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lautstark!
Juli 2008
Nummer 15

Nation unter Waffen

Die rechtsradikale Milizbewegung in den USA

Sie heissen «Michigan Militia», «Arizona Patriots», «Southeastern Ohio Defense Force», «Big Star One», «Militia of Montana » oder «Aryan Nations». Gemeinsam ist ihnen ein kruder Mix aus bizarren Verschwörungsphantasien, militanter Regierungsfeindlichkeit, offenem Antisemitismus und dem unerschütterlichen Glauben an die weisse Vorherrschaft. Dies macht die rechtsradikalen Bürgerwehrbewegung in den USA auch für Europas extreme Rechte attraktiv.

Tatort Oklahoma City: Am 19. April 1995 explodiert vor dem achtstöckigen Alfred P. Murrah Federal Building ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen. Der Sitz mehrerer Regierungsbehörden wird durch die Detonation nahezu zerstört, 168 Menschen kommen ums Leben. Die Tragödie rückt schlagartig die US-amerikanischen Militias ins Licht einer breiten Öffentlichkeit – obwohl bis heute strittig ist, ob die rechtsgerichteten Attentäter Timothy McVeigh und Terry Nichols tatsächlich Mitglieder der Milizbewegung gewesen sind.

Doch beginnen wir von vorne: Rechtsgerichtete paramilitärische Verbände haben Tradition in den USA. Bekannteste Beispiele sind der 1865 gegründete rassistische Geheimbund «Ku-Klux-Klan» (KKK) mit seinem organisierten Terror gegen Schwarze in den Südstaaten oder die in den 1980er-Jahren vor allem im Mittleren Westen starke Organisation «Posse Comitatus» (lateinisch für «Macht der Landkreise »), die den Landkreis-Sheriff als oberste Autorität betrachtete, die höheren Instanzen (Bundesstaat- und US-Regierung) aber als illegitim ablehnte.

«Combat and survive»

Kräftigen Schwung erhält die vor sich hin dümpelnde Hassgruppen- Bewegung Anfang der 1990er-Jahre, als vielerorts Bürgermilizen ins Leben gerufen werden, die sich mit Waffenübungen, Survival-Trainings in freier Natur, Nahkampf- oder Guerillataktiken, aber auch mit permanenter Mitgliederwerbung und offener Aufwiegelei (vor allem im Internet) beschäftigen. Die Initialzündung für die Renaissance der Militias geben zwei Ereignisse – die Festnahme eines «Aryan Nation»- Anhängers, der sich 1992 tagelang in einer abgelegenen Berghütte im US-Bundesstaat Idaho verschanzt hat, und der blutige Angriff des FBI auf die Psycho-Sekte «Branch Davidians » bei Waco, Texas, 1993 – sowie der Versuch des frisch gewählten, demokratischen US-Präsidenten Bill Clinton, den in der Verfassung verankerten Privatbesitz an Schusswaffen zu regulieren. «Waffenkontrolle heisst Volkskontrolle», so der Tenor in der aufkeimenden Militia-Szene. Klammerbemerkung: Clintons «gun control»-Politik bleibt zaghaft – 1994 lässt er 19 Typen von Semiautomatikwaffen auf die schwarze Liste setzen, Laufzeit der Massnahme: zehn Jahre.

Die Milizbewegung wächst ungemein schnell: Mitte der 1990er-Jahre, dem Höhepunkt der Militias, existieren in den USA bereits gut 800 paramilitärische Gruppen, verteilt über mindestens 40 Bundesstaaten. Die US-amerikanische Organisation «Anti-Defamation League of B'nai B'rith» (Liga gegen Diffamierungen) schätzt die Zahl der in den Militias aktiven Mitglieder 1995 auf rund 15'000, während andere Quellen von bis zu fünf Millionen Militia-Mitgliedern sprechen. Tatsächlich dürfte der entschlossene harte Kern der Bewegung, die eigentlichen gewalttätigen und aufrührerischen «Kampf»-Milizen, zu diesem Zeitpunkt bloss einige tausend Personen zählen. Ungleich grösser ist aber sein Umfeld: die so genannt «redenden» Milizen, denen es in erster Linie um den Widerstand gegen Waffenverbotsgesetze oder vom Staat erhobene Einkommenssteuern geht und weit weniger um das Vorantreiben einer christlichpatriotischen Revolution.

Weites Spektrum

Die Motive der heterogenen Militia- Bewegung decken ein weites Spektrum von regierungsfeindlichen Überzeugungen ab, verknüpft mit religiösem Hass und rassistischer Intoleranz. Der US-amerikanische Terrorexperte Bruce Hoffman macht 2001 in seinem Buch «Terrorismus. Der unerklärte Krieg. Neue Gefahren politischer Gewalt» folgende verbindende inhaltliche Elemente aus: Feindschaft gegen jede Form der Regierung oberhalb der Kreisebene; Verunglimpfung von Juden und Nichtweissen als Kinder Satans; eine wahnhafte Besessenheit im Hinblick auf die Durchsetzung einer religiösen und rassischen «Reinigung» der Vereinigten Staaten; Glaube an eine Verschwörungstheorie, wonach mächtige jüdische Interessen die Regierung, die Banken und die Medien kontrollieren; Befürwortung des Sturzes der US-Regierung oder der «ZOG» (Zionistische Besatzungsregierung/Zionist Occupation Government), wie die Patriot-/Militia-Gruppen sie diffamierend nennen – ein Begriff, der auch Eingang ins Vokabular der europäischen Neonaziszene gefunden hat.

Es bleibt nicht bei Hasspredigten und Aufwiegelei – zumindest in drei Fällen werden der Milizbewegung gewalttätige Bestrebungen nachgewiesen: Im Juli 1996 verhaftet die Polizei im US-Bundesstaat Arizona zwölf Mitglieder der «Viper Militia», die Anschläge auf sieben Bundesverwaltungsgebäude in der Hauptstadt Phoenix vorbereitet und dazu bereits ein umfangreiches Sprengstoffarsenal angelegt haben. Im Oktober desselben Jahres gehen der Behörde zur Kontrolle von Alkohol, Tabak und Feuerwaffen (BATF) drei Anhänger der «Militia-at-Large for the Republic of Georgia» ins Netz. Die Gruppe soll die Ermordung von höheren Beamten geplant und möglicherweise sogar Angriffe auf die Olympischen Spiele in Atlanta in Erwägung gezogen haben. Bereits 1995 hat die Polizei sieben Mitglieder der «West Virginia Mountaineer Militia» dingfest gemacht, welche das Computerzentrum des FBI in West Virginia in die Luft sprengen wollten.

Zenit längst überschritten

Das rechtzeitige Aufdecken dieser Anschlagspläne, mehrere Verhaftungsaktionen aber auch gescheiterte Versuche, die Militias untereinander besser zu vernetzen, schwächen die Milizbewegung in der Folge. Doch verbreiten zahlreiche dieser Gruppen bis heute ihr rassistisches und antisemitisches Gedankengut im Internet oder veranstalten Trainingscamps – vor allem im Mittleren Westen der USA.

Immer auch hat die US-amerikanische Milizszene eine grosse Faszination auf Gesinnungsgenossen diesseits des grossen Teichs ausgeübt: Die terroristische Organisation «Combat 18», der bewaffnete Arm des internationalen Neonazinetzwerks «Blood& Honour» in Grossbritannien, hat sich beispielsweise ganz offen am Vorbild der Militias orientiert. Die Gruppe, die ihren Namen aus dem ersten und dem achten Buchstaben des Alphabets – also den Initialen Adolf Hitlers– ableitet, wird verantwortlich gemacht für eine ganze Reihe von gewalttätigen Anschlägen, Morden sowie Mordversuchen.

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