Das Rütli – Spielwiese für Patrioten

BAZ vom 31.07.2009

Nun also Peter von Matt. Der Literaturwissenschaftler wird am 1. August auf dem Rütlisprechen. Es ist das erste Mal, dass ein Vertreter des kulturellen Lebens dort die Rede zur Bundesfeier hält. Ein Geisteswissenschaftler. Einer, der viel weiss über Schweizer Mythen und Schweizer Mythenbekämpfung. Hat das eine Bedeutung?

Annette Goebel

Auf dem Rütli hat alles eine Bedeutung. Das 62 200 Quadratmeter grosse Gelände ist aufgeladen mit Symbolik bis in die Grashalmspitzen. Die Naturterrasse lädt geradezu ein zu weihevoller Andacht. Diese Freilichtbühne ist wie geschaffen zur Beschwörung des vaterländischen Mythos. Wie gut kann man sie sich hier vorstellen, die drei Eidgenossen, die vor 718 Jahren die Hand zum Schwur hoben: einig, einig, einig.

Reduit

Eine Vorstellung, mit der man sehr verschieden umgehen kann. Man kann sie mit viel Pathos feiern. Oder die Rütlifeier für patriotischen Klamauk halten. Unbestritten ist: Der 1. August ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. «Nation Building» braucht patriotische Symbolik, deshalb liess der Bundesrat die junge Nation 1891 erstmals den 1. August als Gründungstag feiern.

Unbestritten ist aber auch, wie vielfädig das mythologische Gewebe ist, das den neuen Nationalfeiertag adeln sollte: Da kamen Schwur und Bundesbrief zusammen, Tellsaga, Schillerverse und die Entscheidung der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, die Rütliwiese zu kaufen, um zu verhindern, dass dort ein Hotel entstand. Wie das alles ineinander wirkte, hat niemand besser untersucht – und anregender beschrieben – als Georg Kreis, der Basler Historiker.

Die Geschichten, die sich um den Kern des Rütlimythos ranken, zeigen: Hier wird – trotz aller Rituale und Feiertagspathos – immer auch eine ernsthafte Frage verhandelt: Wo steht die Schweiz? Was ist das Schweizerische? Die Antworten fallen, je nach Zeit, Redner, Rednerin, sehr unterschiedlich aus.

Einen der grossen Auftritte, der den Schwurmythos aufnahm und weiterschrieb, erlebte die Nation 1940: General Henri Guisan versammelte seine Offiziere auf demRütli und schwor sie auf die Reduitstrategie ein. Der Rütlirapport befestigte den Mythos der einigen, wehrhaften, unbeugsamen Schweiz.

Die bewegte 68er-Jugend sah im Rütli ein Sinnbild für eine verkrustete Gesellschaft. Für einen Grossteil der Schweizer Linken, die aus dieser Generation erwuchs, blieb es bei dieser Sicht: 1. August auf dem Rütli, das war die Märchenstunde für den Nationalstolz. Die Feier der vermeintlichen Unbeugsamkeit auf dem Rütli verstelle den Blick auf die tatsächliche Rolle, die die Schweiz im Zweiten Weltkrieg gespielt hat. Mythen, schreibt der Zürcher Psychoanalytiker Mario Erdheim, leben von Tabus: «Wer an den Mythos glaubt, soll keine Fragen stellen dürfen, die den Glauben anzweifeln, sondern nur solche, die den Glauben stärken und bestätigen.»

Pöbel

Bundesrat Moritz Leuenberger, ursprünglich kein Rütli-Freund, kam denn auch zunächst in Verlegenheit, als der tschechische Staatspräsident Vaclav Havel ihn 2001 bat, mit ihm das Rütli zu besuchen. Doch aus osteuropäischer Sicht nahm sich dasRütli ganz anders aus. Nicht als Symbol für Abgrenzung und Bunkermentalität. Sondern als Ort der Emanzipation, an dem die ersehnten demokratischen Errungenschaften gefeiert werden: Freiheit und Selbstbestimmung. Werte, mit denen die Skins nichts im Sinn hatten. Ihr Rütli – und ihr Schweizbild – lebte von Blut-und-Boden-Idylle. Und bot eine grossartige Bühne: Nie wurde mehr über sie berichtet, als wenn sie den Festredner störten. 2005 buhten Rechtsradikale Bundesrat Samuel Schmid aus. Die Rütlifeier, schrieb die WOZ, sei «zur Plattform der Rechtsextremen» geworden.

Kuhdreck

Es kam anders. Seit 2007 ist der nationale Sagenschatz um eine Legende reicher: Bundesrätin Micheline Calmy-Rey – Linke und Frau – rettet die Rütlifeier vor dem braunen Pöbel. Eigentlich sollte das Fest abgesagt werden, zu teuer war der Polizeischutz. Die Bundespräsidentin blieb stur, ihr «Ich gehe aufs Rütli» wurde zum Schlachtruf von Frauenbewegten, Kulturschaffenden, Wirtschaftsleuten und Politikern. Es galt wieder einmal, die Schweiz zu retten, da wollten alle dabei sein.

So gross war die Bewegung, dass Ueli Maurer, damals noch nicht Bundesrat, verdattert reagierte. Da nahm doch tatsächlich eine SP-Frau seiner SVP die Rolle als Gralshüterin der Nationalsaga weg. Weshalb aus Maurer herausplatzte, was bisher allenfalls wilde Linke zu sagen gewagt hatten: «Das Rütli ist nur eine Wiese mit Kuhdreck.»

Ein Fauxpas, den Maurer sich in einer «Arena»-Sendung wieder gut zu machen beeilte («Das Rütli ist das wichtigste Nationalheiligtum»), doch es war Calmy-Rey, die die moderne, nicht minder pathetische, aber viel animierendere Formel fand: «DasRütli ist ein Symbol der Schweiz, das allen gehört.» Frauen wie Männern, Alten wie Jungen, Rechten wie Linken – und keinesfalls dürfe man das Rütli den Rechtsextremen überlassen: «Wenn wir hier in die Knie gehen, werden wir auch anderswo Mühe haben, unsere Freiheit zu bewahren.»

Das überzeugte über alle ideologischen Gräben hinweg: 2000 Menschen zogen mit Calmy-Rey und Nationalratspräsidentin Christine Egerszegi am 1. August 2007 aufsRütli und widmeten den Mythos auf ihre Art um: Solidarität, Gleichstellung der Geschlechter, Vielfalt der Kulturen als Grundwerte einer modernen, weltoffenen Schweiz – damit liess sich auch eine Horde Rechtradikaler in die Flucht schlagen.

Zwar hatte an diesem Triumph auch das neue Ticketsystem mitgewirkt. Eine noch gewichtigere Rolle spielte eine massive Geldspende aus der Privatwirtschaft, dank der die Sicherheitskontrollen bezahlt werden konnten. Doch was im kollektiven Gedächtnis hängen blieb, ist Calmy-Reys Beharrlichkeit – ein Mythos lebt nun mal von Helden-, von Heldinnengeschichten.

Rütli 2008 war blass: Die Rede hielt der Urner Regierungsrat Josef Dittli, die Skins hielten sich zurück, die Hauptrolle spielte der Regen.

Leidenschaft

Und nun also Peter von Matt. Kein Bewohner des Elfenbeinturms, es steht nicht zu befürchten, dass er in den Lackschuhen der Poesie auf dem Berggras ausrutscht. Von Matt ist Innerschweizer, stammt aus Stans, mit der Tellsaga und dem «weltlichen Hochamt» Rütli hat er sich intensiv beschäftigt. Mit viel Sinn für patriotische Leidenschaft, aber stets mit analytischer Distanz. Von Matt schätzt die gemeinschaftsstiftende Kraft von Mythen, sieht aber auch, welche Rolle die «parareligiöse Mythologie als innenpolitisches Allheilmittel» spielen kann. Vor allem aber weiss er eins: «Gute Geschichten haben ein zähes Leben.»

Auf seine Geschichte für den 1. August darf man also gespannt sein.