Lebt der Patient noch?

Republik. Homestory.

BDP-Präsident Martin Landolt will nicht brüllen und lieber in Näfels in Sachlichkeit sterben. SVP-Wahlkampfleiter Oskar Freysinger hingegen wähnt sich in seinem Haus in den Bergen oberhalb von Sion im Weltkrieg. Serie «Homestory», Folge 1.

Von Daniel Ryser, Olivier Würgler (Text), Goran Basic (Bilder) und Doug Chayka (Illustration), 06.06.2019

Nach knapp einstündiger S-Bahn-Fahrt ab Zürich erreichen wir Näfels, eine Kleinstadt im Glarner­land: wunder­schöne Natur, wahllos zersiedelt mit Scheiss­häusern. Neben dem trostlosen einstöckigen Kantonal­bankgebäude ein dreistöckiger Wohnblock, Albtraum in Lavendel.

Die Menschen von Näfels sind auffallend freundlich, grüssen mit einem Lächeln im Vorbeigehen. Wir laufen durch ein Einfamilienhaus­quartier, bis wir vor einem Gebäude stehen, dessen Eingang mit einer Kamera überwacht wird. Es ist das Haus von Martin Landolt, Präsident der Bürgerlich-Demokratischen Partei, einer Partei, der vorausgesagt wird, dass sie diesen Herbst nicht überleben wird. Landolt öffnet die Tür in Adiletten.

«Die Kameras haben nichts mit meiner Funktion zu tun», sagt er. «Meine Partnerin wollte das so. Weil ich so selten daheim bin.» Er führt durch ein blitzblank aufgeräumtes Haus. Das Einzige, was hier an Leben erinnert, sind die Geweihe von Wild­tieren, die Jäger Landolt geschossen hat. Ein Bildschirm in der Küche überträgt die Bilder vom Eingang und aus dem Garten, und dort nehmen wir an einem riesigen schwarzen Steintisch Platz mit Sicht auf die vorbei­fahrende S-Bahn. «Ideal für eine Patchwork­familie», sagt Landolt und serviert Kaffee.

Landolt erzählt von der Gründung der BDP. Von dem Wahnsinn in der SVP nach der Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf und der Abwahl von Christoph Blocher, von einem Mitglied der Jungen SVP Glarus, das an einer ausser­ordentlichen Delegierten­versammlung sagte: «Wir müssen die Partei jetzt säubern von Leuten, die einem in den Rücken schiessen, wenn man in den Krieg zieht.» Von ehemaligen Regierungs­räten, die das beklatschten. Landolt, damals Vize­präsident der Kantonal­partei, fuhr heim und sagte zu seiner damaligen Frau: «Ich höre auf.»

Das Unbehagen gegenüber seiner ehemaligen Partei hatte sich über lange Zeit aufgebaut: Messer­stecher-Plakate und eine radikale Rhetorik befremdeten Landolt, der sich in der Tradition der Glarner Demokraten verstand, einer Links­abspaltung der FDP.

In den meisten anderen Parteien sieht der Glarner keine Konkurrenten, sondern Verbündete, um Mehrheiten zu finden. Landolt ist der fleisch­gewordene Kompromiss. Man kann sich kaum vorstellen, dass dieser Mann mal in der SVP war, ein Mann, der den gesellschaftlichen Wandel nicht negativ bewertet, der auf jeden doofen Spruch, den wir machen, gelassen reagiert. Ein Mann, der mit Optimismus in die Zukunft blickt, ohne Paranoia vor überbordender Gender-Ideologie oder dem EU-Diktat. Das Einzige, was Landolt zu befremden scheint, ist seine ehemalige politische Heimat, die zunehmende Polarisierung in der Politik.

«Diese Legislatur ist anders als die früheren Legislaturen», sagt der BDP-Präsident. «Am Anfang meiner Zeit als Nationalrat war ich extrem positiv überrascht, wie wir im Parlament hinter verschlossenen Türen in den Kommissionen und auch am Feierabend einen freundschaftlichen Umgang pflegten. 2015 wurden mehrere Neue gewählt, welche systematisch die sogenannten Wutbürger bewirtschaften. Sie begannen diesen Stil und diese Kultur in die Ratsdebatte und in die Kommissionen zu tragen. In den Kommissions­sitzungen sind wir heute meilenweit davon entfernt, vernünftige Diskussionen zu führen oder Lösungen zu erarbeiten, die Kraft des besseren Argumentes zählt nichts mehr. Man schreit einfach über den Tisch hinweg.»

«Ihre Partei liegt im Sterben. Vielleicht sollten Sie selber mal ein bisschen einheizen, Herr Landolt?»

«So können Sie vielleicht im Kanton Zürich Politik machen. Bei uns im Glarner­land wird nicht geschrien. Wir sind ein Landsgemeinde­kanton. An einer Lands­gemeinde müssen Sie ruhig, sachlich und kurz Ihre Punkte darlegen, wenn Sie gewinnen wollen. Hier hatte noch nie einer Erfolg, der geschrien hat.»

«Aber in der Politik geht es doch gar nicht um Argumente. Es geht um Emotionen, um die Reduktion von Komplexität. Wie wollen Sie die Leute mobilisieren?»

«Ich bin ein lösungs­orientierter Sach­politiker, der Mehrheiten sucht. Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Bedürfnis für eine fortschrittliche Mitte besteht, ein Bedürfnis, das grösser ist als die 9 Prozent, die wir im Moment zusammen mit den Grün­liberalen abdecken. Bürgerliche Wähler brauchen zunehmend eine Alternative in Form einer Partei, die auch Ökologie ernst nimmt, die auch gesellschafts­liberale Anliegen ernst nimmt und sich für eine europa­freundliche, weltoffene Schweiz positioniert.»

Lösungsorientiert. Sachpolitik. Bitte 2,5 Milligramm Temesta intravenös.

«Dann gehe ich halt erhobenen Hauptes unter. Wenn wir in Sachlichkeit sterben, dann musste es so sein.»

«Das werden wir auf Ihren Grabstein hämmern.»

«Damit kann ich gut leben: Martin Landolt, in Sachlichkeit gestorben.»


«Linke sind wie Hamster», sagt Oskar Freysinger. «Die Rechten haben ein offenes Visier. Man weiss, sie haben Geld. Machen Geld in der Wirtschaft. Man sieht es ihnen an. Die Linken sind die Heimli­feissesten. Sie versuchen, sich wie Hamster ihren Teil abzunagen.»

«Was für ein Tier sind die Rechten, Herr Freysinger?»

«Löwen. Tiger. Raubtiere. Wenn du einen Löwen kommen siehst, dann weisst du, was er vorhat. Dann musst du rennen.»

«Was wären Sie für ein Tier?»

«Ich wäre gerne ein Elefant. Ruhig und bedächtig und ein gutes Gedächtnis. Aber eigentlich bin ich eher ein Nashorn, das mal losrennt.»

Während Martin Landolt in Sachlichkeit zu sterben droht, befindet sich Oskar Freysinger im Krieg. Wir sitzen am Küchen­tisch in seinem Chalet in den Bergen oberhalb von Sion. Freysinger, im Frühling 2017 als Staatsrat im Kanton abgewählt, wurde von seiner Partei reaktiviert, um für die SVP den Romandie-Wahlkampf zu führen.

Wir wollen seine Reichskriegs­flagge sehen. Die hing, als das Schweizer Fernsehen 2013 eine Reportage über ihn drehte, in seinem Keller und löste nach der Ausstrahlung einen Skandal aus.

«Ich mache keine Führungen mehr», sagt er.

«Aber die Flagge, die hängt noch?»

«Selbstverständlich. Das ist eine Prinzipienfrage.»

Der braun gebrannte und vital wirkende Freysinger sieht aus, als komme er gerade von einer Bergtour, aber in Wirklichkeit kommt er gerade aus dem Spital, wo ihm tags zuvor drei neue von inzwischen dreizehn Herzgefäss­stützen gelegt wurden. Das erste Mal kollabiert war er vor zehn Jahren. Freysinger knallte nach einem Stadtlauf auf den Boden und lag vier Stunden im Koma.

«Ich habe endlich wieder genug Sauer­stoff», sagt er. Praktisch während des gesamten Interviews steht er, so sehr scheint ihn der medizinische Eingriff zu beflügeln. «Drei Jahre lang musste ich mich schon nur auf das Binden der Schuhe mental vorbereiten. Jeder Schritt war eine Anstrengung. Mir hat während Jahren der Sauer­stoff gefehlt.»

Er drückt uns eine Ausgabe seines autobiografischen «Survival Reports» in die Hand, ein Buch, das er nach seiner Abwahl geschrieben hat. Es handelt von den vier Jahren in der Regierung, die Freysinger offenbar fast den Verstand und sogar fast das Leben gekostet haben. Wir blättern darin und lesen ihm einen Ausschnitt vor, ein Gedicht, das er während seiner Amtszeit verfasst hat:

Versteckt hinter hohen Hecken
bewerfen sie mich mit Dreck.
Ich muss wohl darin verrecken,
denn ich finde kein Versteck.

«Kennt ihr Kafka? ‹Die Verwandlung›?», fragt Freysinger. «Ich hatte das Symptom von Gregor Samsa entwickelt: ‹Als Gregor Samsa an diesem Morgen aufwachte, da war er in einen riesigen Käfer verwandelt â€¦â€ºÂ»

«Was heisst das, Sie haben sich in Gregor Samsa verwandelt?»

«Man hat mir während des Wahl­kampfs ein krasses Negativ­image verpasst: Volks­feind Nummer eins. Rechts­extrem. Rassist. Man hat mich als zweiten Hitler dargestellt. Ich fing an, dieses Image immer mehr zu verinnerlichen, bis ich mich selber nicht mehr im Spiegel anschauen konnte. Immer wieder musste ich zu mir sagen: ‹Du bist kein Sauhund. Dein Kampf ist korrekt. Du bist ein Humanist, du bist ein Mystiker.›»

«Ein Mystiker?»

«Ich bin ein verspäteter Romantiker. Mein Lieblings­dichter ist Rilke. Das Schreiben von Gedichten war für mich während meiner Amtszeit die einzige Möglichkeit, für ein paar Stunden dem Rummel zu entfliehen. Ich habe damals sogar angefangen, in den politischen Sitzungen Gedichte zu schreiben, wenn es für mich plötzlich unerträglich wurde. Es war eine Höllen­fahrt. Ich war im Überlebens­kampf. Ich fühlte mich wie ein Front­kämpfer. Am Morgen ging ich in Verdun an die Front. Ich sah noch die Einschläge vom vorherigen Tag. Ich wusste nicht, wann mir die Bombe auf den Grind fallen würde. Überleben um jeden Preis. Ich wurde zu einem Tier, das nur noch überleben wollte. Ich wurde auf mein reptilisches Gehirn zurückgeworfen.»

Wir fragen Oskar Freysinger, warum er in die Politik zurück­gekehrt sei, nach allem, was er erlebt und empfunden habe.

«Wegen des Kampfs um das Rahmen­abkommen», sagt er und legt seinen eigenen Wahlkampf-Schwer­punkt offen. «Hier geht es um mehr als bloss um einen internationalen Vertrag. Alles steht auf dem Spiel. Es geht um die Wahl­freiheit als solche. Souveränität: ja oder nein. Links und rechts haben keine Bedeutung mehr. Wenn das Rahmen­abkommen durchkommt, legen wir unser Schicksal in die Hände der finsteren EU-Mächte. Wenn es durchkommt, kaufe ich mir eine Villa in Patagonien.»