich keine rechtliche Handhabe. Ich schlafe jedenfalls weiterhin ruhig.»

Emanuel Thaler

Rechtsradikale vom Rütli ferngehalten

Das Sicherheitsdispositiv rund um die Feier auf dem Rütli hat funktioniert. Die Polizei hinderte Rechtsextreme daran, aufs Rütli zu gelangen, zu Konfrontationen kam es nicht.

Knallkörper detonierte nach Feier

Im Anschluss an die Feier detonierte allerdings auf der Wiese ein Knallkörper. Wie er dorthin gekommen war und wer ihn gezündet hatte, war unklar. Auch stand nicht fest, ob Gefahr bestanden hatte. Die Umstände würden abgeklärt, teilte die Urner Kantonspolizei mit.

Die Kantonspolizei Schwyz zog eine positive Bilanz. 170 Personen seien polizeilich aus Brunnen weggewiesen worden. 70 Wegweisungen stünden im Zusammenhang mit zwei Versuchen, mittels Gummibooten von Brunnen zum Rütli zu gelangen.

Gummiboote gestoppt

Um 7 Uhr morgens hatten Rechtsextreme versucht, mit sechs Gummibooten von Brunnen her kommend aufs Rütli zu gelangen. Sie wurden zurückgewiesen und nach Brunnen begleitet. Gegen Mittag starteten mehrere Dutzend Personen aus der rechtsextremen Szene mit 15 Gummibooten einen neuen Versuch, diesmal auf einer anderen Route. Doch auch dieses Vorhaben wurde mit gezieltem Wassereinsatz von der Polizei vereitelt. Es habe sich um einen «eher nicht alltäglichen» Einsatz gehandelt, schreibt die Kantonspolizei Schwyz.

Rund 60 Personen aus der rechtsextremen Szene marschierten am Vormittag von Bauen in Richtung Seelisberg, um auf dem Landweg aufs Rütli zu gelangen. Auch sie wurden zurückgewiesen. Die Urner Polizei kontrollierte die Kantonsstrasse. 19 Autos liess sie nicht weiterfahren. Die Kantonspolizei Schwyz kontrollierte den Raum Brunnen und forderte rund 100 Personen auf, den Ort zu verlassen. Drei Männer wurden vorübergehend festgenommen. Die rechtsextreme Partei Pnos kritisierte die Polizeieinsätze und kündigte weitere Aktionen an.

Was raten Sie Frau Huber-Hotz?

Nachgefragt bei Judith Stamm, Präsidentin Rütlikommission

1999 erlebte Judith Stamm ihre erste Rütlifeier als Präsidentin der Rütlikommission. Die gestrige war die letzte ­ am 14. September gibt die Luzerner Ex-Politikerin ihr Amt an Annemarie Huber-Hotz weiter.

Das war Ihre letzte Rütlifeier als Kommissionpräsidentin. Ihr Fazit des gestrigen Tages?

Judith Stamm: Ich bin sehr glücklich, dass die Feier doch noch stattfinden konnte. Leider ging es auch diesmal nicht ohne Auflagen. Doch die Hauptsache ist, dass die Feier würdig über die Bühne gehen konnte. Und dass Politikerinnen auf dem Rütli sagen durften, was sie wollten. Letztes Jahr wurde uns vorgeworfen, mit Markus Rauh einen provozierenden Redner eingeladen zu haben. Doch wo soll man sich denn noch politisch über die Gegenwart der Schweiz äussern, wenn nicht am 1. August auf dem Rütli?

Die Probleme auf dem Rütli begannen praktisch gleichzeitig mit Ihrem Amtsantritt 1999. Wieso hat deren Lösung so lange gedauert?

Stamm: Bundesrat Villigers Rede war 2000 gestört worden. Doch Buhrufe sind ja nicht verboten ­ genauso wenig wie Applaus. Uns waren die Hände gebunden. Erst 2005, als Bundesrat Schmid regelrecht niedergeschrien wurde, mussten wir sagen: So kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir im folgenden Jahr die Zutrittsbeschränkung eingeführt.

Welchen Ratschlag geben Sie Ihrer Nachfolgerin Annemarie Huber-Hotz?

Stamm: Gar keinen. Frau Huber-Hotz ist souverän genug, um die nächste Rütlifeier durchzuführen.