Auf der Suche nach eigener Identität

Der Bund

Junge Linksextreme behaupten, in Thun machten prügelnde Neonazis die Stadt unsicher – Fachleute sprechen von Identitätsproblemen

«Neonazis» übten in Thun vermehrt «gewalttätige Übergriffe» aus, behauptet die «Aktion für ein antirassistisches Thun». Tatsache ist, dass vor allem in der Selve verschiedenste Gruppierungen aufeinander treffen und Schlägereien anzetteln.Mireille Guggenbühler

«Neonazis», sagen die 18-jährige Simone Bischoff und der 19-jährige Fabian Burlon, «sind in Thun nicht so präsent.» Für Simone Bischoff heisst «nicht so präsent», dass es «vielleicht Rechtsradikale, aber kaum Neonazis in Thun gibt». Thuns Polizeichef Erwin Rohrbach sagt Ähnliches: Nach einer kürzlich erfolgten Schlägerei zwischen Jugendlichen hielt er fest, dass nach solchen Vorfällen Zeugen häufig Kahlrasierte als Neonazis bezeichneten, die der rechts orientierten Hardcore-Szene angehörten, sich aber nicht direkt am Nationalsozialismus orientierten.

Aufruf zum «Nazis-Vertreiben»

Ganz anders sieht das die «Aktion für ein antirassistisches Thun (Antira)». Die anonym auftretende Gruppierung schickt in regelmässigen Abständen Mails an die Redaktion des «Bund», in welchen sie von gewalttätigen Übergriffen durch «Neonazis» schreibt. Dabei scheut sich die Gruppierung nicht, dazu aufzurufen, die «gewalttätigen Neonazis» ebenfalls mit Gewalt zu vertreiben. «Flüchtlinge bleiben – Nazis vertreiben», «Nazis erstechen ist kein Verbrechen» oder «kein Raum für Nazis – nirgendwo» gehören zum Parolenstandard der Gruppe beziehungsweise deren Sympathisanten. Insbesondere das Selveareal sei zum Treffpunkt für Neonazis geworden, schreibt die Antira. Aus diesem Grund übten jüngst Solidarisierende der Antira unter dem Motto «Selve für alle» einen Sitzstreik vor dem Rollorama aus, damit das Vergnügungsareal «menschenfreundlicher und solidarischer» werde.

Simone Bischoff und Fabian Burlon, einst regelmässige Selvegänger, halten sich heute im Ausgang nicht mehr in der Selve auf. Zu oft, sagen beide, seien sie dort von Linken («Man wird Scheissschweizer und Patrioten genannt») wie Rechten («Sie haben schwarze Kollegen belästigt») und auch ausländischen Szenegängern («Die machen einen blöd an») provoziert worden. Und sie hätten Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen erlebt.

Daniel Landis, Jugendbeauftragter der Stadt Thun, glaubt, dass die Selve «äusserst attraktiv» sei für jugendliche Szenegruppen. Die Selve gelte mittlerweile ein bisschen als «gefährlich», und der Ausgang in Thuns Vergnügungsmeile habe deshalb «etwas Abenteuerliches», weil man dort auf die «Gegnergruppe» treffe. Schlägereien zwischen den Gruppierungen, weiss Landis, seien aber selten. «Die Polizei hat die Situation im Griff.» Wenn man ehrlich sei, rufe eine einzige Schlägerei in der Selve auch mehr Empörung hervor «als wenn sich zwei Junge vor einer Beiz im Stockental ,ufe Gring gäh?». Und: «Die, die am meisten darüber reklamieren, sind die, die selber am meisten ausgrenzen.»

Mit Extremismus provozieren

«Es gibt keinen Exponenten unter den Jugendlichen, den man mit gutem Recht als Neonazi bezeichnen könnte», sagt Franz Kohler, Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen sowie Experte für die Verbreitung von Rechtsextremismus unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die rechtsextremistische politische Orientierung, so Kohler, sei bei Jugendlichen im Gegensatz zu erwachsenen «Holocaust-Leugnern» nie in die Persönlichkeit integriert. Die Jugendlichen bedienten sich rechtsextremer Symbole und Embleme, «um zu provozieren». Rechtsextremismus wie auch Linksextremismus unter Jugendlichen sei ein Phänomen der Identitätsentwicklung bei Heranwachsenden: «Ich schaffe meine eigene Identität, indem ich mich von einer anderen Gruppe abgrenze und diese herabsetze.» Dieses Phänomen finde man allerdings sehr häufig auch unter Erwachsenen am Arbeitsplatz.

Übrigens, meint Kohler, führten sich nicht nur Schweizer Jugendliche nationalistisch auf. «Auch ausländische Jugendliche verschaffen sich durch nationalistische Orientierungen Identität.»

Kleines politisches Wissen

Sich patriotisch oder linksextremistisch zu geben sei unter Jugendlichen «schick», stellt Daniel Landis fest. «Extremismus ist dauernd ein Gesprächs-, aber nicht ein Schwerpunktthema in der Jugendarbeit.» Thematisiere man etwas verstärkt, so Landis, «kann es eskalieren. » Erstaunt sei er immer wieder, «wie wenig Bescheid die Jugendlichen über die politischen Inhalte, die sie vertreten, wirklich wissen». «Unsere Aufgabe ist es deshalb auch, die Jugendlichen vor Extremisten zu schützen», meint Landis weiter.

Dies sieht auch Peter Baumgartner, Kripo-Chef der Kantonspolizei, so. An Festveranstaltungen der rechtsextremen Szene nähmen häufig «Jugendliche und junge Erwachsene» teil. Mit diesen Partys werde eine Plattform zur Verfügung gestellt, «die Junge anspricht». Dabei versuchten Ältere, die Jungen mit rechtsextremistischem Gedankengut zu infiltrieren. «Rechtsextreme versuchen in den letzten Jahren deutlicher politisch Fuss zu fassen als mit Gewalt auf sich aufmerksam zu machen», meint Baumgartner mit Verweis auf die «Partei National Orientierter Schweizer» (PNOS). Zuhause sei die rechtsextremistische Szene vor allem in den Agglomerationsgebieten der Städte Bern, Burgdorf, Langenthal, Thun und Interlaken. Die Linke, so Baumgartner, sei dieses Jahr insgesamt auffälliger und gewaltbereiter gewesen – auch in Thun.

Gesteuert von der Reithalle aus, hätten sich unter den antifaschistischen Abendspaziergängern in Thun vor allem «Vertreter aus Bern und sogar Ausserkantonale» befunden. Thuns Polizeichef Erwin Rohrbach schätzt die Grösse der reinen Thuner-Antifa-Szene auf «20 bis 30 Personen» ein. Die Szene der Thuner Rechtsextremen sei «gleich gross».

Es gebe keinen Jugendlichen, den man mit gutem Recht als «Neonazi» bezeichnen dürfe, sagt Experte Franz Kohler.Valérie Chételat

Als Eltern Grenzen setzen

Eltern extremistischer Jugendlicher, sagt Daniel Landis, bräuchten «Mut und Geduld», die extremistische Einstellung ihrer Kinder auszuhalten. «Rasierte Haare und ein roter Pulli mit Schweizerkreuz oder eine Punkfrisur und ein schwarzer Kapuzenpulli» beim Sprössling bedeuteten allerdings noch lange nicht, dass das Kind gewalttätig oder kriminell werde. Dieser Prozentsatz, meint Landis, sei sehr klein.

Als Eltern dürfe man trotzdem nicht die Augen schliessen, man solle Jugendliche auf ihre politische Einstellung ansprechen und diese zum Thema machen. Denn die «soziale Kontrolle», so Landis, sei nicht nur Aufgabe von Lehrkräften und Jugendarbeitenden. Und: Als Eltern müsse man wieder vermehrt lernen, sich für das Leben der eigenen Kinder zu interessieren und daran Anteil zu nehmen.

Wer im Zimmer seines Kindes extremistisches Propagandamaterial finde, so Franz Kohler, solle den Sohn oder die Tochter nicht gleich rauswerfen. Aber man dürfe von seinem Kind durchaus verlangen, dieses Material im Haus nicht offen liegen zu lassen. «Den Kindern muss klar werden, dass dieses Haus das Haus der Eltern ist und sie hier das Sagen haben». Zu vielen Jugendlichen, so Landis, werde heute bereits im Alter von 14 Jahren dasselbe erlaubt wie den Erwachsenen. Durch das «Auseinanderfallen vieler Familien» fehlten den Jugendlichen Bezugspersonen, die ihnen klare Grenzen aufzeigten. «Es ist wirklich nicht einfach heute, ein Jugendlicher zu sein», meint Landis. (gum)