Rechtsextreme prügelten ihn vor drei Jahren invalid

Blick

Jetzt braucht Dominik 10 Minuten, um ein Rüebli zu schälen

VON VIKTOR DAMMANN

FRAUENFELD. Wenn Dominik (18) ein Rüebli schält, braucht er zehn Minuten, für den Gang zur Toilette eine halbe Stunde. Sieben Rechtsextreme haben ihn so übel zugerichtet, dass er für immer behindert bleibt.

Ich treffe Dominik im Seniorenhaus «Seniovita» in Lommis TG. Dort geht er seit ein paar Wochen seiner Mutter, die im Heim als Teilzeit-Köchin arbeitet, zur Hand. Das Lachen hat Dominik nicht verlernt.

Fröhlich schaut er mich an, während er wie in Zeitlupe einen Salat isst. Mit äusserster Konzentration nimmt er mit der Gabel ein Salatblatt auf und führt es ganz langsam zum Mund. Manchmal muss er eine halbe Minute innehalten. Wegen der teilweisen Lähmung seiner Hand ist seine Bewegungsmotorik noch mehr beeinträchtigt.

Stört es ihn, wenn alles so langsam geht? Er schüttelt den Kopf. «Am besten ist es, wenn die Mutter dabei ist», antwortet Dominik. Seine Worte sind manchmal schwer verständlich.

Durch die schwere Hirnverletzung, die Dominik durch die Misshandlungen erlitten hatte, resultierten Lähmungen und Sprachstörungen.

«Es ist von seiner Tagesform abhängig», erklärt seine Mutter Rosmarie Bein (53), die sich zu uns gesellt hat. «Manchmal frage ich ihn, damit er nur nicken oder den Kopf schütteln kann.»

Seine Behinderung sei rein körperlich. Es tue ihr weh, wenn Leute Dominik wie einen geistig Behinderten behandeln würden. «Doch die schweren Medikamente, die er das ganze Leben einnehmen muss, machen ihn zusätzlich müde.» Dazu kommen noch massive Schluckbeschwerden.

In der Küche zeigt sie ihrem Sohn, wie er ein Rüebli beim Schälen am besten halten kann. «Es macht ihm und unseren Pensionären Freude, wenn er den Tisch deckt oder das Essen bringt», lobt Heimleiterin Zdenka Ghafier ihren neuen Schützling. «Dominik hat eine sehr herzliche Art, mit unseren Bewohnern umzugehen.»

Am Nachmittag ist eine der üblichen Therapien angesagt. Neben Physio-, Ergo- und Logotherapie besucht Dominik auch eine Hippotherapie. Dabei wird die Bewegung des Pferderückens therapeutisch genutzt.

Rosmarie Bein, die kurz vor der schrecklichen Tat ein Lebensmittelgeschäft eröffnete, hat ihr ganzes Leben auf die Betreuung ihres Sohnes ausgerichtet. Sie hat ihrem Sohn, der noch immer Reggae über alles liebt, ein spezielles Zimmer eingerichtet. Von den Vorhängen bis zum Bettüberwurf ist alles in den Reggae- Farben Grün-Rot-Gelb gehalten. «Hier hat er sein Reich und seine Musik, da fühlt er sich wohl.» Dominik strahlt, setzt sich aufs Bett und nimmt seine Bongo-Trommel zwischen die Beine.

Was macht er denn sonst noch gerne? «Am liebsten bin ich mit meinen Freunden unterwegs.» Sie haben Dominik nicht vergessen. Sie holen ihn ab, besuchen mit ihm ein Musiklokal, ein Konzert oder gehen mit ihm ins Kino.

Nur eines können sie dem 18-Jährigen nicht ersetzen. «Ich möchte so gerne wieder eine Freundin», sagt Dominik. Seine Mutter kann ihn verstehen. «Schliesslich wäre er im richtigen Alter.»

Es empört sie noch heute, wenn sie an die Reaktion der Schläger vor Gericht zurückdenkt.

«Sie zeigten überhaupt keine Einsicht und Reue. Sie empörten sich sogar noch über das „strenge“ Urteil. Dabei war es viel zu mild», sagt Rosmarie Bein. «Denn Dominik hat lebenslänglich.»

Einer der Schläger war beim Prozess mit seinem Auto vorgefahren. An einem Aufkleber stand: «Jage nur, was du auch töten kannst.»