lautstark!
März 2004
Nummer 5
Aufschwung eines kulturellen Weltverständnisses
Einfache Erklärungen
Die Rechte übernimmt Samuel Huntingtons kulturelle Ansichten, die einen Paradigmenwechsel darstellen, weg von einem latenten aber tabuisierten sozialdarwinistischen Rassismus, hin zu einem breit anerkannten Kultur-Rassismus.
Nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung mit dem Ende des Kalten Krieges befand sich die Welt in einer Identitätskrise. Wo waren die neuen "Andern", von denen man sich abgrenzen kann und die einem bis anhin die Selbstdefinition so erleichtert haben? Ohne die Konstruktion von Feindbildern fehlte die identitätsstiftende Bindungskraft. Und dies in Zeiten einer zunehmenden Globalisierung. Da weiss mensch ja nicht mehr, wer er ist und wo er hingehört. Der Ruf "des Westens" nach einer griffigen und einfachen Theorie in dieser schwierigen Selbstfindungsphase wurde erhört: Huntington präsentierte seine These von einer neuen Phase der Weltpolitik (siehe Kasten). Dem Westen stand zwar von nun an nicht mehr nur ein Gegenspieler gegenüber sondern gleich deren sechs bis sieben - aber wenigstens wusste man diese Welt wieder einzuschätzen - die Feinde waren definiert. Für seine leicht verständlichen Darstellungen des Weltgeschehens dankte ihm die Öffentlichkeit mit breiter Resonanz.
Gute und Böse
Im Zuge der Erklärungsversuche für die Attentate vom 11. September präsentierte sich Huntingtons "Kampf der Kulturen" - in der sich "die westliche Welt" und "der Islam" als grösste Feindbilder gegenüberstehen - geradezu auf dem Silbertablett und das Buch avancierte umgehend zu einem Verkaufsschlager. Für seine SympathisantInnen war Huntingtons These mit diesen Ereignissen bestätigt. Seine Analysen fanden erneut grossen Anklang bis in die höchsten Etagen der amerikanischen Politik. Huntingtons visionäre Perspektive vermochte das entstandene Vakuum zu füllen. Dies äusserte sich im sogenannten "Kampf gegen den Terrorismus" und der Aufteilung der Welt in "Gut" und "Böse" nach amerikanischem Gusto.
neue Erklärungen
Das Streben nach einer kulturell einheitlichen Gesellschaft wird nicht mehr mit der Vorstellung von der Minderwertigkeit anderer "Rassen" begründet, sondern mit der Unmöglichkeit des Zusammenlebens und dem "Recht auf Differenz" und "kultureller Selbstbehauptung". Die Anhänger dieses Weltverständnisses anerkennen die unterschiedlichen Kulturkreise, wollen sie aber vor der "Durchmischung" bewahren, um den "unausweichlichen Konflikten einer multikulturellen Gesellschaft" vorzubeugen.
Solche wirre Vorstellungen von kulturell homogenen Territorien treten häufig im Zusammenhang mit der Ausländerpolitik zutage. Was auf den ersten Blick wie der Appell einer friedlichen Koexistenz der Völker anmutet, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Tarnung für den klassischen Rassismus.
In diesem Fahrwasser schwimmt auch eine Partei, die in der institutionellen Politik der Schweiz vertreten ist: Die Schweizer Demokraten. Mit ihrem Heraufbeschwören eines Mythos von einer "schweizerisch kulturellen Eigenart", der von "fremden Einflüssen" geschützt werden muss, schüren sie Identitätsängste in der Bevölkerung. Sie verzichten in ihrem Argumentarium auf den biologistisch begründeten Rassismus, leiten aber - in Anlehnung an die Theoretiker der Nouvelle Droite in Frankreich - aus den kulturellen Unterschieden eine Bedrohung der kulturellen Identität der Schweiz ab. In ihrem Parteiprogramm tönt dies folgendermassen: "Der Verlust der eigenen Kultur bedroht unser Selbstverständnis und unterhöhlt unseren nationalen Selbstbehaltungswillen." Deshalb fordern sie: "Schutz und Förderung der christlich-abendländischen Kultur, welche das Fundament unserer Ethik und Moral ist."
In den Leitsätzen der rechtsextremen Partei National Orientierter Schweizer (PNOS) kommt dieses abstruse kulturelle Verständnis - in dem die als fremd erfahrene Kultur als unvereinbar mit der eigenen dargestellt wird - noch deutlicher zum Ausdruck: "Staatsangehöriger kann nur sein oder werden, wer dem Volk angehört oder ihm durch Abstammung und Kulturverwandtschaft so nahe steht, dass er sich einfügen kann." Menschen aus (west-) europäischen Ländern werden aber als genügend nah "verwandt" definiert und geniessen daher einen Sonderstatus: In ihrem "Kampf gegen die Überfremdung und Überbevölkerung" fordern sie eine "zügige Rückführung kulturfremder Ausländer in ihre Heimat" und plädieren für ein "Weisses Europa".
Verschleierung
Die "westliche Kultur" wird nach ihrem Verständnis als fortgeschrittenste und erhabenste angesehen und bedarf demnach des Schutzes vor der Durchmischung. Dieses proklamierte "Recht auf Differenz" unter dem Deckmantel der Erhaltung einer sogenannten Völkervielfalt dient aber nur zur Verschleierung eines rassistischen Weltbildes. Indem der Kultur unterstellt wird, eine in sich homogene Einheit zu bilden, wird Zuwanderung als Angriff auf die "eigene kulturelle Identität" betrachtet. Doch Kultur ist nicht ein Gebilde, das ausserhalb der Menschen, der Gesellschaft fassbar wäre, sondern etwas prozesshaftes und situationsbezogenes, das sich im täglichen Leben und in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen manifestiert.
"Kampf der Kulturen" - der neue Rassismus
Huntington ist Professor an der Harvard University und war während der Präsidentschaftszeit von Carter (1977-81) im Weissen Haus als Koordinator für Sicherheitsplanung im Nationalen Sicherheitsrat der USA tätig.
Mit seiner zentralen These von einer neuen Phase der Weltpolitik nach dem Ende des Kalten Krieges fordert er die Welt auf, sich auf ethnische Identitäten zurückzubesinnen. Die Lösung der neuen Ordnung hat er schon in der Tasche: Eine geopolitische Weltkarte mit dem bescheidenen Anspruch, die Entwicklungen nach dem Ende des Kalten Krieges auf eine einfache Weise vorauszusagen. Nach einem willkürlichen Schema teilt er die Welt in sieben-acht kulturelle Einheiten auf (die westliche, die konfuzianische, die japanische, die islamische, die hinduistische, die slawisch-orthodoxe, die lateinamerikanische und vielleicht die afrikanische Zivilisation).
In seinem 1993 erschienenen Aufsatz über den "Kampf der Kulturen" prophezeite Huntington, dass künftige Auseinandersetzungen aus dem Aufeinanderprallen unvereinbarer Kulturen resultieren werden. Nach Huntington sind kulturelle Unterschiede - im Gegensatz zu politischen oder ökonomischen - nicht veränderbar. Unter den Bedingungen der Globalisierung intensiviert sich der Kontakt zwischen Menschen verschiedener Zivilisationen und führt nach ihm dazu, dass für die Menschen das Identifikationsbedürfnis mit der eigenen Kultur zunimmt. Diese ist aber nach Huntington nur durch die Konstruktion eines "Andern" möglich und bedingt demnach eine Abgrenzung. Dies führe zu einem Zusammenschluss von Nationen, die derselben kulturellen Einheit angehören und schlussendlich zu einer Polarisierung der Welt in "den Westen und den Rest", wovon auch die zukünftigen Bedrohungen ausgehen werden.
Der erste Zusammenprall der Kulturen ist - nach Huntingtons hellseherischen Fähigkeiten - voraussehbar und verläuft zwischen dem Westen und dem Islam. Doch keine Angst, Huntington überlässt uns nicht einfach unserem Schicksal, sondern liefert sogleich ein Konzept, wie wir uns vor der aufkommenden Bedrohung durch den Rest der Welt - der natürlich sowohl an ökonomischer als auch militärischer Kraft zulegen wird - schützen können:
Huntington rät dem Westen, sich im Inneren zu einigen, sich militärisch und ökonomisch zu wappnen, Bündnisse zu schliessen und wenn möglich naheliegende Zivilisationen - wie beispielsweise die lateinamerikanische - zu inkorporieren.
"Die Zukunft der USA und die Zukunft des Westens hängen davon ab, dass die Amerikaner ihre Bindung an die westliche Kultur bekräftigen. Innenpolitisch bedeutet das eine Absage an die konfliktstiftenden Sirenengesänge des Multikulturalismus." Nach Huntington darf eine Einwanderung von Menschen aus nichtwestlichen Kulturen nur toleriert werden, sofern sie sich an die Kultur des Westens assimilieren. Nur so könne dem moralischen Verfall, dem kulturellen Selbstmord und der politischen Uneinigkeit des Westens entgegengewirkt werden.
antifa bern
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