«Die Skinhead-Szene stagniert»

Der Bund

MÜNCHENBUCHSEE / Im Norden Berns gebe es schon lange eine aktive Skinhead-Szene.Sie konzentriere sich in Münchenbuchsee, weil sich die «Glatzen» im «Red Rock» ungestört treffen könnten, sagt Experte Hans Stutz, der heute in Münchenbuchsee einen Vortrag hält.

* INTERVIEW: ISABEL DREWS

«Bund»: Weshalb gibt es ausgerechnet in Münchenbuchsee eine rechtsextreme Szene und nicht etwa in den Nachbardörfern Schönbühl oder Zollikofen?

Hans Stutz: Das ist einerseits Zufall, andererseits eine Folge davon, dass seit Jahren im ganzen Nordgürtel um Bern eine Naziskin-Szene existiert. Münchenbuchsee muss zurzeit quasi die Zentrumslast für eine Region tragen. Unter anderem darum, weil die «Glatzen» im «Red Rock» einen Ort haben, wo sie an Wochenenden sicher sein können, Gleichgesinnte zu treffen. Dazu kommt, dass Skins einen sehr mobilen Lebensstil pflegen. Es macht ihnen nichts aus, schnell von Thun nach Münchenbuchsee zu fahren, wenn sie die Gewissheit haben, dort ihre «Kameraden» zu treffen.

Sind Skinheads ein Land-Phänomen?

Das kann man so nicht sagen. Aber sie sind auf dem Land – wie auch in kleinen Städten – viel stärker vertreten als in den grossen Städten. Das hat drei Gründe. Der politische ist, dass die Landbevölkerung bis 1989 stark in einem nationalistischen Gedankengut verhaftet war, wie es ja auch vom Bundesrat und allen bürgerlichen Parteien vertreten wurde. Aber es gibt auch einen ökonomischen Grund. Die landwirtschaftlichen und die damit verbundenen kleingewerblichen Strukturen verschwinden. Viele Leute haben heute berechtigte Angst, ebenfalls wirtschaftlich unterzugehen. Dazu kommt ein kultureller Grund. Mit den ländlichen und kleingewerblichen Strukturen geht eine ganze Kultur verloren, was zu Orientierungslosigkeit führt.

Vor einigen Wochen haben sich rund 30 linke und rechte Jugendliche nach Mitternacht am Bahnhof von Münchenbuchsee verprügelt. Wie ist es möglich, dass so spät so viele Leute mobilisiert werden können?

Die Neonazi-Szene kann sich sehr schnell mobilisieren via SMS, übers Natel oder über Vertrauenspersonen.

Wie sind sie organisiert?

Die Berner Kantonspolizei betont zu Recht, dass nur ein kleiner Teil in festen Strukturen organisiert ist, wie etwa die «Nationale Offensive» in der Agglomeration Bern oder die «Befreiungsfront Bödeli». Die meisten sind in losen Cliquen organisiert, mit einer geringen Verbindlichkeit. Sie treffen sich an Konzerten oder an Saufpartys, selten an politischen Vorträgen. Es werden zurzeit nur wenige Mitteilungsorgane herausgegeben, wie etwa der regelmässig erscheinende Newsletter «Blood and Honour» aus der Westschweiz, der über das Internet verbreitet wird.

Sie reden im Zusammenhang mit Münchenbuchsee von Naziskins. Wie lässt sich ihre Ideologie charakterisieren?

«Für Rasse und Nation» steht auf einem Emblem der Schweizer Hammerskinheads. Dies ist die kürzestmögliche Zusammenfassung der Naziskin-Ideologie. Sie wird offenkundig durch die drei häufig verwendeten Zeichen. Das Keltenkreuz symbolisiert die Vorherrschaft der weissen Rasse. Dies tut auch die Zahl 14, welche für die 14 Wörter eines Rassistenbekenntnisses steht. Und die Zahl 88 steht für «Heil Hitler». Ein Naziskin sieht sich also als Mitglied der «White Power»-Bewegung und übernimmt Teile der NS-Ideologie.

Gibt es Vordenker?

In der Deutschschweiz versucht Roger Wüthrich aus Worblaufen, Kopf der «Avalon»-Gemeinschaft, eine Vordenkerrolle in der ganzen rechtsextremen Szene zu übernehmen.

Wie gross ist die Naziskin-Szene?

Es gibt nur Schätzungen. Die Berner Kantonspolizei rechnet mit rund 150 Personen im Kanton. Es sind vor allem Jugendliche – Skinhead zu sein, ist für die meisten die Phase zwischen Stimmbruch und Konkubinat. Häufig distanzieren sie sich, sobald sie eine längerfristige Beziehung haben. Der Grund ist dann eine Freundin, die sagt: nicht immer Bier, nicht immer «Kameraden». Der Anteil der Frauen ist gering, nimmt aber zu.

Wann treffen sie sich?

Am Wochenende – man arbeitet bis Donnerstag oder Freitag, dann trifft man sich. Am Sonntag gegen Mittag geht man meist wieder nach Hause, um sich auf die neue Arbeitswoche vorzubereiten, was häufig heisst, den Rausch auszuschlafen. Skinheads verstehen sich als brave Bürger mit einer geringen Opposition gegen den angeblich links unterwanderten Staat. Sie sind stolz, eine Arbeit zu haben, und sie sind stolz, diese Arbeit gut zu machen. Meistens sind sie in handwerklichen Berufen wie Metzger, Schlosser oder Lastwagenmechaniker tätig. Wenige haben mehr als neun Schuljahre absolviert, nur sehr wenige arbeiten im Büro.

Ist die Münchenbuchser Szene mit anderen Skinhead-Szenen in der Schweiz oder in Deutschland vernetzt?

So wie ich das beobachte, gibt es an jedem Ort immer einen oder zwei, die vernetzt sind und die kontaktiert werden, wenn irgendwo etwas läuft. Sie sind etwas aktiver und vielleicht etwas länger dabei, doch von einer Führerfigur zu sprechen, finde ich übertrieben. Skinheads sind nicht militärisch-hierarchisch organisiert, sondern gleichen in der Regel eher einem ungeordneten Haufen. Die Szene hat ein anarchistisches Moment. Da die Mobilität sehr hoch ist, kennen sich die Aktiveren ohne weiteres über Hunderte von Kilometern bis nach Deutschland. Ganz klar ist, dass sich die Deutschschweizer Skins in erster Linie nach Deutschland orientieren, dann nach den USA, woher vieles importiert wird, wie sich jeweils bei den Beschlagnahmungen der Zollbehörden zeigt.

Nimmt die Skinhead-Szene zu?

Nein, sie stagniert, jedoch auf dem höchsten Niveau. Wir hatten noch nie so viele Aktionen, Veranstaltungen und Mitglieder wie im letzten Sommer. Seither bleibt sie etwa gleich, wahrscheinlich aufgrund des Gegendrucks, der zu diesem Zeitpunkt einsetzte.

Stellt der Mord an Marcel von Allmen in Unterseen für Sie einen Wendepunkt dar?

Es ist das erste Mal, dass ein angeblicher Verräter getötet wurde. Es gab in den vergangenen Jahren meines Wissens auch keinen ähnlichen Fall in Deutschland. Bisher gab es nur Fälle, wo Skinheads, die abgesprungen waren, verprügelt wurden, weil die Szene befürchtete, sie könnten Interna verraten.

Nimmt die Gewaltbereitschaft zu?

Sie war immer sehr hoch und kann schwerlich noch zunehmen.

Wo in der Region Bern oder im Kanton gibt es Szenebildungen?

Ausser den bereits erwähnten noch in Langenthal, dazu auch im Grossraum Olten.

«Die Neonazi-Szene kann sich sehr schnell mobilisieren via SMS oder übers Natel.»

Der Münchenbuchser Gemeinderat steht dem Phänomen relativ hilflos gegenüber, so macht es zumindest den Anschein. Was raten Sie ihm?

Ganz generell bin ich davon überzeugt, dass nur eine informierte Öffentlichkeit und eine vorbehaltlose Distanzierung von den Tätern und ihrer Ideologie – Letzteres verbunden mit der Solidarität mit den Opfern – ein gangbarer politischer Weg sein kann.

Sie bezeichnen sich selbst als aufmerksamer Beobachter der rechten Szene: Haben Sie persönlich Kontakt mit Skinheads? Wie gehen Sie vor?

Selten, aber ich sammle alle Informationen, die ich mir beschaffen kann. Dazu kommt: Skinheads erzählen gegenüber Journalisten, Polizisten, Richtern etwas ganz anderes, als sie in ihren Schriften veröffentlichen. Sie versuchen sich immer als biedere Leute darzustellen, die zwar allenfalls etwas gegen Ausländer hätten, aber weder gewalttätig noch nazifreundlich seien. Wenn man dann die internen Papiere anschaut, sieht es ganz anders aus. Deshalb halte ich den Erkenntniswert von Gesprächen zwischen Skinheads und Aussenstehenden für gering.

Zur Person

dre. Der Journalist Hans Stutz ist ein intensiver Beobachter der rechtsextremen Szene. Seit 1995 publiziert er die jährlich erscheinende Chronologie «Rassistische Vorfälle in der Schweiz». Daneben ist er Redaktor beim Medienmagazin «Klartext».

Heute Abend hält Stutz in Münchenbuchsee einen Vortrag zum Thema «Naziskins, Rechtsextreme: Ihre Strukturen und ihre Ideologien». Die Veranstaltung findet um 20 Uhr im Kirchgemeindehaus Münchenbuchsee statt. Anschliessend beantworten der Referent, der Leiter des GGG-Fons sowie Gemeindevertreter Fragen aus dem Publikum.

Hans Stutz, Beobachter der Skinhead-Szene in Münchenbuchsee. Béatrice Flückiger