Nun haben die Gespräche begonnen

Berner Rundschau

Roggwil Rund 100 Personen waren dabei, als die «Roggwiler Erklärung» lanciert wurde

Über 100 Personen versammelten sich, um die «Roggwiler Erklärung» zu lancieren. Damit setzten sie ein positives Zeichen gegen Gewalt und Rechtsextremismus.

Christian Liechti

«Wir hätten gerne ein friedliches Dorf, in dem wir ohne Angst leben und in dem wir uns mit Achtung begegnen können.» Mit diesen Worten eröffnete Dorfpfarrer Hans Gerber die Versammlung. Weit über 100 Personen haben sich am Donnerstagabend im Oberstufenzentrum von Roggwil versammelt, um die «Roggwiler Erklärung» aus der Taufe zu heben. Das Initiativkomitee hiess alle willkommen. Obwohl das Papier wegen Vorfällen mit Rassisten und Rechtsextremen lanciert wurde, erschienen auch diese: Gut zehn Personen nahmen in der hintersten Reihe Platz. Sie verhielten sich ruhig und beteiligten sich ab und zu an der Diskussion.

Patentrezepte gibt es nicht

Auf Interesse stiess der Vortrag von Giorgio Andreoli. Er arbeitet für das Projekt «Gemeinsam gegen Gewalt und Rassismus» (gggfon). Das «gggfon» ist eine Informations- und Beratungsstelle der Regionen Bern und Burgdorf zum Thema Gewalt und Rassismus. Es unterstützt Fachpersonen, Behörden, Institutionen und Organisationen, organisiert Workshops und Fachtagungen und dessen Mitarbeiter nehmen an Podiumsdiskussionen teil. 40 Gemeinden unterstützen das Projekt.

«Ein Patentrezept gibt es nicht», relativierte Andreoli. Es sei jedoch ein positiver Schritt, wenn Betroffene von Rassismus und Gewalt hinstehen und die Probleme benennen würden. Aber auch auf der Seite der «Täter» sei es wichtig zu handeln. «Wir können ihnen Möglichkeiten und Ansätze aufzeigen, dass Repression nicht der einzige Weg ist, um Probleme zu lösen.»

Information zur Politik

Andreoli äusserte sich auch zur politischen Bewegung der rechten Szene. «Es ist wichtig, dass man aufdeckt, was hinter diesen politischen Programmen steckt.» Es fehle an Informationen und der nötigen Aufklärung. «Es darf nicht sein, dass rechtsextreme Tendenzen dazu missbraucht werden, in der Schweiz grosse Politik zu betreiben.» Damit meinte er die bürgerlichen Parteien, die diese Bewegung verharmlosen.

Kritik am Manifest

Die Initianten und der Referent führten nicht nur Monologe. Sie forderten die Anwesenden auf, über die «Roggwiler Erklärung» zu diskutieren, Änderungsvorschläge einzubringen und sich zu den Problemen im Dorf zu äussern. Diese Gelegenheit nutzte die Schulleitung der Oberstufe, um ihren Standpunkt zu vertreten. Auch wenn sie die «Roggwiler Erklärung» begrüssten, stellte sich heraus, dass sie sich von einigen der Leitsätze angegriffen fühlten. Sie verlangten, dass folgender Satz der Initianten abgeschwächt oder gestrichen wird: «Wir nehmen wahr, dass es daher in der Schule Gruppen mit rechtsextremen Ansichten gibt und diese von aussen gefördert und unterstützt werden.» Dadurch, so die Schulleitung, entstehe ein falsches Bild. Die Schule dulde weder physische noch psychische Gewalt, setze sich täglich mit «gewaltfreiem Umgang» auseinander und dulde rassistische Äusserungen oder rechtsextreme Symbole nicht.

Mehrmals an diesem Abend fiel das Stichwort «Eltern». Diese seien auch dann noch für ih re Kinder verantwortlich, wenn sie nicht mehr zur Schule gingen. An dieser Stelle hakte der Elternverein ein, der sich bereit erklärte, Veranstaltungen zu den Themen Gewalt, Rassismus und Rechtsextremismus zu organisieren.

Jugendleitbild gefordert

Aus den Reihen der Anwesenden wurde auch das Ziel formuliert, für Roggwil ein Jugendleitbild oder ein Jugendkonzept zu erarbeiten. Ein entsprechender Antrag soll demnächst dem Gemeinderat unterbreitet werden.

Pfarrer Hans Gerber konnte zufrieden sein, denn die gesteckten Ziele wurden erreicht. «Nach vielen Jahren der Blockierung und des Wegschauens, fangen jetzt Gespräche an.»

Die «Roggwiler Erklärung»

Die «Roggwiler Erklärung» ist ein Manifest, das für Respekt statt Rassismus einsteht. Es wurde von einer überparteilich und konfessionell unabhängigen Gruppe verfasst, die die Vorfälle rund ums Maitannli verurteilt. Darin nehmen die Initianten wahr, dass es unter Kindern und Jugendlichen zu Auseinandersetzungen kommt und dabei zunehmend Gewalt angewendet wird; dass viele Jugendliche rechtsextremes Gedankengut als Lösungsansatz akzeptieren und von dort Unterstützung empfinden; dass deshalb am Maibaum die Namen der Jungbürgerinnen fehlten, die fremd klingende Namen trugen; dass einige Eltern die Aktivitäten ihrer Kinder tolerieren, ja sie zum Teil sogar aktiv unterstützen oder dass Verantwortliche in Parteien und Vereinen die Situation verharmlosen und nicht auf die wirklichen Probleme der Kinder und Jugendlichen eingehen. Im Zug der «Roggwiler Erklärung» sind weitere Anlässe geplant. (cho)