Schweizer Geschichte wühlt die Gemüter auf

 

Tages-Anzeiger vom 08.10.2010

Patrioten, Mythenstürmer, Sonderfall. Selten war das Interesse der Schweizer an ihrer Geschichte so gross wie heute. Dahinter steht der Wunsch nach Orientierung in einer schwer überschaubaren Gegenwart.

 

Thomas Maissen

Raubgold, nachrichtenlose Vermögen und die Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg haben ab 1996 anhaltende und heftige Debatten ausgelöst. Auch mit den unterschiedlich gefeierten historischen Jubiläen von 1991, 1998 und 2003 haben wichtige Momente der schweizerischen Geschichte die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Allmählich nähert sich das Jahrhundertwerk «Historisches Lexikon der Schweiz» in zuletzt 13 Bänden der Vollendung. Gerade was die umstrittenen Themen betrifft, wünschen sich deshalb viele Menschen einen allgemeinverständlichen Überblick auf aktuellem Forschungsstand. Die letzten überzeugenden Synthesen sind schon rund 30 Jahre alt. Seither haben sich Schweizer Historiker vor allem der Kantonsgeschichte gewidmet, wogegen «Schweizer Geschichte» als nationalistisch und überlebt galt. Seit kurzem erlebt sie, zuerst in der Westschweiz, dank verschiedener Bücher wieder einen Boom.

Die lange Zurückhaltung der Historiker gegenüber der tatsächlich problematischen Textgattung Nationalgeschichte trug dazu bei, dass die Nationalkonservativen in der öffentlichen Debatte beinahe ein Monopol darauf erlangten. Sie besetzen ebenso geschickt wie erfolgreich Begriffe wie Freiheit und Unabhängigkeit, Souveränität, (bewaffnete) Neutralität oder (direkte) Demokratie. Das sind Kernelemente eines Geschichtsbilds, das in der Geistigen Landesverteidigung entstand, auf die eigenen Leistungen fixiert ist und Anpassungen oder Abhängigkeiten ausblendet. Das ist für politische Parteien legitim. Mit dem wissenschaftlichen Forschungsstand haben aber Glaubenssätze wie «neutral seit Marignano» nichts zu tun und mit den Realitäten im heutigen Europa oft auch nicht.

Die politische Konstellation ist ein Grund, weshalb die Landesgeschichte heute nachgefragt wird: zur Orientierung in politischen Krisenzeiten. Man hofft, in den Traditionen des Landes Hinweise und Argumente für seinen weiteren Weg in die Zukunft zu finden. Es liegt aber in der Natur der Geschichte, dass sie keine Patentrezepte liefert. Entsprechend heftig können Deutungskämpfe über die Vergangenheit werden. Das zeigte sich etwa, als eine wohlwollend gemeinte Rezension meiner soeben erschienenen «Geschichte der Schweiz» mich für Positionen vereinnahmte, die die Überschrift «Die Schweiz war nie ein Sonderfall» zusammenfasste (erschienen am 17. September in dieser Zeitung). Der Rezensent freute sich über «Mythen-Demontage»: Die «politische» Gründung der Schweiz sei erst 1848 erfolgt, nicht im Mittelalter; und eine Demokratie sei sie erst seit 1919, dank Landesstreik und Proporzwahlen. Solches habe ich nie behauptet und in einer ausführlichen Replik bereits widersprochen (www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Die-Geschichte-des-Sonderfalls/story/31399220).

Reizworte

Da hatten sich aber im Internet bereits erstaunlich viele Kommentarschreiber eine heftige Debatte geliefert. Der «Sonderfall» wurde gegen Schmierfinken aus der linken Historikergilde verteidigt, die den Nationalstolz torpedierten und die direkte Demokratie schlechtmachten. Umgekehrt wurden «verblendete Rechtsextreme» und «nationalkonservative Mystiker» aufs Korn genommen, die ihr «verschöntes Zerrbild» und ihre «Reduit-Sentimentalität» nicht loslassen wollten.

Für derartige Reaktionen reichten wenige Reizworte: «Mythen-Demontage» etwa legt nahe, dass die bisherige Geschichtsschreibung unwissenschaftlich ein nationalistisches Hohelied angestimmt habe. Das stimmt nicht. Die Pose des Aufklärers, der über Mythen erhaben sei, ist für den Historiker wenig angebracht, der sich bewusst ist, dass auch seine Sicht immer zeitgebunden bleibt und gerade in einem grossen Überblick vom Mittelalter in die Gegenwart ohne Vereinfachungen nicht auskommt. Wissenschaftliche Geschichtsschreibung ist weder perfekt noch ewig gültig. Doch sie ist die bestmögliche Beschäftigung mit der Vergangenheit, weil sie auf anerkannten Regeln der Quelleninterpretation beruht und klare Verfahren der ebenfalls quellengestützten Kritik, Widerlegung und Überarbeitung kennt. Das unterscheidet Geschichtswissenschaft von blossen Meinungen über die Vergangenheit, die sich keiner geregelten Überprüfung zu stellen brauchen.

Für Mythen gilt das nicht, und zu diesen gab es in den Leserbriefen freimütige Bekenntnisse. Es sei «nicht relevant, ob Tell gelebt hat oder nicht – relevant ist, dass wir den Tell in uns entdecken und seine Werte entwickeln! Verantwortung, Mut, Eigenständigkeit.» Mythen wurden als «geistige Nahrung und Leitstern» bezeichnet, als Wegweiser hin zu gemeinsamen Werten. «Demokratie», «Freiheit» oder «Selbstbestimmung» wurden genannt, aber auch weniger politische Werte wie Rechtschaffenheit, Genauigkeit und Vertrauen. Solche Werte sehen viele Schweizer, nicht grundlos, in ihrer Geschichte begründet und belegt. Wer also Kernbestände der Landesgeschichte infrage stellt, der untergräbt – in dieser Wahrnehmung – die Wertegemeinschaft, die auch für die Bewältigung der Zukunft nötig ist. Man sei stolz und zufrieden mit dem Sonderfall, so klingt der verärgerte Protest, und lasse ihn sich nicht nehmen von Historikern, die alles einebnen.

Kein Normalfall

Der Historiker hat allerdings keine Mühe mit dem Sonderfall. Seine Wissenschaft beschäftigt sich mit dem Einmaligen, nicht – wie die Gesellschaftswissenschaften – mit allgemeinen theoretischen Modellen. Mühe bereiten nicht die Sonderfälle, Mühe bereitet aber ein Normalfall, der implizit dagegen postuliert wird: Ist das die deutsche Tradition mit vielen Kleinstaaten und dem nationalsozialistischen Terror oder der französische Zentralismus mit seinen häufigen Revolutionen oder das republikanische Bündnis von sieben niederländischen Provinzen, das heute eine parlamentarische Monarchie mit Zweikammersystem bildet? Es gibt keinen historischen Normalfall.

Dennoch haben alle Nationalstaaten seit dem 19. Jahrhundert ihre Geschichte als einzigartig von einem solchen erdachten Normalfall abgegrenzt. Das dient nicht nur der aussenpolitischen Abgrenzung, sondern auch der innenpolitischen Integration. Puschlaver, Rorschacher und Delsberger erfahren sich über eine – angeblich – geteilte, einzigartige Vergangenheit als nationale Gemeinschaft; dasselbe Spiel passiert und funktioniert mit Bayern und Holsteinern oder Bretonen und Provenzalen.

Historische Gemeinsamkeiten

Doch wir sind Schweizer nur unter anderem; ausserdem auch Berner und Bümplizer, Katholik oder Jude, romanischsprachig oder Secondo, rechts oder links, Mann oder Frau. Nationalgeschichte ist ein Teil der Bemühungen, um uns beizubringen, dass diese Unterschiede, die unsere Individualität ausmachen, zweitrangig sind gegenüber der nationalen Identität, die uns ganz grundsätzlich von einem fremden Ausland unterscheidet.

Das ist nicht nur in der Schweiz so. Aber parallel zur institutionellen Verfestigung der EU nehmen die Bemühungen zu, in Europa historische Gemeinsamkeiten zu betonen – und nicht das Trennende. Wie im 19. Jahrhundert aus Holsteinern und Bayern Deutsche wurden, sollen jetzt aus Portugiesen und Litauern Europäer werden. Man erinnert sich also nicht mehr an nationale Siege und Niederlagen, sondern an gemeinsames Leiden der Zivilbevölkerung oder (jüdischer) Minderheiten in den Kriegen. Die Schweiz wurde von den Weltkriegen verschont. Deshalb ist sie nicht in der EU, und deshalb bleiben vielen Schweizern solche Formen des historischen Erinnerns fremd. Was haben wir mit den Schützengräben von 1917 zu tun? Was mit den deutschen Fliegerabwehrkanonen von 1944 oder den Vernichtungslagern in Polen? Geschichtsschreibung, die nicht mit einem entschiedenen «Nichts» antwortet, stellt den einzigartigen Sonderfall infrage – und damit die aktuelle Position der EU-Gegner.

Doch die Sonderfall-Rhetorik betont nicht nur allgemein die angebliche Unvereinbarkeit von schweizerischen Traditionen mit einem kriegerischen, zentralistischen, bürokratischen, undemokratischen und letztlich unfreien Europa. Vielmehr hat sie auch ein ganz konkretes Ziel: Deutschland und damit auch die zunehmende Zahl von Deutschen in der Schweiz. Über sie pflegen wir unsere Identität negativ zu definieren: Ein (Deutsch-)Schweizer ist ein freier Eidgenosse und kein kaiserlicher Vogt, kein lutherischer Fürstenknecht, kein wilhelminischer Untertan, kein Völker mordender Nazi – und kein heimtückischer Steuerfahnder.

Innenpolitisch wirksam

Der Zorn von Leserbriefschreibern entbrennt, wenn diese Abgrenzung dort relativiert wird, wo sie am deutlichsten scheint: beim «Befreiungskampf» der Innerschweizer Bauern gegen adlige Habsburger; bei einer «faktischen Unabhängigkeit» vom Reich seit 1499; bei einer «Neutralitätsmaxime» zwischen kriegslüsternen Grossmächten oder beim «Widerstand» gegen das Dritte Reich. Innenpolitisch findet das Geschichtsbild erfolgreicher Absonderung weiter Anklang. Ob man damit aber aussenpolitisch noch einen Staat machen kann in Auseinandersetzungen mit normalen demokratischen Rechtsstaaten etwa über Steuerflucht und Anflugschneisen, muss sich erst noch weisen.

 

Thomas Maissen

Historiker

Thomas Maissen, 1962 in Zürich geboren, wuchs in Basel auf. Nach dem Studium (Geschichte, Philosophie und Latein) in Basel, Rom und Genf war er von 1993 bis 1995 wissenschaftlicher Assistent an der Universität Potsdam. Nach seiner Habilitation an der Universität Zürich lehrte er in Luzern. 2004 wurde Thomas Maissen als Professor für Neuere Geschichte an die Universität Heidelberg berufen. In diesem Herbst ist beim Badener «Hier + Jetzt»-Verlag sein viel beachtetes Buch «Geschichte der Schweiz» erschienen.

Heute Freitagabend um 20 Uhr tritt Thomas Maissen im Theater Neumarkt in Zürich auf: Er diskutiert mit dem Philosophen Francis Cheneval und dem «Magazin»-Journalisten Daniel Binswanger über das Verhältnis der Schweiz zu Europa. (TA)