Attacke in Zürich. Wie Rechtsradikale Zoom-Meetings stürmen

Tagesanzeiger.

Antisemiten sorgten für den Abbruch eines virtuelles Podiums mit dem Zürcher Linksaktivisten Klaus Rózsa. Es ist der erste bekannte Schweizer Fall des Phänomens «Zoombombing».

Das aktuelle Versammlungsverbot zwingt Protestierende zu kreativen Lösungen. Das Naheliegende: den Diskurs von der Strasse ins Internet verlagern. Dies taten auch die Juso Kanton Zürich anlässlich des 1. Mai. Die Jungpartei lud den Zürcher Aktivisten und Fotografen Klaus Rózsa zu einem virtuellen Podiumsgespräch ein. Rózsa sollte zu gewerkschaftlichen Fragen Auskunft geben.

Am Nachmittag treffen sich die Beteiligten und Zuschauer zur Videokonferenz auf der App Zoom. Als das Gespräch nach einigen Minuten Fahrt aufnimmt, schiebt sich plötzlich eine Karikatur über den Bildschirm. Das zeigt die Videoaufzeichnung, die dem TA vorliegt. Darauf zu sehen sind Zeichnungen von jüdischen Männern. Eine antisemitische Vorstellung des jüdischen Stereotyps: grosse Nase, gieriger Blick, Kippa und langer Bart – eine Karikatur, wie sie einst in der nationalsozialistischen Zeitung «Der Stürmer» abgedruckt wurden.

Situation eskaliert

Das Gespräch verstummt. Nach einer Weile sagt Rózsa: «Oha, ich glaube, wir wurden gehackt.» Dem Moderator gelingt es den mutmasslichen Störer aus dem Chat zu entfernen. «Tut mir leid», sagt der Moderator. «Hoffen wir, dass das jetzt nicht mehr passiert.» Das Gespräch geht weiter.

Doch kurz danach läuft die virtuelle Veranstaltung komplett aus dem Ruder: Mehrere User loggen sich zeitgleich ein, anonyme Personenfenster gehen auf. Gesichter sind keine zu sehen, umso lauter schreien die Stimmen die antisemitischen Parolen: «Die Gewerkschaften sind ein jüdisches Konstrukt», «Tod den Juden» oder «Sieg heil!». Die Ohnmacht ist dem Moderator ins Gesicht geschrieben, er zieht die Reissleine. «Es sind dermassen viele Antisemiten im Chat, wir müssen das Gespräch leider abbrechen.»

Ein paar Tage später spricht Rózsa über den Vorfall. «Ich war perplex, wusste nicht, was ich sagen soll.» Nach einer Weile sei ihm klar geworden, dass die Aktion gegen seine Person gerichtet war. «Man wollte mir das Wort entziehen, weil ich Jude bin.» Seine Partnerin habe neben ihm gestanden und alles mitbekommen: «Wir waren geschockt.»

«Die rechtsextremen Hacker sind koordiniert vorgegangen. Wir hatten keine Chance, sie aus dem Call rauszuhalten», sagt Juso-Vorstandsmitglied Dario Vareni. Die Veranstaltung und der dazugehörige Link seien innerhalb der Juso beworben worden. «Gut möglich, dass der Link auf diese Weise in falsche Hände geriet», sagt Vareni. Man habe bereits einen Verdacht. «Wir werden eine Strafanzeige wegen Verstosses gegen das Rassendiskriminierungsgesetz einreichen.»

Das Phänomen hat bereits einen Namen und einen eigenen Wikipedia-Eintrag: Zoombombing. Die Videokonferenz-App Zoom gehörte zu den grossen Corona-Gewinnern. Innert Wochen schnellten die Nutzerzahlen von 10 auf 200 Millionen pro Tag hoch. Ebenso schnell landete die US-Firma aus San José (Kalifornien) am Datenschutzpranger. Vor einer angeblichen Hackeranfälligkeit wurde gewarnt. Inzwischen hat das Unternehmen bei der Sicherheit nachgebessert: Warteräume mit manuellem Einlass oder Passwortzugang sind inzwischen möglich.

Stören von Thorastunden

Doch die Gefahr des Zoombombing bleibt. Etwa wenn, wie im Fall Rózsa, der Zugangslink in falsche Hände gerät. Davon profitieren insbesondere Rechtsradikale. Im April hatten antisemitische Hacker einen Holocaust-Gedenkanlass der israelischen Botschaft in Berlin gehackt, wie Medien in Deutschland berichteten. Ähnlich wie im Fall Rózsa hatten sich die Störer in den Videochat eingeschaltet und antisemitische Bilder gezeigt. Das Gespräch musste vorübergehend unterbrochen werden. Ebenfalls in Deutschland störten Rechtsextreme Gebete und Thorastunden, die Rabbiner per Zoom abgehalten haben.

Der deutsche Bundesverband der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) zählte bis Ende April sechs ähnlich gelagerte Vorfälle. Auch in den USA oder in Grossbritannien kam es schon zu antisemitischem Zoombombing. In der Schweiz ist die Rózsa-Veranstaltung der erste bekannte Fall: «Bisher haben wir in der Schweiz bei Onlineveranstaltungen noch keine Vorfälle registriert», sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG).

Der SIG habe schon in einer frühen Phase den Gemeinden Tipps zum sicheren Umgang mit Onlinetools wie Zoom zur Verfügung gestellt. «Einen hundertprozentigen Schutz kann es aber in diesem Bereich nicht geben, und das sind sich alle sehr wohl bewusst», sagt Kreutner.

Mehr rechtsextreme Aktivität

Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) hat den Vorfall vom 1. Mai registriert: «Solche Vorfälle zeigen, dass Rechtsextreme alle Mittel nutzen, um ihre rassistischen und antisemitischen Botschaften zu verbreiten», sagt EKR-Geschäftsführerin Alma Wiecken. Fälle mit rechtsextremistischem Hintergrund hätten in der Schweiz zuletzt zugenommen, vermehrt auch im Internet.

Durch den Corona-Lockdown würden viele Veranstaltungen über Dienste wie Zoom abgehalten. Einige Veranstalter seien noch nicht ausreichend für Sicherheitsmassnahmen sensibilisiert. «Für Rechtsextreme ist es deshalb ein Leichtes, sich einzuschalten und die Meetings zu stören.» Sie empfiehlt, Störungen zu dokumentieren und möglichst viel Material aufzuzeichnen und zu sichern, so, wie es die Juso getan hatte.

Klaus Rózsa ist beunruhigt über die digitalen Möglichkeiten, die sich für Antisemiten aufgetan haben. «Störaktionen gab es schon früher.» Doch in «real life» sei die Hemmschwelle bedeutend grösser. In der Anonymität des Internets könnten solche Hassbotschaften viel einfacher geäussert werden, sagt Rózsa. «Die Gefahr war zu spüren, doch sie war nicht greifbar.»