lautstark!
Juli 2008
Nummer 15
«In der Bewegung über Selbstbestimmung reden»
Ein Vertreter der französischen Antifa-Organisation SCALP steht Red und Antwort
Der Kampf gegen rechtsextreme
Organisationen sei sinnlos,
wenn er nicht in Verbindung stehe
mit dem weiterreichenden
Kampf gegen die Werte, welche
sie verteidigten. Dies ist die
feste Überzeugung eines Vertreters
der französischen Antifa-
Gruppierung SCALP, welcher
im Interview einen vertieften
Einblick in die Aktivitäten der
Extremen Rechte in unserem
Nachbarland gibt und über
mögliche Alternativen zum
herrschenden System spricht.
Lautstark: Ihr nennt euch SCALP. Was
bedeutet das?
Dieser Name hat Geschichte. Die
Idee stammt aus Toulouse, als 1984
autonome Antifaschisten eine
Demonstration gegen den Präsidenten
des Front National (FN) organisierten.
Die Demo lief unter dem
Titel «Widerstand der Indianer». Ein
Flugblatt beschrieb die Faschos als
«Bleichgesichter», die Polizisten als
«Blauröcke» und die AntifaschistInnen
als entschlossene «IndianerInnen
», welche den Kojoten Le Pen
jagen wollten. Dieser Flyer wurde mit
SCALP «Section Carrément Anti-
Le Pen» («Sektion klipp und klar
gegen Le Pen») unterzeichnet. Dieser
Name war eigentlich nur als Witz
gedacht, die Indianerinszenierung
hatte jedoch einen so grossen Erfolg,
dass SCALP einige Monate später
der Name einer neu gegründeten
radikalen antifaschistischen Gruppe
wurde. Darauf entstanden spontan
weitere SCALP-Gruppen, und da die
radikalen AntifaschistInnen nicht nur
gegen den FN kämpften, sondern
auch in soziale Kämpfen, beispielsweise
gegen Polizeigewalt oder der
Unterstützung der ImmigrantInnen,
involviert waren, änderte sich die
Bedeutung der Abkürzung. So entstand
«Section Contre-Attaque À La
Peur» («Sektion zum Angriff gegen
die Angst»), «Section Contre-Attaque
À La Passivité» («Sektion zum
Angriff auf die Passivität»), «Section
Carrément Active contre les Parties
Politiques» («Sektion gegen die Parteien
»), «Section Carrément À La
Plage» («Sektion ohne zu zögern an
den Strand»), «Section Carrément
Anti-Laurence Parisot», («Sektion
gegen die Präsidentin des Arbeitgeberverbandes
»). Ich muss jedoch hier
anfügen, dass viele Gruppen in unserem
Netzwerk «No Pasaran» sich
nicht oder nicht mehr so nennen.
Welches sind eure Ziele, welches eure Mittel?
Der Kampf gegen rechtsextreme
Organisationen ist sinnlos, wenn er
nicht in Verbindung steht mit dem
weiterreichenden Kampf gegen die
Werte, welche sie verteidigen: Hierarchien,
politische Ungleichheiten,
Fremdenfeindlichkeit. Der Kapitalismus
beinhaltet diese Werte auch.
Darum gilt für uns, dass einE AntifaschistIn
auch AntikapitalistIn sein
muss. Unabdingbar ist der kritische
Blick auf die Arbeitswelt, ist diese
heute doch wie nie zuvor soziale
Kontrolle und Lockvogel zugleich.
Konkreter: Wir glauben, dass wir
unsere Analyse vom Kapitalismus in
der Praxis testen müssen. Deshalb ist
die Suche nach Alternativen und
deren Umsetzung eine Kernaufgabe
unserer Gruppe. Jede Gruppe unseres
Netzwerkes «No Pasaran» versucht,
ihre praktischen Tätigkeiten
den lokalen Gegebenheiten angepasst
in den Kampf anderer sozialer
Bewegungen einzubringen. Auf
Netzwerkebene publizieren wir
monatlich ein Heft, veröffentlichen
weitere Texte (Bücher, Infobroschüren)
und verteilen Propagandamaterial.
Wir funktionieren selbstverwaltet
und unabhängig. So besitzen wir eine
Wanderkantine, welche oft im Rahmen
sozialer Kämpfe (Sans-Papieroder
Studentenbewegung) eingesetzt
wird. Sie ermöglicht uns, im Herzen
der Proteste über Selbstverwaltung,
Preisgestaltung oder die Abhängigkeit
von den Nahrungsmittelproduzenten
zu diskutieren.
Ein Thema des Präsidentschafts-Wahlkampfes
von Nicolas Sarkozy war die
Migration. Wie ist die Situation der
AusländerInnen, mit oder ohne Papiere in
Frankreich?
Die Situation der Sans-Papiers in
Frankreich wird immer katastrophaler.
Dies zeigen mehrere Vorfälle, bei
welchen Sans-Papiers sich in Gefahr
begeben haben oder sogar gestorben
sind, um den immer zahlreicher werdenden
Polizeikontrollen zu entkommen.
Die Immigrationspolitik folgt
seit einiger Zeit nur einer Logik: Das
Ziel ist es, jeden Monat eine immer
höher werdende Anzahl Personen
auszuschaffen, ohne das diese Politik
auch nur begründet würde. Immer
neue Gesetze werden beschlossen: So
wird der Familiennachzug in Frage
gestellt, und die administrativen Hürden
für Ausschaffungen werden
abgebaut. Der Druck auf die Polizei,
immer mehr Sans-Papiers zu erwischen,
sowie die Tendenz der «Flics»
zu Rassismus, machen aus jedem
Menschen mit dunkler Hautfarbe
einen potenziellen Verbrecher. Man
kann hier eine weitere Neuerung
anfügen: Mit dem neu geschaffenen
«Ministerium für nationale Identität
und Immigration» übernimmt die
neue Regierung eine Idee aus dem
Parteiprogramm des FN, welche darin
besteht, aus MigrantInnen eine
Gefahr für die Identität und kultur
elle Stabilität des Landes zu machen.
Diese Ideologie versucht Sarkozy,
heuchlerisch zu kaschieren, indem er
beispielsweise mit der Justizministerin
Rachida Dati Personen ausländischer
Herkunft in die Regierung aufnimmt.
Diese Personen haben jedoch wie er
übertriebene Ambitionen und dieselbe
ultraliberale Einstellung.
Stichwort «soziale Kämpfe»: In der Schweiz
hörte man nur wenig über den Streik der
Eisenbahner und fast nichts über den der
Studierenden. Was ist geschehen?
Die Eisenbahner versuchten, den
Angriff auf ihr Rentensystem abzuwehren.
Dieses wurde nach dem
Zweiten Weltkrieg durch den «Conseil
de Résistance» eingeführt und
bildet den Sockel des heutigen Sozialversicherungssystems
in Frankreich.
Sarkozy will gemeinsam mit den
Arbeitgebern dieses System durch ein
System von privaten Versicherungen
ersetzen. Es ist eine antisoziale Offensive
sondergleichen, welche zurzeit in
Frankreich läuft. Der Kampf der
Eisenbahner ist eine Fortsetzung der
Kämpfe von 2003. Sie wehren sich
nicht nur für sich, sondern gegen alle
liberalen Angriffe auf «unser» Sozialsystem,
welches zwar weit weg von
einem perfekten System ist, aber
immerhin gerechter als die geplanten
Reformen. Aber der Kampf ist
inzwischen verloren, auch weil die
Chefs der grossen Gewerkschaften
diejenigen, die eigentlich noch weiter
kämpfen wollten, an den Arbeitgeberverband
verraten haben. Bei den
Studentenprotesten, welche sich
gegen die vollständige Liberalisierung
der Universitäten richtete, sieht
es ähnlich aus: Es gab grosse Demonstrationen
und Fakultätsblockaden
gegen dieses neue Gesetz, welches die
Universitäten völlig vom Kapital der
Geschäftswelt abhängig macht. Doch
die Medien ignorierten diese Bewegung,
und ein Berater Sarkozys sagte
sogar: «Ein Studentenstreik existiert
nicht, da die Studierenden gar nicht
arbeiten.» Die Polizei, unterstützt
von privaten Sicherheitsdiensten,
räumte mit unverhältnismässiger
Gewalt die Blockaden der Studierenden.
Die grösste Studentengewerkschaft
UNEF, welche noch im Sommer
führend war bei der Organisation
der Proteste, rief im Herbst dazu auf,
weitere Protestaktionen zu unterlassen,
da sie nun mit dem Ministerium
verhandeln würde. Beide sozialen
Kämpfe sind zwei eher entmutigende
Beispiele, da sie klar aufzeigen, wie
ungleich die Kräfte zwischen oben
und unten derzeit verteilt sind. Andererseits
zeigte es vielen Menschen,
dass man die Politik nicht in die Hände
der grossen politischen Organisationen
legen darf, und es wurden vor
allem im letzten Sommer basisdemokratische
Ideen gelebt und in einigen
Bahnhöfen und Universitäten selbstverwaltete
Organisationsformen in
die Realität umgesetzt.
Trotz einer erhöhten Stimmbeteiligung verlor
der Front National viele Stimmen. Wie
erklärt ihr euch sein schlechtes Abschneiden?
Eines ist klar, Le Pen wird eines Tages
von der politischen Bühne verschwinden,
aber man muss seinen Tod
abwarten. Bis zu seinem letzten
Atemzug wird er diese Partei, die er
zwar nicht selber gegründet hat, aber
die im Laufe der Geschichte zu seinem
Spielzeug wurde, an der kurzen
Leine halten.
Was das Wahlresultat betrifft: Es ist
manchmal sehr schwierig, die Motivation
derjenigen zu verstehen, welche
den Stimmzettel in die Urne
legen, weil bei ihrer Wahl - man muss
es leider so sagen – wenige politische
Überzeugungen zugrunde liegen.
Eine Sache ist klar: Der FN verliert,
zumindest zurzeit. Er verlor für wichtige
Bevölkerungsgruppen an Attraktivität,
sei es als Verteidiger von Ordnung
und Arbeit – Sarkozy wirkt in
diesem Punkt für viele glaubwürdiger
– oder als Antisystempartei – das
Ansinnen von Marine Le Pen, den
Ruf der Partei zu verbessern, brachte
bis jetzt mehr Probleme, als es den
Wählerkreis erweitert hätte. Nun, auf
die Frage zur Zukunft des FN lautet
meine Antwort: Wir werden es sehen.
Eines ist sicher: Es ist wichtig, den FN
weiterhin zu beobachten, weil das
Terrain, auf welchem er gewachsen
ist, weiterhin fruchtbar ist. Wenn die
Seifenblase Sarkozy platzt, wäre der
FN nicht der letzte der davon profitieren
würde.
Welche rechtsextremen Gruppen existieren
neben dem FN?
Was immer eine Eigenart des FN
war, auch wenn es heute weniger der
Fall ist, ist seine Kapazität, alle
rechtsextremen Tendenzen, von den
ultra-reaktionären fundamentalistischen
Katholiken bis zu den faschistischen
Neuheiden zu absorbieren.
1999 erlebte der FN eine wichtige
Spaltung. Bruno Mégret, die damalige
Nummer 2 des FN, gründete mit
mehr als der Hälfte des FN-Kaders
eine eigene Partei, die MNR. Diese
kennt heute niemand mehr. Auf der
parlamentarischen Ebene bleibt der
FN der einzige Vertreter seiner
«Familie».
Daneben gibt es einige weitere
rechtsextreme Gruppierungen, wobei
die Bewegung «les Identitaires» die
wichtigste ist. Hier ist wichtig anzumerken,
dass die Nazi-Skinhead-
Szene in Frankreich sehr klein ist. Es
gibt nur einige hundert Kahlgeschorene,
welche zudem noch schlecht
organisiert sind, trotz der vielen Konzerte
im Elsass. Dies lässt Platz für
andere Gruppierungen, welche sich
als Folklore-Nazis profilieren wollen.
Die Leute der Recherche-Antifa
«REFLEX», welche uns sehr nahe
stehen, haben kürzlich ein Dossier
mit dem Titel «La soupe de Vardon»
über die wichtigste Gruppe in der
«Identitaires»-Bewegung, der «Jeunnesse
identitaire», erstellt:
http://reflexes.samizdat.net.
Anzufügen ist, dass rund um den
Autor Alain Soral eine Gruppe mit
dem Namen «Égalité & Réconciliation
» («Gleichheit und Versöhnung»)
existiert. Es ist eine Gruppe, welche
unterschiedlichste Rechtsextreme
vereint, die als gemeinsamer Nenner
den Antisemitismus haben. Sie hält
sich bereit, das Erbe des FN anzutreten,
wenn Le Pen verschwindet. Weiter
gibt es fundamentalistische
Katholiken, welche autonom vom
FN aktiv sind. Sie organisieren vor
allem Aktionen gegen Abtreibungen.
Auch die fundamentalistischen jüdischen
und moslemischen Strömungen
gilt es zu überwachen, da gerade
eine mehr oder weniger gelungene
Annäherung an die «traditionellen
Strukturen» der Extremen Rechten
stattfindet. Für uns AntifaschistInnen
ist es wichtig, diese Strukturen genau
zu beobachten und sich ihnen entgegen
zu stellen, wenn nötig auch körperlich,
selbst wenn von ihnen derzeit
keine grosse Gefahr ausgeht. Es ist
jedoch leider klar, dass der Chauvinismus
dieser Cliquen und alle Formen
von Autoritarismus
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