5 Stufen der Verleugnung: «Eines Tages wird es wieder verschwinden»

derbund.ch

Wer den menschengemachten Klimawandel leugnet oder das Coronavirus verharmlost, greift oft auf ähnliche Argumente zurück. Das ist irrational, aber menschlich.

Sandro Benini

Eine gewagte These vertritt diese Demonstrantin bei der Coronavirus-Mahnwache am 18.10. 2020 in Bern.

In einem Tweet hat der ETH-Klimatologe Reto Knutti auf die Parallelen in der Argumentation von Leugnern des menschengemachten Klimawandels und Verharmlosern des Coronavirus hingewiesen.

Gemeinsam ist den beiden Strategien, dass deren Verfechter stufenweise verblüffend ähnliche Ausreden ins Feld führen, um Untätigkeit oder halbherzige Gegenmassnahmen zu rechtfertigen. Die Schnittmenge zwischen den beiden Gruppierungen ist beträchtlich, finden sich doch viele Klimaleugner in den Reihen der sogenannten Corona-Skeptiker wieder und umgekehrt.

Argumente wie jene der SVP

Übereinstimmend lehnen sie staatliche Eingriffe und kollektives Handeln, wie sie in der überwiegenden Mehrzahl der Länder während der ersten Welle der Pandemie erfolgten, als übertrieben und freiheitsgefährdend ab.

Was sie ferner verbindet, ist die Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Institutionen und Erkenntnissen. Sie empfinden Experten oft als elitär und bezichtigen die angeblichen Mainstream-Medien, einseitig zu berichten und abweichende Positionen zu unterdrücken.

Die Rede ist hier notabene nicht nur von Verschwörungstheoretikern, die 5G-Strahlung für die wahre Ursache der Corona-Pandemie halten oder Bill Gates beschuldigen, der Menschheit durch Impfungen Mikrochips einpflanzen zu wollen. Wir sprechen auch von Positionen, wie sie parteipolitisch in milderer oder extremerer Form hierzulande vorwiegend Teile der SVP vertreten, in den USA Exponenten der Republikaner oder der rechte Fernsehsender Fox News, in Deutschland die AfD. Es sind Argumente, die einige Protagonisten in Reto Brennwalds kürzlich erschienenem Film «Unerhört!» verfechten und die auf jeder Corona-Demo fallen, ob in Zürich, Bern oder Berlin.

Während die Leugnung des Klimawandels eine typisch rechtspopulistische Position ist, erscheint die Frontlinie bei Corona gewunden. Denn zum Lager der Virusverharmloser gehören auch Impfskeptiker, Esoteriker, Naturmystiker. Und, zumal in Deutschland, Reichsbürger und Neonazis.

Reto Knutti, Professor am Departement Umweltsystemwissenschaften an der ETH Zürich.

Es gibt jedoch einen wichtigen Unterschied, den in einem Telefongespräch auch Knutti betont: «Bei der Klimaforschung liegen mittlerweile eine Viertelmillion wissenschaftlicher Arbeiten in Fachzeitschriften vor, und jedes Jahr kommen 30’000 dazu.» Ausserdem blicke man zurück auf 50 Jahre Klimaforschung und Modelle, 30 Jahre internationale Klimaberichte des IPCC, 160 Jahre Bodenbeobachtungen, 40 Jahre Satellitenbeobachtungen. «Natürlich weiss man noch nicht jedes Detail, aber die Datengrundlage ist unglaublich robust und von verschiedensten Gruppen dutzendfach analysiert», sagt Knutti.

Beim Coronavirus ist die wissenschaftliche Ungewissheit hingegen noch gross, und demzufolge sind die Meinungsverschiedenheiten auch zwischen seriösen Experten noch zahlreich. Es wäre deshalb falsch, jeden auf dieselbe Stufe wie die Leugner der Klimawandels zu stellen, der an der Wirksamkeit von im Freien getragenen Masken zweifelt. Oder der aus Verzweiflung über die wirtschaftlichen Folgen eines Lockdown auf die Strasse geht. Und in beiden Bereichen, Klima und Corona, ist es legitim, über politische, ökonomische und gesellschaftliche Vor- und Nachteile von Massnahmen zu streiten.

Inspiriert von der Sterbeforschung

Klimatologen sehen sich seit Jahrzehnten mit «steps of denials» konfrontiert, aufeinanderfolgenden Stufen der Verleugnung. Laut dem Klimatologen Michael E. Mann sind es sechs Stufen, andere Autoren kommen auf eine geringfügig tiefere oder höhere Zahl.

Das Konzept lehnt sich an die Arbeit der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross an, die bei Sterbenden bestimmte Phasen der psychischen und intellektuellen Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden Tod ausgemacht hat. Im Unterschied zu den Leugnern des menschengemachten Klimawandels folgt als letzte Phase allerdings die Akzeptanz.

Die amerikanische Denkfabrik Yale Climate Connections (YCC) hat die argumentativen Parallelen zwischen der Leugnung des menschengemachten Klimawandels und der Verharmlosung des Coronavirus in einer fünfstufigen Tabelle mit exemplarischen Beispielen erfasst. Wir geben sie hier als Liste wieder und ergänzen sie zusätzlich mit Zitaten und Anmerkungen. Prominent zitieren die Experten von YCC den gegenwärtig einflussreichsten Vertreter beider Denkschulen der Verleugnung: den amerikanischen Präsidenten Donald Trump.

Das Problem gibt es gar nicht.

Klimawandel

«Es ist ein Scherz. Ich glaube, die Wissenschaftler haben gerade eine Menge Spass.»

– Donald Trump im Januar 2014 bei einem Interview mit Fox News. Die Aussage wiederholt er in zahlreichen Tweets.

Coronavirus

«Die Demokraten politisieren das Coronavirus. Es ist ihre neuste Erfindung (hoax).»

– Donald Trump bei einer Rede in South Carolina am 29. Februar 2020.

Anmerkung: Wer die Existenz des Coronavirus heute noch bestreitet, gehört definitiv ins Lager der Verschwörungstheoretiker.

Okay, das Problem gibt es. Aber wir sind nicht dafür verantwortlich.

Klimawandel

«Das Märchen vom menschengemachten Klimawandel glauben wir nicht. Kalt- und Warmzeiten hat es in der Erdgeschichte immer gegeben. Der Klimawandel ist natürlich.»

– Alexander Gauland, Fraktionsvorsitzender der AfD im deutschen Bundestag, im Januar 2019.

Coronavirus

«China ist schuld, weil in einer Kultur, in der Fledermäuse, Schlangen, Hunde und solche Dinge gegessen werden, diese Viren von Tieren auf die Menschen übertragen werden.»

– John Cornyn, republikanischer Senator aus Texas.

Okay, wir sind verantwortlich oder mitverantwortlich. Aber das Problem ist gar nicht so schlimm. Vielleicht ist es sogar ein Vorteil.

Klimawandel

«Die Erde erwärmt sich langsamer als erwartet. Die prophezeiten Katastrophen bleiben aus. Doch eines ist gewiss: Die Welt wird immer grüner. Dank dem Treibhausgas CO₂.»

– Die Weltwoche, 3. Juli 2019.

Coronavirus

«Falls ich mit meiner Vergangenheit als Athlet jemals infiziert werde, macht mir das Virus nicht mehr aus als ein Grippchen oder eine kleine Erkältung.»

– Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro im März 2020.

«Eines Tages wird es wie durch ein Wunder wieder verschwinden.»

– Donald Trump, im Februar 2020.

Anmerkung: Wie die These von den segensreichen Auswirkungen des CO₂-Ausstosses einzuschätzen ist, lesen Sie unter anderem bei «Skeptical Science». Der Satz von Trump wird mittlerweile auf satirische Weise gegen ihn selbst verwendet, etwa hier auf «Reddit».

Okay, vielleicht ist das Problem tatsächlich schlimmer als gedacht. Aber es zu lösen oder wirksam zu bekämpfen, ist zu teuer.

Klimawandel

«Das neue CO₂-Gesetz kostet Schweizerinnen und Schweizer Milliarden, mittels höherer Steuern und Abgaben und im Gegenzug wird sich unser Klima kein bisschen verändern. Die Lenkungswirkung tendiert gegen null.»

– SVP-Positionspapier 2020

Coronavirus

«Wir haben nicht noch einmal 30 Milliarden.»

– Bundesrat Ueli Maurer bei der Delegiertenversammlung der SVP am 24. Oktober 2020.

«Die Massnahmen dürfen nicht schlimmer sein als die Krankheit.»

– Donald Trump im März 2020.

Anmerkung: Das Coronavirus richtet auch ohne Lockdown grosse wirtschaftliche Schäden an. Sie können sogar grösser sein als jene, die bei einem Lockdown eintreten, wie Sie in dieser . Und die Kosten des Klimawandels sind langfristig viel höher als jene für seine Bekämpfung, nachzulesen auf der Website «Klimafakten».

Jetzt ist eh alles zu spät. Oder: Manchmal muss man sich ins Unausweichliche fügen.

Klimawandel

«Die Klima-Apokalypse ist unausweichlich. Um uns darauf vorzubereiten, müssen wir uns eingestehen, dass wir sie nicht mehr aufhalten können.»

– Jonathan Franzen, amerikanischer Schriftsteller.

Coronavirus

«Es wird sich weiterverbreiten. Viele Familien werden ihre Liebsten vorzeitig verlieren.»

– Boris Johnson, britischer Premierminister, im März 2020.

«So ist das Leben. Wir alle sterben eines Tages.»

– Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro Ende März 2020.

Anmerkung: über jene, die den Kampf gegen den Klimawandel verloren geben.

Oh boy!

Isabella Eckerle, Virologin und Leiterin der Abteilung Infektionskrankheiten an der Universität Genf, greift die gemeinsamen Erfahrungen von Klimaforschern und Virologen in einem Tweet auf.

Der Klimatologe Michael E. Mann schreibt im US-Magazin «Newsweek», die Klimaleugner hätten Jahrzehnte gebraucht, um die Stufen der Verleugnung zu durchschreiten, bei den Corona-Skeptikern sei dies binnen weniger Wochen geschehen.

Die Vorstellung, dass die Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse etwas mit Intelligenz oder Bildung zu tun hat, ist falsch. Das sogenannte Informationsdefizit-Modell hat sich als untauglich erwiesen. Stattdessen zeigen psychologische Studien und Experimente, dass Fakten oft keinen oder nur einen geringen Einfluss auf Meinungen haben, wenn diese erst einmal gefasst sind.

Um zu erklären, weshalb viele Menschen wissenschaftliche Tatsachen leugnen, gibt es verschiedene Ansätze. Einige seien hier kurz umrissen:

Kognitive Dissonanz

Die Theorie der kognitiven Dissonanz hat der amerikanische Psychologe Leon Festinger Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt. Als kognitive Dissonanz bezeichnet Festinger einen Zustand, bei dem sich eine Person mit Informationen oder Wahrnehmungen konfrontiert sieht, die ihrem Weltbild oder tiefen persönlichen Überzeugungen widersprechen. Diese Spannung wird als unangenehm erlebt, weshalb die Person sie aufzulösen versucht. Eine Möglichkeit besteht darin, die eigene Überzeugung den neuen Informationen anzupassen. In bestimmten Fällen – etwa, wenn die Überzeugung sehr tief verankert ist oder wenn eine Änderung mit materiellen oder sonstigen Nachteilen verbunden wäre – weichen Menschen jedoch auf eine zweite Variante aus: Sie leugnen, verharmlosen oder ignorieren die unangenehmen Tatsachen.

Einfluss von Identifikationsgruppen

Laut Adrian Bardon, amerikanischer Philosoph und Verfasser des Buches «The Truth About Denial» (Die Wahrheit über Verleugnung), waren innerhalb der kleinen Gruppen, in denen Urzeitmenschen lebten, Kooperation und Überzeugungskraft für die Reproduktion mindestens so wichtig wie zutreffende Erkenntnisse über die Welt. «Die Assimilation in eine Stammesstruktur setzte die Übernahme von deren ideologischem Glaubenssystem voraus, unabhängig davon, ob sich dieses auf Wissenschaft oder Aberglauben stützte», schreibt Bardon. Eine instinktive Voreingenommenheit zugunsten der eigenen Gruppe und ihrer Weltanschauung ist laut Bardon «tief in der menschlichen Psychologie verankert». Mit anderen Worten: Wer sich in einem familiären, beruflichen oder politischen Umfeld bewegt, in dem der Leugnung des Klimawandels oder der Verharmlosung des Coronavirus eine identitätsstiftende Bedeutung zukommt, hat aus psychologischer Sicht kein Interesse, sich davon loszusagen.

Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit

Anthropologisch ist auch die These des kalifornischen Arztes und Molekularbiologen Ajit Varki. Er geht davon aus, dass das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit und die damit zusammenhängende Todesangst einen reproduktiven Nachteil darstellt. Diesen Nachteil habe die menschliche Spezies kompensiert, indem sie die Neigung entwickelt habe, Gefahren zu verleugnen und zu verdrängen. Falls dies einst ein evolutionärer Vorteil war, könnte es nun laut Varki «ironischerweise der Keim unseres Untergangs sein».

Übertriebener Optimismus

Der deutsche Kognitionspsychologe Christian Stöcker sieht eine verzerrte, weil allzu optimistische Risikoeinschätzung, die sich auch in anderen Bereichen niederschlägt, als Grund für die Verharmlosung des Coronavirus.

Der Staat macht alles falsch

Eine Erklärung dafür, dass Klimaleugner fast ausschliesslich und Corona-Verharmloser vorwiegend im rechtskonservativen politischen Spektrum angesiedelt sind, liefert Paul Krugman, Nobelpreisträger für Ökonomie, Publizist und Kolumnist der «New York Times». Seine These lautet: Konservative hegen ein tiefgreifendes Misstrauen gegen den Staat. Aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse – sei es über den Klimawandel oder das Coronavirus – fällt dem Staat manchmal die Ermächtigung zu, im Interesse des Gemeinwohls einschneidende Massnahmen zu ergreifen. Da Rechtskonservative dies ablehnen, weisen zumindest einige von ihnen zugleich die zugrunde liegenden wissenschaftlichen Tatsachen zurück.