Wenig Reaktionen auf Hooligan-Randale

Der Bund

STADTBERN / Am Sonntag haben Fussballfans randaliert. Die Stadtberner Parteien sprechen sichgegen Gewalt aus.

njb. Letzte Woche bewegte der antifaschistische Abendspaziergang die Gemüter: Die Stadtberner Parteien stritten sich um die Richtigkeit des Polizeieinsatzes und um die Sprayereien in der Berner Altstadt. DiesenSonntag randalierten Fussballhooligans nach der Niederlage des FC Zürich gegen YB beim Bierhübeli. Erst Tränengas und Gummischrot bändigten die Hooligans. Die Polizei nahm drei Personen vorübergehend fest. Diesmal blieben die Reaktionen der politischen Parteien aus.

Der «Bund» hat bei Parteispitzen nachgefragt -und alle haben sich gegen Gewalt ausgesprochen, ob sie nun von links oder von rechts komme. Raymond Anliker, Fraktionspräsident der SP, fügte an, alle Institutionen, ob Reithalle oder Fussballverein, müssten lernen, mit der Gewalt umzugehen: Sie müssten «gegen innen so wirken, dass die Leute merken: Gewalt hat bei uns keine Chance».

YB-Manager Fredy Bickel meint, Ausschreitungen seien schlimm fürs Wohnquartier rund ums Neufeldstadion. «Aber im Stadion haben wir die Lage im Griff», sagt er. Die Berner Stadtpolizei bereitet derweil die nächsten Heimspiele der Young Boys vor: «Es gibt fast keine problemlosen Spiele mehr», sagt Polizeisprecher Rolf Spycher. Es gebe immer mehr Fans, «die den Kick der Gewalt brauchen», sei es die Auseinandersetzung mit den gegnerischenFans, sei es die Konfrontation mit der Polizei.

Ein «heisses Spiel» wird sicher am 25. April ausgetragen, wenn der FC Basel im Neufeldstadion spielt. Die Basler sind bekannt für ihre radikale Fangruppe. Letzten Sonntag haben die Basler Hooligans in Zürich nach dem Spiel gegen die Grasshoppers Flaschen undSteine gegen Polizisten geworfen. Im Hauptbahnhof lieferten sich die Grasshopper- und die Basel-Fans Scharmützel;die Polizei griff mit Wasserwerfern ein und nahm zwölf Basler Fans vorübergehend fest.

«Gewalt muss man neutral anschauen»

STADT BERN / Am Sonntag randalierten Zürcher Fussballfans beim Bierhübeli; erst Tränengas und Gummischrot beruhigte die Hooligans. Während die Berner Parteien letzte Woche nach dem Antifaschistischen Abendspaziergang Debatten und Massnahmen verlangten, blieben sie diesmal still. Erst auf Nachfrage verurteilten sie die Gewalt.

? NICOLE JEGERLEHNER

«Von der ersten Minute an war die Stimmung imStadion aggressiv», sagt Fredy Bickel über das Fussballspiel vomSonntag zwischenYB und dem FC Zürich. Der YB-Manager lobt den eigenen Sicherheitsdienst und die Polizei: «Sie haben gut geschaltet;innert zehn Minuten waren die Polizisten präsent, und ab der zwanzigsten Minute herrschte Ruhe». Nach dem Spiel – YB schlug den FCZ 3:2 – war es mit der Ruhe vorbei. Die Stadtpolizei verhinderte beimStadion eine direkte Konfrontation der beiden Fangruppen. Beim Bierhübeli jedoch blockierten die Zürich-Fans denVerkehr, warfen Bierflaschen, kletterten über blockierte Autos und schlugen Autoscheiben ein – zumEntsetzen der Insassen. Erst als die Ordnungshüter Tränengas und Gummischrot einsetzten, beruhigte sich die Lage. Die Berner Stadtpolizei nahm vorübergehend drei Personen fest. Da die Geschädigten noch keine Anzeigen eingereicht haben, konnte gestern der Sachschaden nicht beziffert werden.

Polizei: Nicht wie Antifa

Während die Sachbeschädigungen und der Polizeieinsatz am 3. Antifaschistischen Abendspaziergang vor zehn Tagen zu einemAufschrei aller Parteien – und einer stündigen Debatte im Stadtrat – geführt hatten, blieb es gestern nach den Ausschreitungen der Fussballfans still. Polizeisprecher Rolf Spycher begrüsste dies: «Zwischen dem Abendspaziergang und dem Fussballspiel besteht nebst dem Einsatz von Tränengas und Gummischrot keine Parallele.» Die Demonstration sei politisch gewesen, und die Sachschäden beim Abendspaziergang seien viel grösser als bei den Ausschreitungen nach demYB-Match.

Politik: Gegen jede Gewalt

Die Politikerinnen und Politiker Berns sehen dies anders -allerdings erst auf Nachfrage: Freisinnige, SVP, SP und GB gehen einig, dass Gewalt nicht tolerierbar sei – egal von wem sie begangen werde – und die beiden Ereignisse darum vergleichbar seien. «Gewalt und Chaotentum akzeptieren wir nicht, auch nicht an Sportveranstaltungen», sagt Hans UlrichGränicher, Präsident der städtischen SVP. FDP-Präsidentin Annemarie Lehmann doppelt nach: «Gewalt muss man neutral anschauen, egal ob sie von rechts oder links kommt.» Adrian Haas, Fraktionschef der FDP, hatte sich letzte Woche stark gemacht für die Stadtratsdebatte zum Abendspaziergang. Zu denAusschreitungen der Hooligans verlangt er keine Debatte: «Es macht keinen Sinn, dieselbenFragen noch einmal zu thematisieren.»

Raymond Anliker, Fraktionspräsident der Sozialdemokraten, betont, seine Partei habe letzte Woche nicht die gezielten Eingriffe der Polizei gegen sprayende Demonstrierende kritisiert, sondern die Wende, die Polizeidirektor Kurt Wasserfallen dem Einsatz gegeben habe – und dessen «rhetorische Gewalt», etwa als er die Demonstrierenden als «Brut in der Reitschule» bezeichnet hat.

Natalie Imboden vomGrünen Bündnis weist auf Vorstösse auf städtischer und kantonaler Ebene hin: GB, JA und GPB verlangen die Schaffung einer Polizei-Fachkommission;diese solle Fragen von Polizeieinsätzen nachgehen – «egal von welcher Seite die Vorfälle, die zum Einsatz führen, ausgehen». Imboden sieht keinen Unterschied zwischenGewalt, die von linken Demonstrierenden ausgeht, und Gewalt, die von Fussballhooligans verübt wird. «Der Begriff Gewalt wird aber sehr unpräzise benutzt», fügt sie an.

Problem Neufeldstadion

Haas spricht die Problematik des Neufeldstadions an, das in einemWohnquartier liegt: «Wenn man einenFussballmatch nicht geordnet durchführen kann, muss man damit aufhören.» Bickel widerspricht: «Die Fans randalieren auf demWeg zum Bahnhof -da kann das Stadion ausserhalb eines Quartiers liegen, die Fans müssen trotzdem an den Bahnhof.» Bickel sagt, auch YB habe an Auswärtsspielen Probleme mit Hooligans: Da tauchten «Fans» auf, die nie an Heimspielen zu sehen und nur auf Scharmützel aus seien. «Denen gehts gar nicht um den Sport.»

KOMMENTAR

STELLVERTRETERDEBATTE

? STEFAN BÜHLER

An zwei Wochenenden in Folge kam es in Bern zu Ausschreitungen: Vor zehn Tagen am Antifaschistischen Abendspaziergang, diesen Sonntag nach dem Fussballspiel YB-FCZ. Ein Vergleich drängt sich auf.

Sowohl am Abendspaziergang als auch nach dem Fussballspiel war es nur eine kleine Gruppe Gewaltbereiter, die randalierte. Gemeinsam ist den Ereignissen weiter, dass «bloss» Sachen beschädigt wurden. Während aber vor Wochenfrist linke Randalierer die Innenstadt versprayten, griffen nun Hooligans aus dem rechtsextremen Dunstkreis beim Bierhübeli vorbeifahrende Autos an. Nicht zuletzt wegen der unterschiedlichen politischen Färbung der Randalierer dürften die Reaktionen auf die Ereignisse anders ausfallen.

Eine Prognose sei gewagt: Es wäre überraschend, kritisierten die linksgrünen Parteien nun den Polizeieinsatz gegen die Fussball-Hooligans als unverhältnismässig hart. Auf der andern Seite wird Kurt Wasserfallen, der vor Wochenfrist von der «Brut in der Reithalle» redete, jetzt kaum von der «Brut im Neufeldstadion» sprechen. Und die SVP wird im Unterschied zur Woche nach dem Abendspaziergang diesmal nicht versuchen, mit populistischen Inseraten aus den Ereignissen nach dem YB-Match politisches Kapital zu schlagen.

Soweit die Prognose, die unterstreichen soll, was sich schon letzte Woche zeigte: Auf politischer Ebene wird im Zusammenhang mit Randalierern immer noch oft eine peinliche Stellvertreter-Debatte nach dem Links-Rechts-Schema geführt – trotz der von allen stets wiederholten Beteuerung, sie seien gegen jedwelche Gewalt. Damit aber wird keine Sprayerei verhindert und kein besoffener Hooligan zur Vernunft gebracht. Dafür gerät die Polizei – mal als zu zögerlich, mal als zu rabiat kritisiert – zwischen die Fronten. Hier könnte eine Polizei-Fachkommission, in der Art, wie sie nun zur Diskussion steht, Abhilfe leisten: Mehr Transparenz in ihrer Arbeit würde die Angriffsflächen der Polizei verringern, genauso wie die Gefahr, dass sie zum politischen Spielball verkommt.