lautstark!
Juli 2008
Nummer 15
Trittbrettfahrer
«Blood and Honour-Parade im Bilderbuchort»
Die rechtsextreme Szene möchte
das Drama um die getötete fünfeinhalbjährige
Ylenia nutzen,
um mit einer Demonstration
«gegen Kinderschänder» am
13. Oktober 2007 in Appenzell
Werbung in eigener Sache zu
machen. Die Trittbrettfahrer-
Strategie erleidet Schiffbruch:
Die Behörden widerrufen im
Vorfeld die Bewilligung, die
PR-Aktion mit erhoffter breiter
Mobilisierung verkommt zur
«Blood and Honour»-Parade –
eine unappetitliche Angelegenheit.
Am 19. September 2007 zieht der
Bezirksrat Appenzell die ursprünglich
erteilte Erlaubnis für die Demonstration
zurück, nachdem ruchbar
geworden ist, dass nicht bloss eine
Einzelperson – Marina Rechsteiner
aus Wiedlisbach BE –, sondern mehrere
rechtsextreme Organisationen
wie die «Freie Nationale Kameradschaft
Schweiz-Germania», der
«Kampfbund Nationaler Aktivistinnen
» (KNA) und einige Sektionen
der Partei National Orientierter
Schweizer (PNOS) hinter dem
geplanten «Gedenkmarsch» stehen.
Die Behörden fürchten um die
öffentliche Sicherheit im Bilderbuchort.
Auch wollen sie nicht, dass die
Angehörigen von Ylenia in ihrer
Trauerarbeit gestört werden.
700 Meter hin, 700 Meter
zurück
Gut 100 Rechtsextremistinnen und
-extremisten sind es, die am
13. Oktober dem Widerruf der
Bewilligung trotzen und sich auf die
von den Behörden nach Verhandlungen
zugelassene, unattraktive Miniroute
begeben: vom Brauereiparkplatz
zum Hallenbad, wo Ylenia entführt
worden ist, und wieder zurück.
Ein stattliches Polizeiaufgebot riegelt
den Appenzeller Dorfkern hermetisch
ab, aus den Reihen der zahlreichen
Schaulustigen ertönen vereinzelt
«Pfui»-Rufe.
Die teils vermummten Neonazis,
einige davon im Look der «Autonomen
Nationalisten», tragen ihre
Gesinnung auf Transparenten, Plakaten
und T-Shirts offen zur Schau.
Das Fronttransparent «Blood &
Honour Schweiz» wirbt für den hiesigen
Ableger des internationalen,
klandestin operierenden Neonazi-
Netzwerks. «Kinderschänder sind
nicht heilbar!» prangt auf einem
Transparent, ein Strick ergänzt den
Spruch. Und: «Für alle Länder –
Todesstrafe für Kinderschänder» ist
auf T-Shirts zu lesen.
Couragierte Antifaschistinnen und
Antifaschisten aus der Region dokumentieren
den Nazi-Spuk minutiös –
und reissen mit ihren vorzüglichen
Fotoaufnahmen einige der beteiligten
Aktivistinnen und Aktivisten aus der
Anonymität: Aus der Stadt Bern
angereist ist etwa der Nazi-Skin
Ruben Kurt, er trägt während des
Umzugs eine schwarze Fahne. Gut
vertreten in Appenzell ist die Aargauer
Neonaziszene: So präsentiert sich
die «Kameradschaft Baden-Wettingen
» (KBW), die im Juli 2005 in
Baden-Dättwil einen «Liederabend»
mit den Duos «Annett und Michael»
und «Die Eidgenossen» organisiert
hat, im Einheitslook. Tamara Häfliger,
Renee aus Rothrist, ihrerseits hat
eine Handvoll süddeutscher Kameradinnen
und Kameraden in die
Schweiz gelotst, zum Beispiel Sophie
Michel und Heiko Flöter vom «Freikorps
Baden».
PNOS-Vorstand: Kalte Füsse
gekriegt
Die szene-interne Bilanz der rund
einstündigen Aktion fällt nicht nur
schmeichelhaft aus, wie die Debatte
in einschlägigen Neonazi-Foren in
den Tagen danach zeigt: «Sauberer
und disziplinierter Auftritt wäre ein
wenig anderst gewesen, da gab es
Leute die haben geraucht während
dem Gedenkmarsch, dann habe ich
Leute gesehen welche eine Flasche
Schnaps bei sich hatten», tippt sich
ein Beteiligter in Rage. Nicht begeistert
ist man insbesondere über das
Fehlen der PNOS-«Prominenz»: «Es
ist halt einfacher sich in dem Medien
mit fremden Sachen zu schmücken
um sich ins Rampenlicht zustellen
wie die Lady D. Friedrich als am Sa
den Arsch aus dem Bett zu kriegen
und auch hinter der gross angekündigter
sache zustehn.»
In der Tat glänzen an diesem Samstag
Parteiexponentinnen und -exponenten
wie Denise Friederich, Dominic
Bannholzer oder Michael Haldimann
durch Abwesenheit. Der triftige
Grund für die kollektive Absenz:
Die PNOS-Spitze, gegen welche zu
diesem Zeitpunkt ein Gerichtsverfahren
wegen Verletzung der Antirassismus-
Strafnorm (diskriminierendes
Parteiprogramm) läuft, kann sich
weitere negative Publicity nicht leisten
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