In welchem Zusammenhang stehen die Razzien vom 5. Februar im Netzwerk von Blood&Honour/Combat18 (folgend B&H/C18) mit einem, im Nachgang eines Neonazi-Konzerts im Jahr 2014 in Ungnade gefallenen Organisator, dem auch V-Mann-Gerüchte in der Szene anhängen? Richtig, sie betreffen ein und dieselbe Person, nämlich Alexander Gorges. Der wohnte bis vor kurzem wieder in der Schweiz. Wir ordnen ein.
Gorges holpriger Start in der Schweiz
Im Sommer 2012 zog der deutsche Staatsbürger Alexander Gorges in die Schweiz. Obwohl Gorges zu diesem Zeitpunkt im internationalen B&H/C18 Netzwerk bereits eine wichtige Ansprechperson war und die internationale Reunion mitinitiierte1, irritierte insbesondere sein Internetauftritt die hiesigen B&H-Kreise. Gorges nutzte „unautorisiert“ Banner und Logo von B&H Zürich auf Facebook und wurde deshalb von einem ehemaligen Amok-Mitglied darauf hingewiesen, dies zu unterlassen. Gorges prahlte diesem Mitglied gegenüber mit Insiderwissen zu internationalen Meetings in Schweden und einer geplanten Neustrukturierung innerhalb des Netzwerks. Die Schweizer blieben erstmal skeptisch und entfernten Gorges kurzzeitig aus den Freunde-Listen.
Dies mochte daran gelegen haben, dass Gorges‘ Ansprechperson in der Schweiz, Erika Pavano, zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig in die hiesigen B&H-Strukturen eingebungen war und somit noch nicht volles Vertrauen genoss. Gemeinsame Aktivitäten von Pavano mit den Zürcher Strukturen sind denn auch erst ab Frühling 2012 bekannt. Gorges und Pavano kannten sich jedoch von früher über die C18-Band Oidoxie. Gorges trat von 2012 bis mindestens 2014 als Bassist von Oidoxie auf. Pavano ist seit langem mit Marko Gottschalk, dem Sänger der Band, befreundet und in der Streetfightig Crew, einer Supportgruppe der Band, organisiert. Es ist naheliegend, dass Pavano in die Organisation der in der Schweiz stattgefundenen Oidoxie-Konzerte involviert war.2
Die anfängliche Skepsis gegenüber Gorges schien sich bei den Zürchern schnell gelegt zu haben: Spätestens im Oktober 2012 hatte er die Schweizer Strukturen von der Idee der C18-Reunion überzeugt. Die Schweizer Strukturen wollten partizipieren, respektive diese mitverantworten, und luden zu einem gemeinsamen Meeting im Juni 2013 ein.3
Im September desselben Jahres wurde ein Gedenkkonzert für den verstorbenen Ian Stuart Donaldson, Gründer von B&H und Sänger der Band Skrewdriver, im toggenburgischen Ebnat-Kappel mit internationalen Szenebands organisiert.4

Auch der Mitgründer und eine der Schlüsselpersonen von C18, William Browning, war zugegen. Am Konzert spielten Oidoxie und Heiliger Krieg aus Deutschland als Überraschungsbands. Amok war die Schweizer Vertretung an diesem Abend. Weil sich Kevin Gutmann mit den alten Bandmitgliedern zerstritten hatte, spielte Amok an diesem Abend in neuer Besetzung. So kam es, dass Alexander Gorges mindestens bis zu seinem Wegzug aus der Schweiz 2014 bei Amok am Bass aushalf5. Zeitweise wohnte Gorges sogar bei Erika Pavano in Wallisellen. Diese hatte zeitgleich bereits dem Thüringer „Turonen“ Marcus Russwurm bei sich Unterschlupf gewährt.6
Wirtschaftet der Netzwerker und Organisator in die eigene Tasche?
Die Wohngemeinschaft in Wallisellen war es denn auch, die 2014 massgeblich in die Organisation eines Konzertes anlässlich des 125. Geburtstages von Adolf Hitlerin Oltingue (Frankreich) eingebunden war. Der Gewinn des „Solidaritätskonzerts für nationale Gefangene“ sollte an die Thüringer Freunde von Russwum gespendet werden, die „Turonen“ um Thomas Wagner. Im Vorfeld des Konzerts gab es in der Szene Unruhe, da der ursprüngliche Organisator, Stephan Hinrichs, im Zuge eines Ermittlungsverfahrens wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ um die „Autonomen Nationalisten Göppingen“ in Untersuchungshaft landete. Unter den Neonazis kursierten bereits vor den Verhaftungen Gerüchte über die Unterschlagung von Geld bei früheren Konzerten durch Hinrichs. Ferner stand der Vorwurf, Aussagen bei Ermittlungsbehörden gemacht zu haben, im Raum. Diese Umstände führten dazu, dass Alexander Gorges die Hauptorganisation des Konzerts in Oltingue übernahm.

Die Autonome Antifa Freiburg schreibt in einem Communiqué im Nachgang des Konzerts: „Der Bassist von «Oidoxie» übernahm nach der Verhaftung Hinrichs die Rolle des Hauptorganisators des Konzerts am 19. April 2014 im Elsass: Alexander Gorges. Geboren am 7. Mai 1982 im thüringischen Leinefelde, ging Alexander Gorges nach dem Mauerfall 1989 im wenige Kilometer entfernten niedersächsischen Duderstadt zur Schule. Später lebte Gorges in Dortmund und zog kürzlich der Arbeit wegen nach Zürich in die Schweiz. Alexander Gorges pflegt dort engen Kontakt zu «Blood & Honour» Zürich. Die Zürcher B&H-Organisatorin Erika Pavano wurde auf nationale-revolution.net im Vorfeld als Mitverantwortliche des Konzerts im Elsass genannt, was aufgrund ihrer Unbeliebtheit zu Boykottaufrufen führte. Gorges wohnte eine Zeit lang zusammen mit dem Thüringer Nazi Marcus «Haggi» Russwurm, beide arbeiten im Bühnenaufbau in der Schweiz. (…)Gorges sichert sich als eine Art „fliegender Nazi-Händler“ ein Zusatzeinkommen. Er handelt von Aufklebern über geschmuggelte Nazi-CDs bis hin zu Kleidung mit allem, was indiziert oder verboten ist und versucht sich immer wieder in der Organisation großer, lukrativer Nazikonzerte. […] Nach dem «Blood & Honour»-Konzert beschwerte sich «Beobachter» darüber, dass „diverse Absprachen und Zusagen an die Bands seitens des ursprünglichen Veranstalters“ nicht eingehalten worden wären. Damit spielte er darauf an, dass einige der anwesenden Bands – wenn überhaupt – nur einen Bruchteil der versprochenen Gage erhielten. Von Seiten der Veranstalter wurde nach dem Konzert verbreitet, dass überhaupt kein Gewinn erzielt, sondern im Gegenteil sogar mehrere tausend Euro Verlust entstanden sei. Zwar rechneten die Veranstalter mit bis zu 1.500 Nazigästen und nicht mit den schließlich maximal 350 bis 400 Erschienenen. Trotzdem erscheint es in Anbetracht der Eintritts- und Bierpreise sowie der kostenpflichtigen Info- und Merchandiseständen von Nazigruppierungen und -versänden unglaubwürdig, dass kein Gewinn erzielt worden sein soll. Ob das eingenommene Geld an die kriminelle Vereinigung aus Ballstädt gespendet oder schlicht von den Beteiligten eingesteckt wurde, bleibt unklar.„7
Besonders im B&H-Umfeld dürften u.a. diese Ungereimtheiten bis heute ein fahles „Geschmäckle“ hinterlassen haben.
Versuchter Waffenkauf
Unbeliebt dürfte sich Gorges bei Kameraden auch durch die Folgen eines geplatzten Waffendeals gemacht haben. Im Sommer 2015 versuchte er über den Kasseler Neonazi Michel Friedrich mindestens zwei halbautomatische Handfeuerwaffen inklusive Munition zu erwerben. Wofür die Waffen gedacht waren, ist unklar. Klar scheint jedoch, dass sich Gorges nicht „nur“ als Organisator und Koordinator im Bereich Rechtsrock versteht, sondern sich durchaus auch mit dem von C18 propagierten Terror-Konzept des „Führerlosen Widerstands“ identifiziert.
Der Deal scheiterte, da ihn Antifaschist*innen im Vorfeld öffentlich machten8. Das Ermittlungsverfahren gegen Gorges wurde später eingestellt. Ein Zufallsfund bei der Hausdurchsuchung führte jedoch dazu, dass bei Personen aus seinem Umfeld ebenfalls Räume durchsucht und Waffen gefunden wurden.9
Back to Business
Nachdem es einige Zeit ruhig war um die Person Alexander Gorges, taucht der mittlerwile 43-jährige nun wieder als hauptbeschuldigter Händler für B&H/C18-Merchandise, Rechtsrock-Produkte und sonstige (Neo)Nazi-Artikel in der Schweiz auf.

Gorges lebt in einer Mietwohnung im aargauischen Muri und arbeitete als Dachdecker bei der Firma Arnold Dach GmbH im nahegelegenen Fenkrieden. Nachdem die Wohnung in Muri am 5. Februar durch die hiesigen Behörden durchsucht wurde, wurde Gorges am selben Tag in Deutschland verhaftet.
Es ist davon auszugehen, dass das oben genannte Material aufgrund der lockeren Gesetze, wie so oft, nicht zufällig in und aus der Schweiz gelagert und gehandelt wurde.
Rechte Aufkleber rund um sein Wohnhaus sind Anzeichen dafür, wie unbehelligt sich Gorges in der Schweiz fühlt(e). Der Umstand, dass Gorges fast zehn Jahre unter dem Radar flog, dürfte auch die Gerüchte um seine angebliche Tätigkeit als V-Mann nicht gerade zerstreuen. Berichten zufolge bewegt sich Gorges wieder auf freiem Fuss, darf Deutschland jedoch nicht verlassen.10
Ob er Miete für eine leere Wohnung in der Schweiz bezahlen muss oder diese an Kameraden weitergeben kann? Eine Arbeitsstelle dürfte in der Region ebenfalls frei geworden sein. So oder so, im besten Fall blieb von früher noch etwas Geld übrig…
Quellen:
- https://exif-recherche.org/?p=4399#sub31 ↩︎
- https://exif-recherche.org/?p=4399#sub41 ↩︎
- https://exif-recherche.org/?p=4399#sub31 ↩︎
- https://www.antifa.ch/bhc18-militante-musik-netzwerke/ ↩︎
- https://www.antifa.ch/amok/ ↩︎
- https://exif-recherche.org/?p=4399#sub41 ↩︎
- https://autonome-antifa.org/article285 ↩︎
- https://autonome-antifa.org/article306 ↩︎
- https://autonome-antifa.org/breve5911 ↩︎
- https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/goettingen-ermittler-heben-mutmasslich-rechtsextremen-handelsring-aus,rechtsextremismus-170.html ↩︎
