Politische Grenzgänge

NZZ. Eine Genfer Publikation führt die Diskussion um abgewiesene Weltkriegsflüchtlinge ad absurdum.

Die Schweizer Flüchtlingspolitik rund um den Zweiten Weltkrieg lässt Spielraum für ideologisch motivierte Interpretationen. Zu reden gibt derzeit eine Genfer Dissertation, die das Gegenteil von dem vorgibt, was sie tatsächlich herausgefunden hat.

Jörg Krummenacher
Zwei Jahrzehnte hat die Genfer Historikerin Ruth Fivaz-Silbermann an ihrer Dissertation gearbeitet. In dieser beschreibt sie die Schicksale der jüdischen Flüchtlinge, die während des Zweiten Weltkriegs an der Westschweizer Grenze um Einlass begehrten. Die Ergebnisse ihrer weitgehend fundierten Arbeit werden von Historikern durchaus gewürdigt: «Die Autorin gelangt zu neuen und spannenden Einsichten», hält der emeritierte Zürcher Geschichtsprofessor Jakob Tanner fest, der Mitglied der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (UEK) war. «Die Dissertation von Ruth Fivaz ist wichtig für die Westschweiz», anerkennt auch Guido Koller vom Schweizerischen Bundesarchiv.

16 000 verweigerte Visa

Ruth Fivaz füllt mit ihrer Arbeit über die schweizerisch-französische Grenze eine Lücke in der Aufarbeitung der Schweizer Flüchtlingspolitik. Und sie nennt aufgrund ihrer Forschung eine Zahl von 16 000 abgelehnten Visagesuchen von Flüchtlingen. «Diese Zahl ist neu», sagt Guido Koller. Sie liegt um 1500 höher als die noch von der UEK aufgeführte Zahl von 14 500 Ablehnungen, die von Schweizer Botschaften und Gesandtschaften im Ausland ausgesprochen wurden. Die Einreisebegehren stammten von flüchtenden Jüdinnen und Juden.

Die Grössenordnung der 16 000 verweigerten Visa deckt sich auf den ersten Blick auch mit den Zahlen, die Guido Koller in einer neuen Arbeit erhoben hat. Diese erscheint Anfang September unter dem Titel «Fluchtort Schweiz» in Buchform. Somit dürfte klar sein: Die Schweiz hat im Zweiten Weltkrieg mehr jüdischen Flüchtlingen die Einreise verweigert, als bisher dokumentiert war.

Zu reden gab in den letzten Wochen jedoch eine ganz andere Zahl: Ruth Fivaz sprach gegenüber mehreren Publikationen, darunter die «Weltwoche» und der «Tages-Anzeiger», davon, dass die Schweiz nicht etwa mehr, sondern deutlich weniger Flüchtlinge abgewiesen habe, als bisher, auch seitens der UEK, angenommen worden sei. Sie bezog sich dabei nicht auf die abgelehnten Gesuche um Einreisevisa, sondern auf jene Flüchtlinge, die direkt an der Grenze abgewiesen wurden. Während bisher von etwa 24 400 solchen «Fällen» die Rede war, legt sich Ruth Fivaz auf eine Zahl von lediglich 4000 fest. Das wiederum impliziert: Die Schweiz hat im Zweiten Weltkrieg weniger jüdischen Flüchtlingen die Einreise verweigert, als bisher behauptet wurde.

Je nach Couleur wird diese Interpretation mit mehr oder weniger Freude zur Kenntnis genommen. Und sie führt neuerlich, wie schon mehrfach in den letzten sechzig Jahren, zur Frage, wie restriktiv und auch antisemitisch die Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg denn nun wirklich war. Jakob Tanner kritisiert, dass mit der Aussage von Fivaz «eine unnötige Politisierung der Forschungsergebnisse zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg» verbunden sei.

Allein: Die Dissertation von Ruth Fivaz eignet sich in keiner Weise, um diese Diskussion wieder anzuheizen. Denn während Fivaz in Bezug auf die Abweisung von Visagesuchen sorgfältig gearbeitet hat, hält ihre Behauptung zu den an der Grenze Abgewiesenen einer Prüfung nicht stand.

Studien ignoriert

Die Westschweizer Historikerin hat dazu zwar die Zahlen für die Westschweiz mit 2030 registrierten weggewiesenen Juden sauber erhoben. Sie kennt aber die damalige Situation an der Nordgrenze zu Deutschland und Österreich nicht. Deshalb ist sie von der Annahme ausgegangen, dass von allen Aufnahmen jüdischer Flüchtlinge lediglich drei Prozent an der deutsch-österreichischen Grenze erfolgt seien, und rechnet hoch, dass folglich auch drei Prozent aller Abweisungen dort passiert seien.

Ihre Extrapolation begründet sie gegenüber der NZZ damit, dass es für die Nordgrenze noch keine Forschung gebe. Das ist allerdings falsch. Fivaz ignoriert gleich drei Studien, die schon seit längerem in Buchform vorliegen: «Humaner als Bern!» von Jean-Claude Wacker über die Basler Asylpraxis, «Wo es hell ist, dort ist die Schweiz» von Franco Battel über die Situation an der Schaffhauser Grenze sowie «Flüchtiges Glück» des Schreibenden über die Flüchtlingsgeschichte im Grenzkanton St. Gallen. Hätte Fivaz diese Bücher zur Hand genommen, hätte sie folgende Forschungsergebnisse zu abgewiesenen Flüchtlingen lesen können:

·Basel-Stadt war jener Kanton, der sich gegenüber Flüchtlingen am humansten zeigte und sich zeitweise offen gegen die abweisende Haltung des Bundesrats stellte. Dennoch wies auch Basel Flüchtlinge ab. Für den Oktober 1939 sind beispielsweise «mehrere hundert» Zurückgewiesene dokumentiert, im Dezember 1938 wurden 115 Flüchtlinge an der Grenze zurückgewiesen und weitere 37 zurückgestellt.

·Der Kanton Schaffhausen setzte von 1938 bis 1942 die Weisungen aus Bern um, wandte dann aber eine humanere Praxis an. 290 Rückweisungen sind belegt, hinzu dürften weitere 250 kommen. Wie viele Flüchtlinge an der Grenze abgewiesen wurden, ist nicht bekannt.

·St. Gallen liess zur Zeit von Polizeihauptmann Grüninger, also zwischen Mitte 1938 und Anfang 1939, rund 3000 jüdische Flüchtlinge einreisen, wies aber auch Hunderte ab. Allein für die Jahre 1938 bis 1940 sind für die Kantone St. Gallen, Graubünden und das Fürstentum Liechtenstein über 2000 Rückweisungen dokumentiert. St. Gallen lieferte während des Kriegs zahlreiche Flüchtlinge direkt an die Gestapo aus.

Fehlende Dokumente

Zählt man allein die in den drei Publikationen aufgeführten Rück- und Abweisungen zusammen, kommt man für die Nordgrenze auf eine Zahl von mindestens 4000. Zu vermerken ist dabei, dass der grösste Teil davon gar nicht nach Bern gemeldet wurde.

So lautet denn das Fazit: Nicht nur haben die Schweizer Vertretungen im Ausland mindestens 16 000 Begehren um Einreisevisa abgelehnt, sondern sind direkt an der Grenze zur Schweiz auch deutlich mehr als die bisher dokumentierten 24 400 Flüchtlinge abgewiesen worden. Wie viele es waren, wird sich nicht mehr eruieren lassen, da ein Grossteil der relevanten Dokumente nach dem Krieg vernichtet wurde und auch, weil in vielen Schweizer Vertretungen und an Zollstellen gar keine Dokumente angefertigt wurden.

 

 

«Über 5000 Juden» im Bregenzer Passbüro

Jörg Krummenacher (kru)
kru. · Über die Zahl von eingereisten und abgewiesenen Flüchtlingen vor und während des Zweiten Weltkriegs werden sich nie genaue Angaben machen lassen. Beispielhaft steht dafür die Tätigkeit von Ernst Prodolliet, einem Thurgauer Diplomaten, der 1938 als Vizekonsul in Bregenz einspringen musste, um bei der Bewältigung der grossen Zahl von Visumsanträgen mitzuhelfen. Diese wurden zum grossen Teil von Juden gestellt, die aus Wien und vor Pogromen an die Schweizer Grenze geflüchtet waren.

Mutmasslich stellte Prodolliet «aus humanen Gesichtspunkten», wie er später sagte, illegal mehrere hundert Ein- und Durchreisevisa aus. Wie viele es tatsächlich waren, wusste selbst er anscheinend nicht genau. Er habe «einen derartigen Betrieb» in seinem Passbüro gehabt, rechtfertigte er sich gegenüber der Eidgenössischen Fremdenpolizei, dass er keine Zahl nennen könne: Es seien «über 5000 Juden» bei ihm gewesen.

Dokumente dazu gibt es weder beim Bund noch im Kanton St. Gallen, und auch in den Medien war Prodolliets Tätigkeit nie ein Thema. Namentlich nachweisen lassen sich heute nur rund zwei Dutzend von ihm genehmigte illegale Einreisen. Überliefert ist zudem, dass er rund 300 jüdischen Flüchtlingen Durchreisevisa ausstellte, damit diese 1939 auf das Rettungsschiff «Aghia Zoni» nach Palästina gelangen konnten.

Prodolliets illegale Schleusertätigkeit flog auf, worauf er von seinem Posten in Bregenz abgezogen und wegen Amtspflichtverletzung mit einem strengen Verweis bedacht wurde. Bei Befragungen durch die Fremdenpolizei gab er nur jene wenigen Fälle zu, die ihm nachgewiesen werden konnten. So bleibt offen, ob er «mehreren Tausend Flüchtlingen zur Einreise in die Schweiz» verholfen hat, wie die Bergier-Kommission ohne Grundlage mutmasste, oder ob er «nur» einige Hundert illegal in die Schweiz einreisen liess. Im Umkehrschluss stellt sich somit die Frage: Verweigerte Prodolliet Tausenden von Flüchtlingen ein Schweizer Visum – oder allenfalls nur einigen wenigen?