Anpfiff zum Krawall

Facts

Die Nachdemo der Autonomen am 1. Mai in Zürich ist abgeblasen, dafür sorgen Hooligans und Rechtsextreme für immer mehr Randale. Die jugendliche Rauflust hat Kraft: 12 000 Personen sind für Krawalle zu haben – am liebsten vor dem Stadion.
Von Andreas Kunz und Hanspeter Bundi

Die hochgerüsteten Zürcher Stadtpolizisten sollen leiden. Am 1. Mai wolle man die so genannten Robocops «bis zum Hitzeschlag herumstehen lassen», schreiben die Autonomen im Internet. Angekündigt wird kreativer Widerstand – mit Geruchs- und Lärmattacken sowie Strompannen. Einen Vorgeschmack darauf erhielt die Öffentlichkeit vor dem Zürcher Sechseläuten: Anarchos entführten den Böögg.

Die Autonomen haben, nach Jahren der Rückschläge, ihre 1.-Mai-Strategie angepasst. Sie verzichten auf die Nachdemo und begründen dies mit einer «erfolgreich geänderten Taktik». Andrea Stauffacher, 52, Zürcher Wortführerin der autonomen Bewegung, sagt zu FACTS: «Seit zwei Jahren ist es in der Schweiz schwierig geworden, Mobilisierungen durchzuführen, die nicht behördlich abgesegnet und vom Staat in geordnete Bahnen gelenkt werden können.» Es sei für sie aber «nur eine Frage der Zeit, sich die Strasse im Sinne der bekannten Nachdemos wieder zu nehmen».

Das sind Durchhalteparolen. Ein Versuch, den eigenen Bedeutungsverlust schönzureden. Die in die Jahre gekommenen Anführer der autonomen Szene haben Mühe, unter den entpolitisierten Studenten und jungen Arbeitern Anhänger zu mobilisieren. Der Kampf gegen den Staatsapparat hat an Attraktivität verloren.

Auch in den Berner Strassen ist es ruhiger geworden. Zwar kam es beim «Antifaschistischen Abendspaziergang» am 1. April erneut zu Ausschreitungen. «Aber wir stellen fest, dass die Zahl der gewaltbereiten Leute auf der Linken kleiner ist als früher», sagt Dieter Schärer, 46, Leiter der Abteilung Sicherheitspolizei in Bern.

Verschwunden ist die Krawall- und Gewaltszene freilich nicht. Rund 3000 Personen gelten in der Schweiz als militant Gewalt suchend, 9000 Personen als gewaltbereit, das heisst: Sie können sich durch Provokationen zu Gewalt hinreissen lassen. Die Gewaltszene hat sich von der politischen auf die sportliche Bühne verlagert: Drei von vier potenziellen Krawallbrüdern sind heute in der Sportszene zu finden.

«Wir müssen bei fast jedem zweiten Fussballspiel mit einem grösseren Aufgebot ausrücken», sagt Marco Cortesi von der Stadtpolizei Zürich. Allein die Stadt Zürich zählt mehr als 2000 gewaltbereite Fussballfans, so genannte Ultras. Mit Gummischrot, Tränengas und Wasserwerfern verhindern die Einsatzkräfte Zusammenstösse zwischen rivalisierenden Fangruppen. Militante Fans und Polizisten liefern sich Katz-und-Maus-Spiele, die an vergangene 1.-Mai-Krawalle erinnern. Die Grosseinsätze kosten die Steuerzahler jeden Sonntag bis zu 100 000 Franken.

«Fun-Touristen» halten Polizei auf Trab

Dabei zeigen sich neue Phänomene. Erstens sind Hooligans und Ultras weniger berechenbar als Linksautonome. «Fussballfans können ganz harmlos sein und dann, wie von der Tarantel gestochen, losschlagen», sagt Cortesi. Zweitens werden Sportchaoten und politische Extremisten generell gewaltbereiter. Schärer: «Sie schlagen immer sinnloser und immer gefährlicher zu.»

Drittens mischen sich die Szenen zunehmend. Schärer spricht von eigentlichen Krawallpendlern: «Fun-Touristen sind es, die mir Sorgen machen.» Gehe etwas, «besuchen die einzelnen Szenen gegenseitig ihre Anlässe», beobachtet Jürg Bühler, Vizechef des Diensts für Analyse und Prävention (DAP). Selbst Hooligans «treten an politischen Veranstaltungen auf». Vermischung am Element Gewalt.

Roger*, 30, ist einer, der die Szene gewechselt hat. Der Informatiker gehört zu den gewaltbereiten Fussballfans. Roger ist Single, der Grasshopper-Club und die Blueside-Ultras sind seine Ersatzfamilie. Früher suchte er die Action bei den 1.-Mai-Chaoten. Heute steht er als Kapo mit Megafon in der Fankurve. «Zusammenhalt und Kick ist bei den Fussball-Ultras viel grösser als bei politischen Organisationen», sagt Roger. Ausserdem sei es einfacher, hinter einem Fussballklub zu stehen als hinter einer politischen Ideologie.

Roger und seine Ultras gehören zu den so genannten B-Fans, die sich mit Leib und Seele ihrem Klub verschrieben haben. Provokationen demonstrieren Stärke und Geschlossenheit, Gewalt dient der Prahlerei und Frustbewältigung. «Ich suche die Gewalt nicht», sagt Roger. «Aber wenn ich angegriffen werde, schlage ich zurück.»

Wie letzten Oktober im Spiel gegen den Stadtrivalen FC Zürich. «Etwa 70 FCZ-Ultras haben uns in einem Hinterhalt überrascht», sagt Roger. Abseits von Polizei und Stadion sei es zu einer «Minutenschlägerei» gekommen: Hooligans und Ultras dreschen so lange wild aufeinander ein, bis eine Gruppe abhaut – oder bis der Ehrenkodex Schlimmeres verhindert; der Kodex verlangt, dass nur eins gegen eins gekämpft wird, und verbietet Schläge gegen Akteure, die am Boden liegen. Er sei, berichtet Roger, mit ein paar Prellungen «relativ glimpflich» davongekommen.

Neonazis als Modernisierungsverlierer

Das Ritual der Fussballkämpfe stammt aus England. Gewaltforscher Manuel Eisner erzählt von Schlachten, die sich englische Städte schon im 18. Jahrhundert lieferten – im Rahmen erster Fussballspiele ohne Regeln. Eisner: «War eine solche Schlacht im Gang, verbarrikadierten sich die Einwohner in ihren Häusern.» Schlägereien zwischen Nachbarsdörfern und verfeindeten Stadtquartieren gab es auch in der Schweiz bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Als typischstes Beispiel unstrukturierter jugendlicher Gewalteruption gilt der «Saubannerzug»: 1477 rotteten sich in der Innerschweiz 1700 Burschen zusammen und zogen nach Genf, um Brandschatzungsgelder einzuziehen, die ihnen nach den Burgunderkriegen versprochen worden waren.

Oft hat man solche Kämpfe mit der Identitätssuche Jugendlicher erklärt. Heute schreibt der Bundesrat im Extremismusbericht von «Modernisierungsverlierern», thematisiert «Vereinzelung und ein Gefühl des Ausgeschlossenseins, Orientierungslosigkeit, Ohnmachtsgefühle, Langeweile, Perspektivenlosigkeit, Frustration».

Zu den Modernisierungsverlierern zählt der Extremismusbericht speziell die Neonazis. Am augenfälligsten trat diese Szene letztes Jahr am 1. August auf dem Rütli in Erscheinung, als 800 Rechtsextreme anrückten und Bundespräsident Schmid niederbrüllten. In den letzten Jahren versuchten sie, den 1. Mai als «Tag des aufrechten Arbeiters» zu besetzen. Unter anderem in Zürich mischten sie sich unter die linken Demonstranten.

Gewalttätige Übergriffe nehmen zu

«Die Übergriffe von rechts sind unberechenbarer und brutaler», sagt Bundespolizist Jürg Bühler. Vor allem in ländlichen Gebieten komme es regelmässig zu Sachbeschädigungen und Prügeleien, oft mit unbeteiligten Opfern. In Burgdorf BE etwa wurden am Wochenende eine 53-jährige Spanierin und ihr 32-jähriger Sohn von Rechtsextremen zusammengeschlagen.

«Solche gewalttätigen Übergriffe haben seit Mitte der Neunzigerjahre stetig zugenommen», sagt Bühler. Weil sie spontan und von kleinen Gruppen verübt werden, sei es jedoch schwierig, dagegen vorzugehen. Geheime Treffen, Konzerte und Aufmärsche der rechtsradikalen Szene würden «wann immer möglich» verhindert.

Noch in der Lernphase stecken Polizei und Verantwortliche hingegen im Einsatz gegen Hooligans und Ultras. Der Fussballverband hat 341 Fans mit Stadionverbot belegt, der Eishockeyverband 190. Verbote bewirken aber nicht viel. Am Sonntag warfen Ultras beim Match GC gegen Basel Rucksäcke mit Fackeln und Knallkörpern über den Zaun – vor den Augen der Sicherheitskräfte. Trotz der Warnungen des Stadionsprechers verwandelten sich die Fankurven bei jedem Tor in eine Rauchwand.

«Um wirksam und bundesweit koordiniert gegen gewalttätige Fans vorgehen zu können, braucht es eine gesetzliche Grundlage», sagt DAP-Vize Bühler. Mit dem kürzlich vom Parlament verabschiedeten Hooligan-Gesetz sollen die Probleme im Hinblick auf die EM 2008 bekämpft werden. Zentrales Element ist eine nationale Hooligan-Datenbank. Mit Rayon-Verboten belegte Fans dürfen sich nicht mehr in einem bestimmten Stadionumfeld aufhalten. Überdies können Ausreisebeschränkungen verhängt und Polizeimeldepflichten angeordnet werden.

Jetzt kommt es zu einem Novum in der politischen Schweiz: Fussball- und Eishockeyfans ergreifen das Referendum. Mit den Massnahmen werde der Willkür Tür und Tor geöffnet, argumentieren sie.

Noch kann GC-Ultra Roger mit seiner Mitgliederkarte gratis ins Stadion. «Bald werde ich wohl einen Pass mit biometrischen Daten benötigen.» Ohne Fahnen, Fackeln und Gesänge verkämen Fussballspiele zu reinen Kommerzveranstaltungen für Sponsoren.

In der linksautonomen Berner Reithalle, die gewaltbereiten Demonstranten jahrelang als Rückzugsgebiet diente, distanziert sich derweil ein alter Aktivist von den Chaoten: «Wir müssen ihnen die Grenzen aufzeigen.» Draussen warten einige schwarz gekleidete Autonome auf eine Demonstration und anschliessenden Zoff. Sie warten und öffnen eine Bierdose nach der andern. «Feldschlösschen-Politik», sagt einer selbstironisch. «50 Prozent Bier, 50 Prozent Politik», bestätigt Josef, ein junger Zimmermann aus dem Emmental, und kickt mit den Stahlkappen seiner Kampfstiefel so hart gegen leere Bierflaschen, dass sie zerplatzen. Er würde am liebsten mit offenen Fäusten gegen die Polizei antreten, in einem Kampf Mann gegen Mann. So wie im Film «Fight Club»? ««Fight Club»», lacht Josef. «Das wärs.»

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Name der Redaktion bekannt

Ultras (B-Fans)

Typologie: Hardcore-Fussball- (und Eishockey-)Fans zwischen 15 und 23 Jahren, erlebnisorientiert und gewaltbereit. Sozial stark durchmischt, sowohl militante Anhänger als auch Mitläufer. Flache Hierarchien. Spontane Auseinandersetzungen.

Motiv: Unterstützung der Mannschaft. Kampf gegen Kommerz im Fussball.

Insignien: Eigene Fanartikel (Pullover, Schals in Vereinsfarben, selten Originaltrikots). Fackeln, Knallkörper, Signalraketen, Rauchpetarden. Transparente, Fahnen. Aufwändige Choreografien, Gesänge. Eigene DVDs.

Gesinnung: Durchmischt.

Anzahl: Gesamte Schweiz: ca. 8000. Rund 25 Prozent auch Gewalt suchend.

Linksextreme Bern

Typologie: 16 bis 25 Jahre alt. Es gibt Gewalt Suchende und Gewaltbereite. Aus Umfeld der Antifa Bern, Bündnis «Alle gegen rechts» und Reitschule. Es sind Lehrlinge, Berufsleute und wenige Studenten.

Insignien: Schwarze Kleider, abgerissene Mercedes-Sterne, Kampfstiefel, antifaschistische Aufkleber und Aufschriften.

Motiv: Kampf dem Faschismus bei Gewaltbereiten. Unklar bei Gewaltsuchenden, es kommt oft zu unselektiver Gewalt.

Gesinnung: Links. Antifaschistisch, anarchistisch, antiglobalistisch.

Anzahl: Gewalt suchend: 15-30. Gewaltbereit: unbestimmt, hängt stark von den Umständen ab.

Hooligans (C-Fans)

Typologie: Hooligans sind zwischen 25 und 40 Jahre alt, sozial integriert, aus allen Schichten, Gewalt suchend und in Banden organisiert. Klare Hierarchie, autoritäre Chefs. Ritualisierte «Feld-, Wald- und Wiesenfights». Ehrenkodex. Fussball dient nicht als Lebensinhalt, sondern als Anlass, um Kräfte zu testen.

Motiv: Gewalt als Freizeitbeschäftigung.

Insignien: Kleider der Marken Stone Island, Burberry, Tommy Hilfiger oder Lacoste.

Gesinnung: Eher rechts.

Anzahl: 400 Militante (und dazu rund 600 Mitläufer). GC ca. 80 (Hardturm-Front), FCZ ca. 80 (City Boys), FCB ca. 100 (Bande Basel), YB 20-30.

Linksextreme Zürich

Typologie: 16 bis 25 und 40 bis 50 Jahre, urban. Arbeiter, Studenten, Freischaffende, viele Secondos. Zwei Drittel männlich. Mobil, flexibel, martialisches Auftreten. Sektiererische Züge. Organisiert im Schwarzen Block, Revolutionären Aufbau, Autonome u. a.

Motiv: Kampf gegen den «kapitalistischen Staatsapparat».

Insignien: Schwarzer Kapuzenpulli, Badges, Kleber, Aufschriften, Kampfstiefel, Skibrille, Sturmhaube, Atemschutzgerät. Waffen: Pflastersteine, Flaschen, Feuerwerk, Molotow-Cocktails.

Gesinnung: Anarchistisch, marxistisch, antifaschistisch.

Anzahl: Ca. 200 (gesamte Schweiz: 2000). Davon rund 25 Prozent Gewalt suchend.

Rechte Gruppierungen

Typologie: Aus ländlichen Regionen, zwischen 15 und 25 Jahren, hauptsächlich männlich. Frauen spielen zunehmend eine Rolle. Militanter Kern, zahlreiche Mitläufer. Unberechenbar im Vorgehen. Organisiert in kleinen Gruppierungen wie Hammerskins, Blood & Honour oder Morgenstern. Nicht strukturiert, wenig vernetzt. Politischer Ableger: Pnos.

Motiv: Bekämpfung des «entarteten Systems». Gegen Ausländer und globalistische Organisationen.

Insignien: Hakenkreuze, Fahnen, rechte Musik, Kleider der Marken Lonsdale u. a., Kampfstiefel, Glatze oder kurze Haare.

Gesinnung: Nationalistisch.

Anzahl: 1000 (ganze Schweiz). Davon etwa 25 Prozent Gewalt suchend.