Holocaust-Leugner Irving bleibt in Wien in Haft

TagesAnzeiger

Der rechtsextreme Historiker David Irving muss sich vor einem österreichischen Gericht für die Leugnung der Existenz von Gaskammern rechtfertigen.

Von Bernhard Odehnal, Wien

Seine Vorträge sind vorläufig abgesagt, Besuche bei gleich Gesinnten aus der rechtsextremen Szene ebenfalls. Der britische Historiker David Irving bleibt in Österreich in Haft. Ein Wiener Richter lehnte gestern Irvings Gesuch auf Freilassung gegen eine Kaution von 20 000 US Dollar ab. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen die Anklageschrift fertig gestellt, zur Verhandlung könnte es Anfang nächsten Jahres kommen. In vier Wochen wird der Haftgrund abermals geprüft.

Der 67-jährige Rechtsextremist Irving reiste am 11. November in Österreich ein, um in Wien an einer Veranstaltung der radikalen Burschenschaft «Olympia» teilzunehmen. Als Irving mit dem Auto von Wien nach Graz fuhr, wurde er von der Polizei angehalten und auf Grund eines Haftbefehls aus dem Jahr 1989 festgenommen. Damals hatte der Brite die Existenz von Gaskammern im Konzentrationslager Auschwitz und die Judenverfolgung durch Hitler geleugnet. Er verstiess damit gegen das österreichische Verbotsgesetz, das Gefängnisstrafen für Personen vorsieht, die «öffentlich nationalsozialistische Verbrechen leugnen, gröblich verharmlosen, gutheissen oder zu rechtfertigen suchen». Irving drohen bis zu 20 Jahre Haft.

Der ehemalige Stahlarbeiter brach zwar sein Geschichtsstudium ab, schrieb aber mehrere Bücher über das Dritte Reich. Die amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt nannte Irving einen «Holocaust-Leugner», worauf dieser klagte und 2000 den Prozess verlor. Im Gerichtssaal fiel Irving durch seine Anrede des Richters mit «mein Führer» auf.

In einem Interview mit dem Wiener Boulevardmagazin «News» sagt Irving jetzt, dass er sich inzwischen überzeugt habe, dass es die Gaskammern tatsächlich gegeben habe. Er habe keine Bedenken gehabt, nach Österreich einzureisen, weil er schon 1993 in Salzburg gewesen und damals von den Grenzbeamten freundlich begrüsst worden sei. Dieses Mal sei er von London nach Basel geflogen und von dort mit einem Mietauto nach Wien gefahren.

Zweierlei Mass

Irvings Verhaftung stösst in Österreich auf Zustimmung, aber auch Kritik. Die Leiterin des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, Brigitte Bailer-Galanda, sagte in einem Radiointerview, sie sei angenehm überrascht, dass Irving verhaftet wurde. Sie hält ein Signal der Justiz für wichtig, dass «solche Propaganda nicht geduldet wird». Der Soziologe Christian Fleck hingegen meinte in einem Kommentar der Tageszeitung «Der Standard», dass es einer liberalen Demokratie unwürdig sei, einen Narren und Wahrheitsverdreher wie Irving heute noch vor Gericht zu zerren. Irvings Thesen seien geschmacklos, aber letztlich nur Meinung und kaum geeignet, die Neugründung der NSDAP zu provozieren.

Auffallend ist, wie schnell Polizei und Justiz bei einem ausländischen Vertreter der rechtsextremen Szene handeln, während heimische Täter, die selbst aktiv am Holocaust teilnahmen, unbehelligt bleiben. So lebt in Klagenfurt der 91-jährige Milivoj Asner, der beschuldigt wird, dass er im Zweiten Weltkrieg an der Ermordung von Serben, Juden und Roma in Kroatien teilnahm. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem forderte die österreichische Justiz mehrmals auf, ein Verfahren gegen Asner einzuleiten. Bisher vergeblich. Ebenfalls unbehelligt blieb der Psychiater Heinrich Gross, der in Wien an der Ermordung behinderter Kinder im Rahmen von Euthanasieprogrammen beteiligt war.