Demonstration für Hungerstreikende in Appenzell

sda

sda. In aggressiver Atmosphäre haben am Donnerstagabend rund 80 Personen gegen das Vorgehen der Behörden gegen türkische Asylbewerber demonstriert. Sie wurden von der Polizei gegen Übergriffe aufgebrachter Einheimischer geschützt.

Die Türken waren am 11. Januar in Hungerstreik getreten; sie hatten eine menschenwürdige Behandlung gefordert. Am Mittwoch waren die Hungerstreikenden auf Anordnung der Innerrhoder Regierung in andere Kantone verlegt worden.

Solidarität

Zur ersten derartigen Demonstration in Appenzell überhaupt hatte ein Solidaritätsbündnis aufgerufen, dem unter anderen Organisationen wie Sans-Papiers-Kollektive und die Grünen Schweiz angehören.

Gut bewacht von zahlreichen Polizeibeamten samt Hunden tanzten die türkischen Frauen, Männer und Kinder, sangen türkische Lieder und «Bella ciao» und skandierten «internationale Solidarität».

Sie kritisierten, sie würden von den Innerrhoder Behörden nicht ernst genommen und forderten unter anderem die Aufhebung der zwei Mal täglichen Präsenzkontrolle im Asylzentrum und einen Zugang zur deutschen Sprache und Kultur.

Weiter verlangten sie längere Öffnungszeiten der Küche, die Lösung von Problemen mit dem Heimpersonal, den Empfang türkischer TV-Sender, eine Aufhebung des Fernsehverbots ab 23 Uhr und gleiche Rechte für Asylsuchende in der ganzen Schweiz.

Pfeifkonzert

Die zahlreichen Zuschauer und Zuschauerinnen – darunter laut Polizei auch einige auswärtige Skinheads – konterten die Forderungen der Türken mit Buh- und Pfui-Rufen sowie einem schrillen Pfeifkonzert und beschimpften die Demonstrierenden massiv.

Es kam zu vereinzelten Übergriffen und Tätlichkeiten. Die Polizei musste während des Demonstrationszugs zum Asylzentrum Mettlen mehrmals eingreifen und die Demonstranten vor der aufgebrachten Menge der Einheimischen schützen. Jugendliche Appenzeller skandierten immer wieder «use, use».

Demonstration: Appenzeller rasteten aus

Hintergrund

Von Margrith Widmer, sda

Sie sind stolz auf ihre farbenprächtigen Fronleichnams-Prozessionen und ihre Landsgemeinde als Hort der direkten Demokratie. Als aber Türken am Donnerstag menschenwürdige Behandlung forderten, rasteten viele Appenzeller aus.

Die Fassade der Appenzeller Idylle zerbröckelte schon, als sich Asylsuchende über die Zustände im Asylheim Mettlen beschwerten und eine menschenwürdigere Behandlung verlangten und – um dieser Forderungen Nachdruck zu verschaffen – in Hungerstreik traten.

Immer wieder hätten Einheimische angerufen und gedroht, «etwas zu machen im Asylzentrum». Die Leute seien ungemein aggressiv, sagte Landammann Bruno Koster.

«Türken raus»

Die Aggressionen entluden sich an der Demonstration türkischer und Schweizer Organisationen vom Donnerstag abend: Aus einer dichten rund 200-köpfigen Zuschauerkulisse tönte es: «Usi mit dem huere Saupack», «Türken raus» und «An die Wand stellen». Jugendliche liefen hinter dem Demonstrationszug her und skandierten «Usi, usi, usi» (hinaus).

Die Zahl der einheimischen Jugendlichen und Kinder unter den Zuschauern war beträchtlich: «Ich komme mir vor wie im Weltkrieg, geil», rief ein etwa Zwölfjähriger.

Die massiven verbalen Attacken gipfelten in Aufrufen zur Brandstiftung: «Zündet die Lumpen an» – damit waren die Transparente gemeint. Zahlreiche Polizisten und Securitas-Leute mit Hunden sowie Ordnungsleute der rund 100 Demonstrierenden sorgten dafür, dass die Rempeleien der Zuschauer nicht in Schlägereien ausarteten.

Schlimmeres erwartet

Die Appenzeller Behörden hatten wohl noch Schlimmeres erwartet: Es seien «sehr wenige Zuschauer» da gewesen, die Demonstration sei «sehr friedfertig» verlaufen, es sei «keine richtige Gewalt ausgeübt worden», sagte Ratsschreiber Franz Breitenmoser gegenüber Radio DRS.

Die Stimmung in der Bevölkerung sei sehr gereizt und der Unmut gross, räumte Breitenmoser gegenüber der Nachrichtenagentur sda ein. Die Behörden hätten gefürchtet, Leute die gedroht hätten, «das Heft selber in die Hand zu nehmen», machten ernst. «Wir wollen keine Kriegszustände mit Stacheldraht rund ums Asylheim», sagte Breitenmoser.

Unter den Zuschauern seien keine Skinheads gewesen. Der Polizei sei es gelungen, «eigentliche Tätlichkeiten und Sachbeschädigungen» zu verhindern. Das Asylzentrum Mettlen werde weiterhin von der Polizei überwacht, kündigte er an. Der Hungerstreik ist inzwischen beendet, nachdem die meisten Streikenden am Mittwoch in andere Kantone abgeschoben wurden.