Das Netz der Rassisten

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Das Netz der Rassisten

Daniel Schweizer beschäftigt sich im Film «White Terror» erneut mit Neonazis

Mutig sucht der Westschweizer Regisseur in seiner dritten Dokumentation über Rechtsextremisten die Konfrontation mit Menschen, die barbarische Ideale hochhalten und sich längst nicht mehr mit harmlosen Wehrsportspielen im Wald begnügen.

andreas berger

Es wird gerne verharmlost, wenn sich junge Menschen die Schädel kahl scheren, Kampfstiefel und Bomberjacken anziehen und mit Gleichgesinnten demonstrativ die Arme zum Hitlergruss erheben: Bloss eine symbolische Rebellion gegen das Elternhaus und eine Zwischenphase auf dem schwierigen Weg zum Erwachsensein sei das, wird häufig gesagt. Diese Mentalität hat bereits vielen Menschen das Leben gekostet – auch in der Schweiz.

In der Einleitung seiner Dokumentation «White Terror» geht der Westschweizer Regisseur Daniel Schweizer auf jenem Spazierweg, von dem in der Nacht auf den 26. Januar 2001 die Leiche Marcel von Allmens in den Thunersee geworfen wurde. Mitglieder des «Ordens der arischen Ritter» hatten den 19-jährigen Mann brutal mit einer Metallstange erschlagen; bereits zwei Jahre zuvor hatte der Anführer dieser Gruppe auf einen Zivilpolizisten geschossen und war dafür zu 18 Monaten Gefängnis bedingt verurteilt worden.

Drohungen mit dem KZ

In seinem nach «Skin or Die» (1998) und «Skinhead Attitude» (2003) dritten Film über die Neonaziszene verzichtet Schweizer in der Folge auf Statistiken, wie häufig in rechtsextremen Kreisen zur mörderischen Tat geschritten wird. Stattdessen nimmt er den Vertrieb des als Video und DVD erhältlichen Films «Kriegsberichter» zum Ausgangspunkt für eine Recherche über die internationalen Beziehungen faschistischer Akti-visten.

Die so genannten revisionistischen Historiker und Holocaust-Leugner der Generation David Irvings und Jürgen Grafs, die den unheimlichen Patrioten mit geschichtsklitternden Argumenten ein ideologisch «sauberes» Tarnmäntelchen anzuziehen versuchten, kommen dabei nicht mehr vor. Die Neonazis der Gegenwart streiten die Grausamkeiten in den Konzentrationslagern nicht mehr ab, in «Kriegsberichter» setzen sie authentische Archivaufnahmen des Holocausts ein, um damit ihre Gegner einzuschüchtern. «We are armed, we are white, we shoot reds on sight» heisst es in dem hetzerischen Propagandawerk, das der unter dem Namen Jäsä bekannte Filmproduzent offen als «rassistische Unterhaltung» bezeichnet.

Nazis auf dem Roten Platz

Die am Thunersee beginnende Reise in «White Terror» führt das Publikum via Schweden, Deutschland und den USA nach Russland. Auch in jenem Land, das im Zweiten Weltkrieg den grössten Blutzoll zu entrichten hatte beim Kampf gegen die Diktatur des Dritten Reichs, tummeln sich heute Nazis auf Moskaus Rotem Platz und spricht die Nazi-Rockband Kolovrat eine grosse Fangemeinde an; «Wir haben viel zu tun», ruft ein Vertreter des französischen Front National den russischen Rechtsextremen zu.

Dass sich Aktivisten von «White Aryan Resistance» und anderen faschistischen Gruppierungen vor seine Kamera wagen und er auch Extremistenaufmärsche filmen kann (wobei er in Schweden vertrieben wird von einem Poli-zisten, der ihn irrtümlich für einen Gesinnungskumpan der Nazis hält), verdankt Daniel Schweizer den Kontakten, die er bei seinen früheren Produktionen knüpfte. «Ich habe ihnen Kassetten meiner Filme geschickt und machte ihnen klar, dass ich Filmregisseur und nicht Journalist bin», erläutert Schweizer in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» seine Arbeitsweise. «Ich nahm die Perspektive eines Ethnologen ein und sagt ihnen: Ihr seid ein Stamm. Ich bin keiner von euch und teile eure Ideen nicht, ich begleite die Zusammenkünfte und Riten und fange sie mit der Kamera ein.»

Pistolenkugel im Briefkasten

Das Bestreben, nach bereits zwei kontrovers diskutierten Filmen den öffentlichen Diskurs über die extreme Rechte vertiefend weiterzuführen, ist nicht ganz ungefährlich. Daniel Schweizer: «Ich erhielt in den letzten Jahren Briefe mit einem Totenkopf drauf, das Heftigste war eine Pistolenkugel, die man mir in einem Couvert schickte. Es gehört aber zu dieser Szene, dass man mit Gewalt und Drohungen spielt. Man darf sich dadurch nicht einschüchtern lassen.»