Französische Journalistin kritisiert frankophoben Rassismus der Schweizer

Mit ihrem sanften Blick und dem melodiösen Akzent, der sofort ihre Herkunft verrät, empfängt uns Marie Maurisse herzlich in den Büroräumen der kleinen Presseagentur, die sie mit zwei weiteren Investigativ-Journalisten in Lausanne teilt.

Marie Maurisse ist freie Journalistin in Lausanne. Sie arbeitet für verschiedene französischsprachige Schweizer Zeitungen, wie L’Hebdo, Le Temps, Le Matin dimanche oder PME Magazine. Sie ist auch Korrespondentin in der Schweiz für die französische Tageszeitung Le Monde. Ihr erstes Buch, „Willkommen im Paradies – eine Untersuchung über das Leben der Franzosen in der Schweiz“ ist am 13. April auf Französisch im Verlag Stock erschienen.

Die 33-jährige Autorin aus Toulouse, die seit 2008 in der Schweiz wohnt und arbeitet, erlebt momentan eine schwierige Zeit, wie sie gleich zu Beginn betont. Nach Erscheinen ihres ersten Buches „Willkommen im Paradies“, das die Schattenseiten der französischen Einwanderung in die Schweiz zeigt, hat sie Dutzende von Hassnachrichten erhalten.

swissinfo.ch: Haben Sie mit solchen Reaktionen gerechnet, als Sie mit dem Schreiben des Buches anfingen?

Marie Maurisse: Ich wusste, dass ich ein heikles Thema aufgreife, aber diese heftigen Reaktionen treffen mich schon sehr. Leider zeigt es genau das, was ich in meinem Buch schreibe: Wenn man Einwanderer ist – ob Franzose oder von anderswo – und in der Schweiz sein Leben verdienen darf, soll man schweigen. Das ist der Inhalt der meisten Hassnachrichten, die ich erhalte. Aber ich verstehe nicht, warum ich nicht das Recht haben sollte, gewisse Aspekte eines Landes zu kritisieren, das ich im Übrigen sehr schätze.

swissinfo.ch: Hätte dieses Buch auch von einer Schweizerin geschrieben werden können?

M.M.: Nein, ich glaube nicht, dass Schweizer das Leiden der Einwanderer und Grenzgänger bemerken können. Es ist für einen Franzosen einfacher, sich einem Landsmann anzuvertrauen. Bei einem Schweizer sind wir immer vorsichtig, aus Angst, ihn zu verletzen. Sogar meine Schweizer Freunde sind manchmal beleidigt, wenn ich ihr Land kritisiere.

swissinfo.ch: Kommen wir zu der Message, die Sie mit Ihrem Buch vermitteln wollen. Sie schreiben, die Franzosen seien in der Schweiz heute Opfer eines versteckten Rassismus. Gehen Sie nicht etwas weit?

M.M.: Das ist leider die Realität. Ich habe Dutzende Franzosen getroffen, Einwanderer und Grenzgänger, und alle waren schon einmal Opfer einer verletzenden Bemerkung. Mit der Zeit haben sie gelernt, den Situationen aus dem Weg zu gehen. Sie versuchen beispielsweise, auf keinen Fall unpünktlich zu sein, damit man sie nicht als faul einstuft, was eines der Klischees über die Franzosen ist.

„Wegen ihrem Erfolg ist die Schweiz hochnäsig geworden. Ihr Minderwertigkeits-komplex hat sich in einen Überlegenheits-komplex gewandelt. Von ihrem Podest aus machen sich die Einwohner der Schweiz über Frankreich und dessen Niedergang lustig“

Auszug aus „Willkommen im Paradies“

swissinfo.ch: Sie beschreiben die Franzosen als Opfer. Aber in den Unternehmen werden sie häufig der Vetternwirtschaft bezichtigt: Sobald sie können, holen sie ihre Landsleute nach.

M.M.: Diese Kritik ärgert mich! In allen Unternehmen gibt es eine natürliche Neigung, Leute anzustellen, die man kennt, die an den gleichen Schulen waren oder die aus Gegenden stammen, die man mag. Vitamin B ist ein universelles Phänomen und ich finde es sehr gemein, zu behaupten, die Franzosen täten dies mehr als andere. Das ist eine sehr rassistische Bemerkung.

swissinfo.ch: Das letzte Kapitel Ihres Buches handelt von der Ermordung eines französischen Kadermitglieds der Genfer Verkehrsbetriebe durch einen Schweizer Angestellten im Jahr 2011. Sie schreiben, dass der Mörder im Gefängnis Briefe von seinen Kollegen erhält, die ihm dafür danken, einen „Grenzgänger getötet zu haben“. In einem der Briefe werden Grenzgänger sogar mit „Parasiten“ verglichen, die man um die Ecke bringen müsse. Kann der Hass auf die Grenzgänger also bis zum Verbrechen führen?

M.M.: Diese Geschichte ist ein besonderer Fall, aber sie zeigt, dass die anti-französischen Ressentiments in der Schweiz zu einem solchen Ende führen können. Was mich beunruhigt, ist die fehlende Mobilisierung angesichts dieses Dramas: Die Medien und die Menschenrechtsorganisationen sind seltsamerweise still geblieben. Die Justiz hat keine Verfahren gegen die ausländerfeindlichen und rassistischen Briefeschreiber eröffnet.

swissinfo.ch: Wie ist es so weit gekommen?

M.M.: Es ist ein politisches Problem, das sich in den letzten 10 bis 15 Jahren entwickelt hat. Zuerst einmal gab es die Personenfreizügigkeit, die zu einem starken Anstieg europäischer Arbeitnehmer geführt hat und deren negativen Auswirkungen von den Behörden unterschätzt und schlecht gemanagt wurden.

Die Ressentiments der Schweizer sind verständlich. In Bereichen wie Marketing, Kommunikation und Human Resources treten die Franzosen in direkte Konkurrenz mit den Schweizern, und Lohndumping ist – obwohl schwierig zu beweisen – häufig sehr real.

Gleichzeitig wurden diese Spannungen von den populistischen Parteien der extremen Rechten instrumentalisiert. Die Schweizerische Volkspartei (SVP) hat den ausländerfeindlichen Diskurs in der Schweiz banalisiert und eine Atmosphäre allgemeinen Misstrauens geschaffen. Die Genfer Bürgerbewegung gibt dem Ganzen mit ihrer ausländerfeindlichen und anti-französischen Sichtweise einen zusätzlichen Anstrich.

swissinfo.ch: Die SVP als rechtsextreme populistische Partei zu bezeichnen, wie Sie es übrigens auch in Ihren Artikeln für „Le Monde“ tun, bringt Ihnen ziemlich viel Kritik ein. Verlieren Sie nicht an Glaubwürdigkeit mit einer solchen Behauptung?

M.M.: Das ist nicht eine Einschätzung von mir, sondern jeder Politologe würde diese Definition der SVP bestätigen. Das sagt auch viel über die Schweiz aus, die unfähig ist, ihre politischen Extreme zu hinterfragen. Das Schlimmste ist, dass man mir vorwirft, das als Französin zu schreiben. Man müsste doch im Gegenteil fragen, warum die Schweizer Journalisten sich nicht trauen, darüber zu schreiben.

Die Schweiz beherbergt die grösste französische Gemeinschaft im Ausland, mehr als die USA, Grossbritannien, Belgien und Deutschland. Etwa 200’000 Französinnen und Franzosen leben in der Schweiz, dazu kommen 200’000 Grenzgänger, die täglich in die Schweiz arbeiten kommen.

swissinfo.ch: Kommen wir zurück zu Ihrem Buch. „Wir Franzosen sind die Araber der Schweiz“, sagt darin ein Einwanderer, den Sie getroffen haben. Sind die Franzosen derart überrascht, sich in der Haut des Ausländers wiederzufinden, wenn sie in die Schweiz einreisen?

M.M.: Die Franzosen sind immer schon viel gereist, vor allem während der Kolonialzeit, aber die Auswanderung aus wirtschaftlichen Gründen war nie ein grosses Phänomen. Zum ersten Mal befinden sich die Franzosen in der Situation eines Volkes, das zum Überleben auswandern muss.

Der Schock ist gross, zumal sie nicht nach China oder in die Vereinigten Staaten auswandern, sondern häufig nur wenige Kilometer von Zuhause entfernt sind. Hier sind sie dazu verdonnert, zu schweigen und alles zu machen, was man von ihnen verlangt, um nicht die Arbeit zu verlieren. Diese Situation ist sehr schwierig.

swissinfo.ch: Die Romandie und Frankreich sind sich doch kulturell und sprachlich sehr nah?

M.M.: Das ist genau der grosse Fehler, den die Franzosen bei ihrer Ankunft in der Schweiz machen. Sie denken, dass alles leicht sein wird. Nicht aus Arroganz, wie einige Schweizer meinen, sondern weil sie die Schweiz schlecht kennen.

Paradoxerweise geht es Franzosen in Zürich oder Basel häufig besser. In der Deutschschweiz werden sie als sympathische Südländer wahrgenommen, die emotionalen Schwierigkeiten in der Beziehung zwischen nahen Nachbarn gibt es nicht.

swissinfo.ch: Um mit etwas Positivem abzuschliessen: Was schätzen Sie an der Schweiz?

M.M.: Hier vertraut man den Jungen und gibt ihnen Verantwortung. Lust und Motivation werden mehr geschätzt als in Frankreich, das System ähnelt sehr demjenigen der USA. Des Weiteren schätze ich die Zurückhaltung der Schweizer. Am Anfang hat mich das zwar genervt, aber inzwischen finde ich es sehr schön.

(Übertragung aus dem Französischen: Sibilla Bondolfi), swissinfo.ch