Aussteiger erzählt: «Ich war ein Neonazi»

SonntagsBlick

VON SANDRO BROTZ UND MICHAEL WILDI (FOTO)

ZÜRICH – Er war ein Neonazi und hat Ausländer spitalreif geschlagen. In seinemZimmer hingen Hakenkreuze und Fotos von Adolf Hitler. Selbst seine Eltern hattenAngst vor ihm. Dann hat Fabian* (22) seine Bomberjacke verbrannt, ist aus derSkinhead-Szene ausgestiegen – und gilt jetzt als Verräter.

«Ich habe Abscheu vor diesen Leuten.» Diese Leute, die Fabian heute so verachtet,waren bis vor kurzem noch seine Freunde. Mit ihnen hat er literweise Bier gekippt, istgrölend mit Heil-Hitler-Gruss vor dem Asylbewerberheim gestanden, hat Jagd aufAusländer gemacht.

Fabian aus der Nordwestschweiz, anderthalb Jahre ein Skinhead. «Springerstiefel,Bomberjacke und Glatze gaben mir ein Gefühl von Stärke», sagt er. «Mein Feindbildwaren die Ausländer.» Ein Dutzend, schätzt er, hat er verprügelt. «Zwei Albanernhabe ich mit meinen Stiefeln das Nasen- und das Jochbein zertrümmert.» Heutemuss er den Kopf schütteln, wenn er davon erzählt. Blinder Hass hatte ihn getrieben.«Wir haben uns in der Gruppe gegenseitig hochgeschaukelt.» Auch damals, als siemit Eisenstangen einen Treffpunkt von jugoslawischen Staatsangehörigen stürmenwollten. «Doch da haben wir selber auf die Fresse gekriegt.» Und er erschricktselber über seine Einschätzung im Rückblick: «Wenn ich eine Knarre gehabt hätte,dann hätte ich sie wohl niedergeknallt.»

In seinem Zimmer hingen Hakenkreuze und Porträts von Adolf Hitler. «Am Anfangmotzten meine Eltern, dann wollten sie mich rauswerfen und schliesslich hatten sieAngst vor mir.» Die Mutter weinte, kapitulierte, resignierte.

«Wir hatten viele Ausländer in der Schule. Das gab Stress. Als fünf Typen auf micheinschlugen, wurde ich radikal.» Die Fehler, sagt Fabian, habe er immer bei denanderen gesucht: «Ich war mit mir einfach nicht zufrieden.»Kontakte zu anderen Neonazis knüpfte Fabian an Spielen des FC Basel. Eineschleichende Entwicklung: «Zuerst riefen wir «Scheiss-Jugos», dann brüllten wir«Sieg Heil» und am Schluss meinten wir es ernst damit, dass die weisse Rasseherrschen soll.» Fabian hörte rechtsradikale Musik: «Dieser aggressive Sound hatmich selber aggressiv gemacht.»

Das neue Leben begann, als Fabian die Schule wechselte und neue Freunde umsich hatte. «Die haben auf mich eingeredet, mir die Augen geöffnet.» Ein langer undschwieriger Prozess. Plötzlich hatte Fabian auch jugoslawische Kollegen, lernteSchwarze kennen. «Wie bei einem Alkoholiker gab es Rückfälle. Ich hatte mit mirselber zu kämpfen, musste meine ganze Denkweise ändern, mir meinefremdenfeindlichen Gesten abgewöhnen.» Fabian wollte nicht länger ein Skin sein:«Eines Abends habe ich meine Bomberjacke verbrannt.» Für den Ausstieg kassierteer von seinen ehemaligen Neonazi-Freunde mehrmals Prügel: «Für die bin ich einVerräter.»

Heute, sagt Fabian, sei er gegen jegliche Form von Gewalt: «Das bringt überhauptnichts und führt nur zu Gegengewalt.» Das will er auch einmal seinen Schülerinnenund Schülern weitergeben. Fabian will Lehrer werden.


Politiker fordern Task-Force gegen Nazis

BERN – Die Politik erwacht aus ihrem Sommerschlaf: Jetzt soll der Kampf gegenden braunen Mob verstärkt werden. Die Eidgenössische Kommission gegenRassismus fordert eine Task-Force und eine nationale Informationskampagne.

«Es passiert ganz einfach zu wenig», sagt Cécile Bühlmann, Vizepräsidentin derEidgenössischen Kommission gegen Rassismus. Die Pöbel-Skins auf dem Rütliund die zunehmenden Übergriffe von Rechtsextremen (SonntagsBlick berichtete)haben die grüne Nationalrätin aufgeschreckt.

An ihrer Ausschuss-Sitzung nächste Woche will die Kommission konkrete Projektevorschlagen. «Es braucht eine Task-Force, die gegenüber den Kantonen eineDrehscheiben-Funktion wahrnimmt», erklärt Bühlmann. Hilfsangebote undInterventionsmöglichkeiten sollen dichter vernetzt werden. Doch dafür fehlen Geldund Personal. Die Anti-Rassismus-Kommission muss mit einem jährlichen Budgetvon gerade mal 150 000 Franken auskommen. «Es muss endlich mehr investiertwerden», fordert Bühlmann. Und denkt dabei auch an eine nationale Präventions-und Informationskampagne: «Mit Plakaten, Inseraten, TV-Spots – und mit öffentlichenGeldern!»

Während SP und CVP diese Idee unterstützen, halten FDP und SVP nichts davon.«Geld für unüberlegten Aktionismus auszugeben, macht wenig Sinn», meintFDP-Pressechef Guido Schommer. Eine Task-Force würde seine Partei hingegenunterstützen. CVP-Generalsekretär Hilmar Gernet ist skeptisch: «Die Mittel sindvorhanden – sie müssen nur besser ausgeschöpft werden.»

Im Auftrag von CVP-Bundesrätin Ruth Metzler befasst sich bereits im Bundesamt fürPolizei BAP eine Arbeitsgruppe mit der besorgniserregenden Entwicklung desRechtsextremismus. «Es geht um eine Gesamtanalyse der Situation», sagtBAP-Sprecherin Daniele Bersier. Abgeklärt werden soll aber auch, ob diegesetzlichen Grundlagen wie beispielsweise das Anti-Rassismus-Gesetzausreichen.

Dass der Bundesrat gewillt ist, seinen Einsatz in der Prävention gegen Rassismuszu verstärken, hat er Ende Juni gezeigt – und einen entsprechenden finanziellenBeitrag in der Höhe von zehn Millionen Franken in Aussicht gestellt. «Bis Anfangnächsten Jahres gibt es klare Vorschläge», sagt Michele Galizia vomEidgenössischen Departement des Innern.

Zudem sollen die Polizeibehörden des Bundes mehr Mittel und bessere Strukturenzur Bekämpfung des gewalttätigen Rechtsextremismus bekommen. «Wir werdenuns entschlossen dafür einsetzen», verspricht Delegations-Präsident undCVP-Ständerat Franz Wicki.

Sandro Brotz


Bei Kontrollen grinsen die Skins hämisch

MALTERS LU / THAYNGEN SH – Neonazi-Aufmarsch in Luzern! Mindestens 200Skinheads aus ganz Europa trafen sich zum Saufgelage. Doch die Polizeimarkierte Präsenz und filzte die Glatzköpfe. Auch an der Schweizer Grenze wurdendie Kontrollen verstärkt.

Gestern Nachmittag in der Luzerner Vorortsgemeinde Malters. Aus einemGewerbegebäude im Industriegebiet Ei dröhnt Skinhead-Rock. Auf dem Platz davorwerden Stühle und Bänke aufgestellt. Am Rand eines nahen Wäldchens gehenGlatzköpfe mit ihren Kampfhunden Gassi, während sich nebenan die Freundinnenlangweilen.

Stündlich fahren mehr Skinheads vor. Die Kennzeichen stammen aus der ganzenSchweiz, aber auch aus Deutschland und Frankreich. Für den Abend sind Konzertemit den rechtsradikalen Bands «Sperrfeuer» aus Deutschland und «Eye of Odin»aus Grossbritannien angekündigt. Hinter dem Anlass stecken die SchweizerHammerskins SHS. Kein Zufall: Die Veranstaltung findet 48 Stunden nach demTodestag von Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess statt.

Die Kantonspolizei Luzern überwacht den Neonazi-Aufmarsch – ein Dienstfahrzeugsteht verdeckt im Wald. Die Beamten haben die Skins schon zuvor an der Ausfahrtder Schnellstrasse abgefangen. Jedes Auto wird durchsucht, die Insassen gefilzt.Die Glatzköpfe lassen die Prozedur spöttisch über sich ergehen, grölen sichgegenseitig zu und grinsen hämisch. Mehrere Stellmesser und Pfeffersprays werdensichergestellt. «Wir markieren Präsenz», sagt Polizeikommandant Jörg Stocker.Doch verhindert werden kann die Glatzen-Party nicht. «Solange sie sich an unsereOrdnung halten, werden wir uns zurückhalten», erklärt Stocker.

Der ehemalige liberale Grossrat Josef Albisser hat den Skinheads den Raumvermietet. «Die tun keiner Fliege was zu Leid und sind erst noch ordentlich», sagtAlbisser.

Auch das Grenzwachtkorps hat seine Kontrollen verstärkt. «Unsere Leute sindsensibilisiert», meint Werner Schöni, stellvertretender Grenzwachtkommandant inSchaffhausen.

Sandro Brotz