lautstark!
Juli 2008
Nummer 15
Rechtsextreme Waffenliebe im Visier
Die Symbiose zwischen Unmenschlichkeit und Maschine
Waffen und Rechtsextremismus
– das passt irgendwie zusammen.
Diese unheilige Allianz
zwischen Mensch und Maschine
tritt in verschiedenster Form in
Erscheinung. Manchmal in
Liedtexten von Rechtsrock-
Bands, manchmal bei Tötungsdelikten.
Wir haben die gesamte
Bandbreite des Waffenfetischs
abgeklappert und uns Gedanken
zum Hintergrund der
rechtsextremen Waffenliebe
gemacht.
Das Posieren mit Waffen scheint den
eigenen Marktwert von Rechtsextremen
zu steigern, wie ein Blick in einschlägige
Kontaktbörsen verrät. Erst
mit der Waffe ist man ein ganzer
Mann, so die Bildmessage. Einige
werben vermummt und mit nacktem
Oberkörper für ihre Gunst bei der
rechtsgesinnten Weiblichkeit. Anderen
bauen sich Waffenaltare mitten
im Wald und stellen sich davor als
eiserne Ritter mit White-Power-Flagge,
ganz im Stile von «The Lord of
the Rings». Daneben entdecken wir
in diesen Internetforen auch immer
wieder die Knarre-Wampe-Pit-Bull-
Posen. Ohne Waffe fühlen sich diese
rechtsextremen Männer offensichtlich
nicht attraktiv genug. Aber hinter
dieser Freude an Waffen verbirgt sich
mehr als mangelndes Ego. Die Liebe
zur Waffe führt uns zum Kern der
rechtsextremen Ideologie, deren Ziel
letztlich die (gewaltsame) Zerstörung
von allem, was «fremd und anders»
ist. Der Wunsch nach Zerstörung von
dem, was nicht in die Norm- und
Ordnungsvorstellungen dieser Menschen
passt. Und zum Zerstören eignen
sich Waffen vorzüglich.
Die Waffe in der Hand
Die Liebe zur Waffe äussert sich in
rechtsextremen Kreisen auf verschiedene
Art und Weise. Wie bereits bei
den Kontaktbörsen festgestellt, sind
Waffen ein beliebtes Accessoire zur
Selbstinszenierung. Auch in Fanzines,
auf CD-Covers, in Katalogen rechtsextremer
Klamottenversände und in
einschlägigen Flugblättern sind Waffen
ein beliebtes Sujet. Sie sind die
stetigen Begleiter von darin porträtierten
Menschen und Figuren. Vielerorts
präsentieren sich Rechtsextreme
mit Sturmgewehren, mit Baseballschlägern
oder antiken Waffen.
Auch in Rechtsrock-Liedern wird die
Liaison mit diesen Mordinstrumenten
besungen. Beispielsweise im Lied
«Eidgenosse Harus» des Schweizer
Liedermacher-Duos «Die Eidgenossen
»: «Schlagt die Trommel,
schwingt die Fahnen, holt aus den
Gräbern die streitbaren Ahnen.
Richtet die Waffen zum heiligen
Krieg, weckt den Ruf, der zu lange
schon schwieg», singen Sacha Kunz
und Marco Schwarz mit weinerlicher
Stimme – und sie folgen damit einem
Trend. Der (Alp-)Traum vom bewaffneten
Kampf, Seite an Seite mit den
ominösen Ahnen, erfreut sich in diesen
Kreisen grosser Beliebtheit. Gerne
werden auch Soldaten abgebildet.
Der Hang zur Verherrlichung vergangener
Kriege und verbrecherischer
«Kriegshelden», vornehmlich
aus NS-Streitkräften, ist augenfällig
und spricht allein schon Bände.
Die Waffe an der Wand
Der Schritt von Waffendarstellungen
zur eigenen Waffe ist nahe liegend.
So steigert der Besitz von Waffen offensichtlich
den eigenen Marktwert
in der Szene. Es wird eifrig gesammelt,
weiterverkauft und damit rumposiert.
Bereits 1981 tauchte in der
«Schweizer Illustrierte» eine Bilderreihe
des rechtsextremen Waffensammlers
Peter Saunders auf. Das
Mitglied der damaligen Zürcher
Kameradschaft «Adlerhorst» posierte
mit Hitlergruss vor seinen Waffen
und Nazi-Devotalien. Nicht nur
recherchierende JournalistInnen werden
gelegentlich fündig, auch die
Polizei hebt in regelmässigen Abständen
Waffensammlungen von Neonazis
aus. Etwa im Februar 2005, als im
Umfeld der Kameradschaft «Helvetische
Jugend», die im Oberaargau
und im ländlichen Luzern beheimatet
ist, ein ganzes Waffenarsenal
sichergestellt wurde. Neben Schrotflinte
und Elektroschockgerät wurden
auch Teile von Armeegranaten
gefunden. Ein vergleichbarer Waffenfund
ereignete sich im Dezember
2007, als bei einer Gruppe von
Rechtsextremen aus Genf neben
Nazi-Propaganda auch Waffen und
Munition sichergestellt worden sind.
Die Gruppe war Ende 2007 wegen
Raubüberfällen ins Visier der Polizei
geraten.
Ein etwas anderes Tummelfeld für
rechtsextreme und andere Waffenliebhaber
sind die vom Departement
für Verteidigung, Bevölkerungsschutz
und Sport (VBS) inszenierten «Volk
meets Army»-Anlässen, angefangen
bei Flugshows bis hin zu Armeematerial-
Ausschussbörsen. Dort wo es
Tarnanzüge, Waffen und ausrangierte
Armeefahrzeuge zu kaufen gibt,
treffen sich Armee-Fetischisten zum
gemeinsamen Shopping. Unter ihnen
ist immer wieder eine stattliche
Anzahl von Neonazis anzutreffen.
Bei solchen Gelegenheiten werden
die Waffen- und Armeematerial-
Sammlungen erweitert und ausgebaut.
Und wenn sich dort das Richtige
nicht findet, suchen sich die
rechtsextremen Waffensammler ihre
Liebhaberstücke in Läden oder einschlägigen
Internet-Tauschbörsen
zusammen. So auch Thomas Wermelinger,
ein langjähriges Hammerskin-
Mitglied aus der Innerschweiz,
der gerne auch auf dem öffentlichen
Internetportal «waffen.ch» Ausschau
nach gesuchten Schiesseisen hielt.
Bewaffnet fürs «Vaterland»
Die Affinität der Rechtsextremen zur
(Schuss-)Waffe hat aber noch viel
brutalere Gesichter. Immer wieder
kommt es vor, dass Rechtsextreme
auch Schüsse aus ihren Waffen
abfeuern. Häufig als Hobby-Schützen
in Schützenvereinen – quasi in
geschütztem Rahmen. Roland Wagner,
ein Neonazi, der im Herbst 2007
als SD-Mann für den Nationalrat
kandidierte, lud zu solchen Schiessübungen
sogar befreundete Neonazis
aus Deutschland ein. Das gemeinsame
Training am Schweizer Armeesturmgewehr
wurde im August 2007
von Antifas gefilmt und publik
gemacht. Aber Wagner ist nur ein
Exempel unter vielen. Dass Rechtsextreme
in Schweizer Schützenvereinen
den Umgang mit Waffe üben, ist
ein alarmierender Tatbestand.
Und manchmal wird aus «Übung»
Ernst. In der Nacht vom 10. auf den
11. Juli 2000 feuerte ein Rechtsextremer
rund 110 Schüsse auf das von
HausbesetzerInnen bewohnte Soltermann-
Fabrikareal im Berner Marzili-
Quartier ab. Die Schützen beschafften
sich ihre Munition und eine der
Tatwaffen beim Schiessstand
Schliern-Platten, wo einer der Täter
im Schützenverein aktiv war. Danach
fuhren sie mitten in der Nacht zur
linken Wohngemeinschaft und ballerten
mit Serienfeuer auf das Gebäude,
in welchem sich fünf BewohnerInnen
aufhielten. Dass niemand von diesen
im Kugelhagel getötet oder verletzt
wurde, grenzte an ein Wunder. Nach
ihrer Verhaftung gaben die Täter als
Tatmotiv «Abneigung gegen Linke»
an. «Wir können sie ja gleich umlegen,
statt nur zu verklopfen», dies die
Aussage des damals 20-Jährigen
Rechtsextremen und aktiven Jungschützen.
Der jüngste Schusswaffenvorfall
auf politische Gegner ereignete
sich vor drei Jahren am Bahnhof in
Thun. Damals feuerte ein stadtbekannter
Thuner Neonazi mehrere
Schüsse auf einen linken Jugendlichen
ab. Das Opfer erlitt einen Oberschenkeldurchschuss,
die anderen
Projektile verfehlten glücklicherweise
ihr Ziel.
Rechtsextrem + Waffe = Überlegenheit?
Waffen und Gewalt scheinen zumindest
in gewissen Kreisen der extremen
Rechten ein wichtiger Bestandteil
der eigenen Identität zu sein. Diese
wird in verschiedener Form ausgelebt:
Angefangen bei der inflationären
Darstellung von Menschen mit
Waffen bis hin zu Mordversuchen
mit solchen. Dass sich Unmenschlichkeit
gut mit der Liebe zu
Tötungsinstrumenten verbinden
lässt, ist nahe liegend.
Weshalb aber sind Waffen so faszinierend
für Neonazis? Mit der Waffe in
der Hand werden verschiedene
Gefühle befriedigt: Technikfreude
und Machismus, Gewaltgelüste und
das Gefühl, in einer überlegenen
Position zu sein. Der Glaube an die
eigene Überlegenheit wird im
Rechtsextremismus durch das Recht
des Stärkeren begründet. In dieser
Logik gelten Menschen, die physisch
stärker sind, als etwas Besseres und
dürfen deshalb über «minderwertige
» Menschen verfügen. Und damit
diese Logik auch wirklich aufgeht,
hilft man der eigenen «Stärke» mit
kleineren und grösseren Waffen ganz
unbescheiden nach. Mit der Waffe
wird also die eigene Wehrfähigkeit
und physische Stärke demonstriert.
Zwei Eigenschaften, die insbesondere
für das Männerideal in der extremen
Rechten grundlegend sind. Schliesslich
ist die Vorstellung vom Kampf
für die Heimat und die «weisse Rasse
» in diesen Kreisen wegleitend.
Sich selber sehen sie als eine Art
Krieger.
Die Tatsache, dass Rechtsextreme
über Waffen verfügen und diese auch
nutzen, ist bedenklich. Hinzu
kommt, dass jeder Militärdiensttuender
ein Sturmgewehr zuhause in der
Ecke stehen hat. Und das sind heutzutage,
wo psychiatrisches Gutachten,
Dienstverweigerung und Zivildienst
als Alternativen bestehen, zu
einem grossen Teil rechts(extrem)
Gesinnte. Ein erster Schritt wäre,
dass diese Waffen in den Zeughäusern
aufbewahrt würden. Ein zweiter
Schritt wäre, dass die Armee, die
Waffen und die Rassisten der Vergangenheit
angehören würden. Zwischen
Schritt eins und zwei muss
allerdings noch nach einer gangbaren
Lösung gesucht werden. Waffen nieder
und Nazis ins Zeughaus?
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