lautstark!
Juli 2008
Nummer 15
Wir sitzen im brennenden Boot
Rassismus und Neofaschismus in Russland
Vera Kirsanova aus Moskau, die
Autorin des folgenden Textes,
vergleicht die Situation in Russland
mit einem brennenden
Boot: «Wir sitzen in einem brennenden
Boot, und niemand
weiss, ob es langsam oder
rasant sinken wird oder wir in
der Lage sein werden, es zu retten.
» Damit spielt sie auf die
gesamtgesellschaftlichen Probleme
mit Rassismus, Nationalismus
und Antisemitismus an,
die immer stärker sichtbar werden
und die fĂĽr Ausgegrenzte in
Russland mittlerweile zur alltäglichen
Lebensbedrohung
geworden sind.
Bereits in der Sowjetunion waren
Rassismus, Antisemitismus und
Nationalismus in Staat und Gesellschaft
weit verbreitet. Dramatisiert
hat sich die Situation seit den Propagandaoffensiven
des ehemaligen Präsidenten
Vladimir Putin und dessen
Krieg gegen Tschetschenien – verbunden
mit einer rassistischen Hetzpropaganda
und dem militärischen
Appell an den nationalen Zusammenhalt.
Die Früchte dieses ausgeprägten
Nationalismus und der extremen
Fremdenfeindlichkeit wurden in
den letzten Jahren immer deutlicher
erkennbar: Rassistische Morde, brutale
Ăśbergriffe gegen MenschenrechtsbeobachterInnen
und eine
Gesellschaft die weitgehend wegschaut.
Laut einer jĂĽngsten Meinungsumfrage
in der russischen
Bevölkerung befürworten 55 Prozent
der Befragten den Slogan «Russland
den Russen». Zwar machen Neonazis,
verglichen mit der Gesamtbevölkerung,
ein marginale Zahl aus. Stellt
man die Aktivitäten der Neonazis
allerdings in den Kontext dieser Meinungsumfragen
wird das Rassismusproblem
in Russland in seiner Vielschichtigkeit
erkennbar. Zusätzlich
zum latent vorhandenen Rassismus
lässt sich auch eine rasante Zunahme
neonazistischer Gewalt feststellen –
jährlich um rund 20 Prozent.
Wöchentlich ein Toter
In Russland haben «hate crimes» –
damit sind Verbrechen gemeint, die
aus Hass und rassistischen Vorurteilen
begangen werden – gegen ethnische,
religiöse oder nationale Minderheiten
stark zugenommen. Offizielle
Zahlen existieren nicht. Die
Moskauer Menschenrechtsorganisation
«SOVA Centre for Information
and Analysis» recherchiert und dokumentiert
solche Verbrechen. Ihre
Zahlen sind alarmierend: 2005 wurden
31 Morde und 413 Angriffe registriert;
2006 waren es 54 Morde und
540 Angriffe; im letzten Jahr recherchierten
sie 59 Morde und 581
Angriffe. Hinzu kommt eine Dunkelziffer
von «hate crimes», die, wenn
ĂĽberhaupt, erst Wochen oder Monate
nach dem Ereignis in Erfahrung
gebracht werden können.
Die polizeilichen und juristischen
Reaktionen der Behörden auf «hate
crimes» sind schleppend. Ihre Motivation
zur Aufklärung solcher Verbrechen
und zur Bekämpfung von
rassistischer Gewalt ist gering. Abgesehen
von einigen Verurteilungen
kam es bei einer Vielzahl von Strafprozessen
wegen rassistischer Morde
zu FreisprĂĽchen. So auch am
17. Oktober 2007: Dreizehn Rechtsextreme,
die fĂĽr die Ermordung des
20-jährigen vietnamesischen Studenten
Vu An Tuan angeklagt worden
waren, kamen auf freien Fuss. Auch
die rassistischen Motive bei der Tat
wurden vom Gericht nicht anerkannt.
Ein Sachverhalt, dem MenschenrechtsbeobachterInnen
immer
wieder begegnen: Regelmässig werden
Anklagen und Strafen fĂĽr Hooliganismus
– einem vergleichweise
harmlosen juristischen Vergehen –
verhängt. Im Fall des 2004 ermordeten
9-jährigen Khursheda Sultonova
wurde von den acht Beschuldigten
nur einer wegen rassistischem Mord
angeklagt. Bei den Restlichen lautete
die Anklage «Hooliganismus».
Die letzten Jahre haben zudem
gezeigt, dass neonazistische Gewalt
nicht nur gegen ethnische Minderheiten,
sondern auch gegen alternative
Jugendliche (wie Punks, Emos,
Redskins usw.) und politische Gegner
wie Antifas oder MenschenrechtsbeobachterInnen
gerichtet ist. Am
16. April 2006 wurden der 19-jährige
Antifaschist Aleyander Ryukhin und
sein Freund auf dem Weg zu einem
Punk-Konzert grundlos attackiert.
Ryukhin wurde erstochen, sein
Freund ĂĽberlebt glĂĽcklicherweise. Im
Juni 2007 wurden deswegen drei
Nazi-Skinheads, Angehörige der
neonazistischen Slavic Union, wegen
vorsätzlichem Hooliganismus und
leichter Körperverletzung zu 4.5 bis
6 Jahren Gefängnis verurteilt. Drei
weitere Personen werden noch
gesucht.
Am 13. Oktober 2007 wurde das
Ska-Punk-Festival «Music of the
Streets» das Ziel mehrerer Neonaziangriffe.
Eine Gruppe von 15–20
Neonazi-Skinheads attackierten
Besucherinnen und Besucher mit
Metallstangen. Zudem konnte ein
Sprengsatz von Sicherheitsleuten
frühzeitig aus den Räumlichkeiten
entfernt werden. Zwei Tage später
ĂĽbernahmen St. Petersburger Nationalsozialisten
die Verantwortung fĂĽr
den Bombenanschlag und die Angriffe
und drohten mit weiteren Anschlägen
auf alternative Jugendliche.
Auch Personen, die sich beruflich mit
Themen wie Rassismus und Rechtsextremismus
beschäftigen, sind
gefährdet. Die 59-jährige Ethnologin
Valentina Uzunova wurde am
19. Juni 2007 von unbekannten Personen
tätlich angegriffen und musste
sich in Spitalbehandlung begeben.
Sie ist als Leiterin der Minority
Rights Commission an der St. Petersburger
Scientic Union besonders
bedroht. Ihr Vorgänger, Nikolai
Girenke war am 19. Juni 2004, also
genau drei Jahre vorher, an der TĂĽr
seiner Wohnung in St. Petersburg
erschossen worden. Girenke war in
unterschiedlichen Gerichtsfällen zu
extremistischen Gruppen als Experte
tätig gewesen.
Dies sind jĂĽngere und publik
gemachte Beispiele von «hate crimes
», die in Russland täglich geschehen
und durchschnittlich jede Woche
ein Menschenleben fordern. Meistens
unbemerkt von der (medialen)
Ă–ffentlichkeit.
Neonazis als (Sturm-)Spitze des
Eisbergs
Die Anzahl von aktiven Neonazis bewegt
sich in Russland zwischen fĂĽnfzig
bis siebzig Tausend. Darunter
befinden sich solche, die ideologisch
gefestigt sind und täglich durch
Gewalttaten auffallen, aber auch solche,
die sich als «unpolitische» Mitglieder
einer Jugendsubkultur verstehen.
Diese unorganisierten und
gesellschaftlich marginalisierten
Gruppen, manchmal nur aus zwei bis
drei Leuten bestehend, mögen für
eine Vielzahl von Morden und
Angriffen verantwortlich sein.
Wie unorganisiert diese Neonazis
auch sein mögen, einige Einzelpersonen
und Organisationen versuchen
mehr oder weniger erfolgreich, das
gewalttätige Potenzial der Nazi-Skinheads
fĂĽr die eigenen Ziele zu nutzen.
Bekanntestes Beispiel fĂĽr solche
Allianzen ist der ehemalige Duma-
Abgeordnete Nikolai Kuryanovich.
Noch während seiner Amtszeit lud er
bekannte Neonazis aus dem
«Westen» ein, startete die skandalöse
Kampagne gegen russische Frauen
die mit Ausländern verheiratet sind,
nahm an rechtsextremen Demonstrationen
teil und unterstĂĽtzte Nazi-
Skinheads, beispielsweise diejenigen
der Slavischen Union (Slavyansky
Soyuz, SS). Deren FĂĽhrer, Dmitry
Demushkin, begrĂĽsste Kuryanovich
mit dem Hitlergruss.
Strategie der Pogrome
Gezielt schĂĽren rechtsextreme
Organisationen seit 2007 gesellschaftliche
Konflikte zu «Massenunruhen
» und Pogromen. Mit solchen
Aktivitäten werden neonazistische
und nationalistische Ziele massentauglich
gemacht. Inspiriert wurden
die Rechtsextremen durch Vorfälle in
der Stadt Kondopoga, die sich im
Jahr 2006 ereignet hatten. Damals
endete ein gewöhnlicher Konflikt,
der in einer Bar seinen Anfang
genommen hatte, in Pogromen und
in der Vertreibung von Tschetscheninnen
und Tschetschenen aus der
Stadt. Die nationalistische Propaganda
nutzte damals den Kneipenvorfall
zur Hetze gegen ethnische Minderheiten.
Der damit geschĂĽrte Hass
entlud sich bei breiten Bevölkerungsschichten
in gewalttätigen Übergriffen
auf tschetschenische Nachbarinnen
und Nachbarn. Solche Ereignisse
fallen nicht vom Himmel; sie setzen
ein hohes Mass an bereits vorhandenen,
rassistischen Ressentiments
in der Bevölkerung voraus.
Insbesondere die Mitglieder der
Organisation «Bewegung gegen illegale
Immigration» (Dvizhenie protiv
nelegalnoj immigratsii, oder DPNI)
versucht, das Exempel von Kondopoga
in anderen Städten zu wiederholen.
Der «erfolgreichste» Versuch ereignete
sich in Stavropol Krai zwischen
Mai und Juni 2007. Am
24. Mai entwickelte sich ein alltäglicher
Konflikt zu Massenausschschreitungen,
die zu rassistischen Spannungen,
Panik und breit gestreuten
Gerüchten über getötete Russen und
angebliche Brandstiftungen durch
«Kaukasier» führten. Es sollen bis zu
200 Leute an den Kämpfen teilgenommen
haben, wobei ein Tschetschene
ums Leben gekommen ist.
Die Situation verschlimmerte sich
noch, als am 3. Juni zwei Studenten
getötet wurden – angeblich von «kaukasischen
Männern». Lokale rechtsextreme
Gruppen mobilisierten,
unterstĂĽtzt von ausserhalb, im Speziellen
von der DPNI und der «Russian
All-Nation Union» (Russky
Obshchenatsionalny Soyuz oder
RONS) fĂĽr eine Massenveranstaltung,
die am 5. Juni geplant war. Die
TeilnehmerInnen des rassistischen
Aufmarsches wurden von der Polizei
kontrolliert. Ein Aktivist der lokalen
RONS kam in Haft und wurde
wegen Anstiftung zu Rassenhass
angeklagt.
Ein weiterer wichtiger Anlass fĂĽr
rechtsextreme Mobilisierungen war
der «Russische Marsch» vom
4. November, an dem von den Russischen
Behörden neu erfundenen Feiertag
namens «Tag der Einheit der
Völker» (The Day of Peoples Unity).
In Moskau nahmen an diesem
Marsch im Jahr 2007 rund dreitausend
Rechtsextreme teil, unter ihnen
viele Nazi-Skinheads. Mindestens ein
Drittel der TeilnehmerInnen waren
Mitglieder der «Nationalsozialistischen
Gesellschaft» (Natsional-Sotsialisticheskoe
Obshchestvo, NSO),
einer der bekanntesten und gewalttätigsten
Organisationen. Dieser Anlass
ist nicht nur ein rechtsextremes Ausflugsziel,
sondern fĂĽhrt auch zur
Konsolidierung von neonazistischen
und nationalistischen Kräften.
Ansonsten ist die extreme Rechte
stark zerstritten und beschuldigt sich
gegenseitig der Spionage fĂĽr
Geheimdienst und Polizei.
Reaktionen der AntifaschistInnen
Die antifaschistische Bewegung in
Russland wächst im Moment sehr
schnell. Neben kleinen Gruppen und
Einzelpersonen, die seit mehr als
zehn Jahren aktiv sind, hat sich in
den letzten drei Jahren eine antifaschistische
Bewegung, oft mit militantem
Charakter, entwickelt. Antifas
sind in Russland täglich an Leib und
Leben bedroht. Hinzu kommt, dass
sie von breiten Gesellschaftsschichten
ausgegrenzt werden. Nicht zuletzt
aufgrund der omnipräsenten Bedrohung
wird deshalb vor allem die Strategie
der direkten Aktion verfolgt.
Diese ist in gewissen Situationen
sicherlich nĂĽtzlich, es darf aber nicht
nur bei dieser Aktionsebene blieben.
Was es braucht, ist der Aufbau einer
breiter abgestĂĽtzten Gegenkultur, die
positive Impulse setzt. Dies setzt aber
auch ein Nachdenken ĂĽber das eigene
Tun einer relativ jungen Bewegung
voraus.
Vera Kirsanova, Moscow
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