Das «Hochrisikospiel» von Wileroltigen

Der Bund. Die von Wileroltigen geplante Grossdemonstration gegen den Transitplatz für Fahrende macht dem kleinen Dorf plötzlich Angst: Ein seriöses Polizeiaufgebot wird nötig – auch wegen der Heisssporne im eigenen Lager. Marc Lettau und Simon Wälti

Hypernervös: So darf man die aktuelle Gemütslage der Wileroltiger Behörde umschreiben. Sie wirbt seit Wochen um Gefolgschaft bei ihrem Kampf gegen den auf Wileroltiger Boden geplanten Halteplatz für ausländische Fahrende (der «Bund» berichtete). Sie will am 14. August mitten im Dorf mit einem landsgemeindeähnlichen Grossaufmarsch der Regierung demonstrieren, dass Wileroltigen den sogenannten Transitplatz um keinen Preis will. Hypernervös ist die Gemeindebehörde, weil sie nicht mehr sicher sein kann, dass sie die selber geweckte Oppositionsbewegung ohne weiteres zu lenken vermag. Vorgestern und gestern sah sich das Wileroltiger Bürgerkomitee nämlich genötigt, per Zensur gegen die Eskalation in den sozialen Medien vorzugehen (siehe Text unten). Und für den 14. August gehen Gemeindepräsident Christian Grossenbacher und der ortsansässige BDP-Grossrat Daniel Schwaar davon aus, dass sich zu den 370 Dorfbewohnern leicht 1500 auswärtige Protestierende gesellen könnten.

Fünf bis zehn Prozent Extreme?

Erst jetzt, zehn Tage vor dem Showdown, wird dem Dorf also vollends bewusst, dass es womöglich vor einem «Hochrisikospiel» steht. Die Mischung machts aus: Mit Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP) ist quasi ein Publikumsmagnet mit Feindbildcharakter eingeladen, und die meisten «Festgäste» sind Auswärtige, die aus unterschiedlichsten Gründen aufs Trittbrett der Wileroltiger Protestbewegung steigen. Grossenbacher braucht jetzt subito ein überzeugendes Sicherheitsdispositiv, um die Sicherheit des eingeladenen – und gleichzeitig angegriffenen – Regierungsrats zu gewährleisten und um die Heisssporne im eigenen Lager im Zaun zu halten.

«Ja, genau solche Fragen stellen wir uns im Moment», bestätigt der Gemeindepräsident. Man müsse in Eile abklären, wer welche Verantwortung trage, gelte es doch, «die fünf bis zehn Prozent Extremen, die es immer hat», im Blick zu behalten. Höchstwahrscheinlich heisst das: Wileroltigen wird fürs eigene «Dorffest» bei der Kantonspolizei sehr kurzfristig einen sehr seriösen Polizeiaufmarsch bestellen und wohl auch bezahlen müssen. Vorgespräche haben noch keine stattgefunden. Grossenbacher spricht von einem «Horror»: Die örtliche Milizbehörde und die mit bloss 140 Stellenprozent dotierte Gemeindeverwaltung seien längst völlig überfordert. Aber Spielraum gibts nicht mehr. Absagen lässt sich die «Landsgemeinde» kaum noch. Würde sie abgesagt, kämen die Leute doch. Ziel für die verbleibenden Tage ist es, alle im Dorf auf die Devise «keine physische Gewalt, keine verbale Gewalt» einzuschwören. Schwaar: «Wir müssen sicherstellen, dass aus unserem Anliegen nicht eine ganz hässliche Sache wird.» Wileroltigen sei zwar sehr unzufrieden, sagt Schwaar. Aber es brauche «gegenseitigen Respekt»: Respekt vor Neuhaus, der eine schwierige Aufgabe zu lösen habe. Respekt vor den Fahrenden, «die ja letztendlich doch irgendwo einen Platz brauchen».

«Schweiz ist ein Honigtopf»

Bei einer Hauseinfahrt in Wileroltigen bringt Rüedu Schneider unterdessen auf einer Folie mit einem Filzstift die letzten Striche an: «Keine Gewalt», ist zu lesen. Schneider ist im Bürgerkomitee Kein Transitplatz Wileroltigen zuständig für Transparente. «Wir dulden keine Gewalt und sind gegen Rassismus», sagt der pensionierte Mann, der früher im Dorf die Beiz geführt hat. In seiner Garage steht weiteres Material, das am 14. August aufgestellt werden soll. Zu sehen sind vergrösserte Fotos von mit Kot verunreinigten Parkplätzen und illegal deponiertem Abfall. Armin Mürner, Präsident des Bürgerkomitees, freut sich über das grosse «Engagement» im ganzen Dorf. Er kämpfe nicht nur gegen den Transitplatz, sondern auch gegen die Behörden. Diese liessen sich von den Fahrenden auf der Nase herumtanzen, sagt Mürner, denn eigentlich sei als Abfahrtstermin der 31. Juli vereinbart gewesen. Mürner und Schneider befürchten eine «Lawine» von Fahrenden. «Die Schweiz ist ein Honigtopf, richtet man Plätze ein, dann kommen jedes Jahr mehr Fahrende.» Auch auf dem Bauernhof der Familie Stooss wird eifrig gearbeitet, fast im Akkord. 1300 Fähnli mit der Aufschrift «Stop Fahrende» sind in Produktion. Vater Fritz schneidet Haselstecken, an denen die Fähnli lustig im Wind flattern sollen, Sohn Philipp sorgt mit Spritzpistole und Schablone für den Aufdruck auf den Bannern. In Wileroltigen prangen überall Transparente: an der Autobahn, an den Zufahrten zum Dorf, auf den Feldern, an den Häusern. Auf einigen steht das Wort Zigeuner, das eine rassistische Konnotation hat. Mit der Verwendung des Worts Zigeuner habe sein Komitee nichts zu tun, versichert Mürner. «Alle Sprüche des Komitees werden genau angeschaut, da sind wir pingelig.»

Auf der anderen Seite der Autobahn, in einem Zipfel des Gemeindegebiets, befindet sich der Platz mit den Fahrenden. Es sind deutlich weniger als noch im Juli, vielleicht fünfzig bis sechzig Wohnwagen stehen auf dem Feld neben dem Rastplatz. Die rund 200 Fahrenden, die derzeit noch dort sind, stammen aus Frankreich. Vor seinem Wohnwagen sitzt Alphonse Leblanc und spricht von «Discrimination» und «Racisme». Leblanc meint die Transparente, aber auch den Umstand, dass Lastwagenfahrer häufig laut hupen, wenn sie vorbeifahren. Am 1. August wurden Feuerwerkskörper in der Nähe gezündet und wohl auch auf das Gelände der Fahrenden geworfen. Man habe keine Angst, sagt Leblanc, aber wenn man ihn und die Fahrenden weiter nerve, könne es sein, dass er zum Telefon greife. «Dann stehen auf einmal tausend Wohnwagen hier.» Leblanc beklagt sich über den Mangel an Toiletten. Die WC-Anlage der Raststätte ist geschlossen, «wegen Vandalismus» steht auf einem Schild. Man habe mobile Toiletten verlangt, diese seien aber nicht aufgestellt worden. Leblanc gibt auch zu verstehen, dass man nicht mehr lange zu bleiben gedenke. «On va partir», sagt er: zwischen dem 10. und 12. August.

Schweizer Fahrende

Furcht vor einem Rückfall um Jahre

Die «wenig differenzierte Diskussion» über Fahrende in Wileroltigen treffe die schweizeischen Sinti und Jenischen auffällig hart, sagt Fino Winter, der Präsident von Sinti Schweiz. Seit sich der Streit über den Transitplatz Wileroltigen verschärft habe, spürten auch die schweizerischen Fahrenden neue Widerstände: «Man verweigert ihnen wieder vermehrt die Arbeit oder einen Halteplatz, wirft alle in den gleichen Topf.» Nachdem sich über die letzten Jahre der Dialog mit den Behörden und der Mehrheitsgesellschaft merklich verbessert habe, flackere nun wieder «grober Rassismus» auf, sagt Winter. Auf dem in zehn Kilometern Luftlinie von Wileroltigen gelegenen Stadtberner Standplatz Buech sind laut Winter gar tätliche Übergriffe zu registrieren: Flaschenund Steinwürfe gegen die Siedlung, Paintball-Angriffe und verbale Ausfälligkeiten seitens automobiler Passanten. «Wir hören wieder Begriffe wie ‹Dreckszigeuner› und sind wirklich am Punkt, wo wir um die Sicherheit unser Kinder zu fürchten beginnen», sagt Winter. Es sei «unerwartet» und «schlimm». Werde die negative Tendenz nicht rasch gebrochen, könne der Prozess der besseren Integration der Jenischen und der Sinti in der Schweiz leicht «um 30, 40 Jahre» zurückgeworfen werden. (mul)

Die Transitplatzdebatte in den sozialen Medien

Von Sorgen über verbale Grobheiten bis zu Gewaltaufrufen


Das Bürgerkomitee, das den Wileroltiger Transitplatz verhindern will, musste auf den sozialen Medien radikal die Notbremse ziehen. Marc Lettau

Wileroltigens Bemühungen, den Widerstand gegen den geplanten Transitplatz für ausländische Fahrende zu bündeln, hat auf sozialen Medien zu sehr groben Meinungsäusserungen und gegen Fahrende gerichtete Hasskommentare geführt. Die Organisatoren des Wileroltiger Widerstands sahen sich deshalb in den letzten Tagen veranlasst, stark zensierend einzugreifen.

Nebst Kommentaren, die teils sehr pointiert und teils auch reich an Fäkalsprache die Schwierigkeiten und Missstände rund um den improvisierten Transitplatz zum Gegenstand haben, hatten sich über die letzte Woche hinweg auch pauschale Kritiken an den Fahrenden und Aufforderungen zu Tätlichkeiten gegen Fahrende gehäuft. Zum Teil waren diese Aufforderungen von grosser Direktheit. Mehrere Diskussionsteilnehmer forderten, «das Druckfass an den Traktor zu hängen und es diesen Schweinehunden zu geben». Ihr Eintrag ist hier in «bereinigtem» Deutsch wiedergegeben. Weiter wurde verlangt, man müsse mit diesem «Ungeziefer», diesem «Gesindel», diesen «Vaganten» rasch «kurzen Prozess» machen.

Griffen Nazis ein, wäre das «sexy»

Dass die Wileroltiger Debatte Gewaltfantasien anregt, zeigte jener Mitdiskutierende, der schrieb, dass, «wenn wir richtige Nazis wären», der Platz schon längst leer stünde, «was ja ganz sexy wäre». Ans «Endlösungsdenken» erinnert es, wenn den Fahrenden als nächste Destination eine Deponie empfohlen wird: «Teuftal.» Ein Transitplatzgegner schreibt, er wisse «aus Erfahrung, dass Fahrende nur überleben können, wenn sie ihre Kinder zum Stehlen aussetzen». Andere Kommentatoren äussern zudem Verständnis für das behördliche Verhalten zu Zeiten der «Aktion Kinder der Landstrasse» und geben an, man verstehe nun gut, warum die Roma ursprünglich aus Indien vertrieben worden seien. Damit ist auch gesagt, dass in der Debatte kaum zwischen einheimischen und ausländischen Fahrenden oder zwischen sich korrekt verhaltenden und anderen differenziert wird.

Nachdem das Wileroltiger Komitee Hasskommentare mit dem Verweis löschte, man dulde keine rassistischen und menschenverachtenden Äusserungen, wurden seitens der auf 1300 Mitglieder angewachsenen Comunity Klagen laut, hier werde «undemokratisch und diktatorisch» die freie Meinungsäusserung verunmöglicht. Zudem wurde der Wileroltiger BDP-Grossrat Schwaar, der den politischen Widerstand koordiniert, dabei aber auch Respekt vor Behörden und Fahrenden verlangt, auf Facebook sinngemäss als «Höseler» abgekanzelt. Im Zuge der gestrigen Recherchen des «Bund» verschwand die Facebook-Seite des Komitees schliesslich ganz vom Netz. Ob vorübergehend oder endgültig, war nicht in Erfahrung zu bringen.

Bei den meisten hier auszugsweise zitierten und inzwischen gelöschten Kommentaren verfügt der «Bund» über Screenshots der Originaleinträge.

Zur Sache

«Ich will kein Öl ins Feuer giessen»

Herr Neuhaus, werden Sie am 14. August in Wileroltigen auftreten?

Ich wurde noch nicht eingeladen. Ich machte das Angebot, an einer Orientierungsversammlung aufzutreten. Wenn die Sicherheit garantiert ist, werde ich teilnehmen. Jetzt wird aber schweizweit mobilisiert. Es ist unklar, was für Leute erscheinen. Sollten sich auf dem Dorfplatz über tausend Personen einfinden, wird das nicht einfach zu managen sein.

Haben Sie Angst vor Chaoten?

Angst habe ich nicht. Der Anlass könnte jedoch eine Eigendynamik annehmen, zumal Alkohol ausgeschenkt werden soll. Ich will kein Öl ins Feuer giessen. Mir geht es um die Information und nicht um einen Auftritt an einem Volksfest. Es wäre bedauerlich, wenn der Kanton Bern und Wileroltigen wegen Chaoten und Rassisten ins Schaufenster käme.

Unterschätzte Wileroltigen die Situation?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich beobachtete in den letzten Tagen die Entwicklung in den sozialen Medien. Da mussten Kommentare gelöscht werden. Was das konkret heisst, müssen die Veranstalter um BDP-Grossrat Daniel Schwaar sagen.

Warum eskalieren bei Facebook Diskussionen über Fahrende?

Fahrende lösen Emotionen aus. Zudem ist die Hemmschwelle in den sozialen Medien gesunken. Man muss mit der Lebensart der Fahrenden nicht einverstanden sein. Es ist jedoch schade, dass sie diffamiert werden. Ich wünsche mir eine sachlichere Diskussion.

Sie wurden an Anlässen schon ausgebuht. Haben wir jetzt eine neue Dimension erreicht?

Ich hoffe, dem ist nicht so.

Wileroltigen ersuchte den Kanton um Hilfe im Umgang mit Fahrenden, stattdessen kamen Sie mit der Idee eines dauerhaften Plats. War das nicht unsensibel?

Das war unsensibel. Doch es gab keine andere Lösung. Meine Mitarbeitenden erhielten Anfang Juli vom Bund die Zusage, dass er das Land zur Verfügung stellen wolle. Um Gerüchten während der Sommerferien vorzugreifen, informierte ich sofort die Gemeindepräsidenten. Im Übrigen kann es nicht sein, dass immer der Kanton um Hilfe gebeten wird. Für die Sicherheit sind die Gemeinden zuständig, sie können auch Polizeieinsätze auslösen.

Droht Ihre Platzsuche zu scheitern?

Für die betroffenen Gemeinden und Landwirte hoffe ich auch das nicht. Beim Kanton müssen wir uns aber schon überlegen, ob wir unsere Bemühungen fortführen wollen. Wir haben ohne dieses Projekt genug zu tun. Andererseits schiebt man das Fahrende-Problem seit Jahrzehnten vor sich her. Letztlich muss der Grosse Rat entscheiden, wie es weitergehen soll.
Der Grosse Rat wies das Projekt in Meinisberg vor allem wegen der hohen Kosten zurück. Der Platz in Wileroltigen wäre günstiger.
Wir haben das noch nicht konkret berechnet. Es sieht aber danach aus, dass der Platz zu deutlich besseren Konditionen erstellt werden könnte.

Ist Wileroltigen die «letzte Chance», von der Sie schon sprachen?

Es bringt nichts, fünf Ehrenrunden zu drehen, eine reicht. Der Kanton Bern funktioniert auch jetzt, wo es zu illegalen Landnahmen kommt. Allerdings verursachen diese auch jedes Jahr Kosten von mehreren Hunderttausend Franken. Mit einem Transitplatz würden wir wohl günstiger davonkommen. (ad)