lautstark!
Juli 2008
Nummer 15
Jahr der Brandstifter und Biedermänner
Jahresrückblick 2007
Demonstrationen, Konzerte
und Anschläge: Der Trend der
letzten Jahre bestätigte sich
auch 2007; die Neonazis suchten
die Öffentlichkeit und schreckten
auch vor Bombenanschlägen
nicht zurück.
Laut der Statistik der Bundespolizei
sind die rechtsextremen Vorfälle in
der Schweiz im vergangenen Jahr auf
«konstant hohem Niveau» stabil
geblieben, numerisch bei 106 Ereignissen.
Auch die Zahl der aktiven
rechtsextremen Personen ist unverändert
bei 1200 festzulegen. Das Zentrum
der Aktivitäten mit mehr als der
Hälfte aller Vorfälle bleibt das Mittelland
mit geografischen Schwerpunkten
in den Kantonen Aargau und Solothurn.
So weit so gut, ein Grund zur Beruhigung
sind diese Zahlen aber nicht.
Eingang in die oben erwähnte Statistik
finden nämlich nur Vorfälle, welche
zur Anzeige gebracht oder von
der Polizei selbst wahrgenommen
worden sind. Ein Ereignis wie etwa
der Brandbombenanschlag während
des zweiten Antifaschistischen Festivals
in der Grossen Halle der Reitschule
Bern wird wohl keinen Eingang
in die Statistik gefunden haben,
da es nicht eindeutig einer rechtsextremen
Täterschaft zugeordnet werden
konnte.
Brandbombe gegen Antifa-
Festival
Der Anschlag auf das Antifa-Festival
war an Feigheit kaum zu überbieten:
Am Abend des 4. August 2007, kurz
vor Mitternacht, wurde während
eines Konzerts ein verdächtiger
Rucksack entdeckt. Dieser war neben
dem Mischpult mitten in der Grossen
Halle deponiert worden. Einigen der
rund 1500 BesucherInnen, die sich
zu diesem Zeitpunkt in der Halle aufhielten,
war ein starker Benzingeruch
aufgefallen, worauf der Rucksack
nach draussen gebracht wurde und
kurze Zeit später in einem grossen
Feuerball aufging. Der Raum wurde
evakuiert, die weiteren Konzerte
wurden abgesagt. Es ist nicht auszudenken,
was passiert wäre, wenn der
Rucksack noch in der Halle detoniert
wäre. Ein Anschlag mit diesen Mitteln
zielt klar auf das Leben von zig
Menschen ab – eine neue Dimension
von rechtsextrem motivierter Gewalt.
Ein weiterer feiger Überfall ereignete
sich am 25. Juni in Glarus, als 30 bis
40 Rechtsextreme die bewilligte
Kundgebung der Juso (JungsoziastInnen)
«für ein buntes Glarnerland
ohne Rassismus» in einem öffentlichen
Park angriffen. Mit Flaschen,
Reizstoffen und mit Sand gefüllten
Handschuhen wurden die friedlichen
Demonstrierenden attackiert und
zum Teil verletzt. Nach kurzer Zeit
zogen sich die Neonazis zurück und
verschwanden mit Autos.
Diese zwei Anschläge sind nur die
Spitze des Eisberges, welche den
Organisationsgrad und die Gewaltbereitschaft
– wohlverstanden gegen
Leib und Leben – aufzeigen, mit welcher
die Neonazis gegen Menschen
vorgehen, die nicht in ihr stumpfes
und verachtendes Weltbild passen.
Fast jeden Tag gibt es rechtsextrem
motivierte Vorfälle, ganz abgesehen
vom latenten Rassismus, welcher im
Fahrwasser der erfolgsverwöhnten
Schweizerischen Volkspartei SVP die
Geister erobert.
Der Gang an die Öffentlichkeit
Es ist nichts Neues, dass Neonazis
auch die Strasse als Plattform zur
Verbreitung ihrer Ideologie nutzen.
Neben ihren traditionellen Stelldicheins
wie der Gedenkfeier zur
Schlacht von Sempach oder der
1.-August-Feier auf dem Rütli traten
sie letztes Jahr auch an der offiziellen
1.-Mai-Demo in Aarau oder an der
SVP-Demo in Bern am denkwürdigen
6. Oktober auf.
Während sie bei diesen Anlässen als
mehr oder weniger - oder auch nicht
– unerwünschte MitläuferInnen auftraten,
ist es ihnen auch gelungen,
eigene Demonstrationen auf die Beine
zu stellen. Zu nennen sind etwa
die Demonstration gegen Kinderschänder
in Appenzell oder die
Demo gegen «Multikulti» in Schwyz.
Die Saison der rechtsextremen AufmarschtouristInnen
begann im letzten
Jahr am 1. Mai: Als «Nationale
Kräfte Aargau» marschierten ExponentInnen
der Partei National Orientierter
Schweizer PNOS, des Kampfbundes
Nationaler Aktivistinnen
KNA und der Schweizer Demokraten
an der offiziellen 1.-Mai-Demo
der Gewerkschaft in Aarau unter
dem Transparent «Gemeinsam
gegen Globalisierung. Wirtschaft für
das Volk» mit und verteilten Flugblätter
mit klar rechtsextremistischem
Inhalt. Darunter befand sich
auch Roland Wagner, damaliger
Nationalratskandidat der Aargauer
Schweizer Demokraten. Das Ganze
geschah weitgehend unbemerkt, von
Seiten der VeranstalterInnen wurde
nicht eingegriffen. Es war nicht das
erste Mal, dass Rechtsradikale versuchten,
den 1. Mai als Tag der
«nationalen Arbeit» auszulegen und
für ihre mitunter oberflächlich kapitalismuskritische
Propaganda zu
missbrauchen. Bereits zwei Jahre zuvor
demonstrierten Neonazis am
1. Mai in Aarau.
Rund zwei Monate später, am
30. Juni, fand die alljährliche
Gedenkfeier zur Schlacht von Sempach
statt. Die Schlacht ereignete
sich Juli 1386 als Höhepunkt des
Konflikts zwischen den Eidgenossen
und den Habsburgern. Die Gedenkfeier
bezieht sich mitunter auf die
Heldensage von Arnold von Winkelried,
welcher sich während der
Schlacht angeblich heldenhaft in den
Speerhagel der Habsburger geworfen
haben soll, um damit eine Bresche
für den eidgenössischen Gegenangriff
zu schlagen – ein geschichtswissenschaftlich
widerlegter Mythos, welcher
neben der Gründungssage vom
Rütli für neonazistische Geschichtsrevisionisten
in der Schweiz von zentraler
Bedeutung ist und als Heldentat
verehrt wird. Alljährlich pilgert
deshalb eine stattliche Zahl von Neonazis
an die von bürgerlichen Kreisen
organisierte Feier und wird dort auch
noch geduldet. So auch im letzten
Jahr, als rund 160 Faschisten am Grabe
des vermeintlichen Helden Winkelried
einen Kranz niedergelegt
haben. Auch das Rütli hat 2007
nichts von seiner Anziehungskraft auf
RechtsextremistInnen verloren. Der
Zugang zur offiziellen Feier am
1. August blieb ihnen jedoch, bis auf
eine Handvoll, die es trotz der Hürde
der ausgewählt verteilten Eintrittskarten
auf die Wiese schafften, verwehrt.
Einige versuchten, auch ohne
Ticket in Gummi- und Motorbooten
zum Rütli zu gelangen, wurden
aber allesamt von der Seepolizei aufgehalten.
Am Abend des Nationalfeiertages
feierten schliesslich rund fünfzig
RechtsextremistInnen in einer
Waldhütte in Bonstetten ZH. Als
grausiger Schlusspunkt zogen sie gegen
zehn Uhr abends mit Fackeln
durch Adliswil ZH.
Das Rütli stand jedoch weiter im
Fokus: Ein Aufmarsch am 1. August
blieb zwar wie erwähnt aus, die Partei
National Orientierter Schweizer
PNOS organisierte aber am
5. August ein «Bräteln des nationalen
Widerstandes», welchem rund 300
Gleichgesinnte beiwohnten. Beim
«Bräteln» allein blieb es aber erwartungsgemäss
nicht, zum Programm
gehörten auch hetzerische, revisionistische
und antisemitische Reden.
Autonome Nationalisten?
Im Dezember 2006 wurde zum
ersten Mal eine Kundgebung der
PNOS bewilligt, eine Platzkundgebung
gegen den geplanten Minarettbau
in Langenthal («Stoppt die kulturfremden
Bauten»). Die Strategie,
mit Bewilligung zu demonstrieren,
wurde im letzten Jahr vermehrt verfolgt.
Wohl auch mit dem Ziel, damit
auf breitere öffentliche Akzeptanz zu
stossen. So geschehen im Oktober im
Kanton Appenzell. Im Sog der
medialen Präsenz rund um den «Fall
Ylenia» versuchten freie Kameradschaften
und das rechtsextreme Netzwerk
«Blood & Honour», sich die
öffentliche Empörung zunutze zu
machen und Sympathiepunkte zu
sammeln. Ein beliebtes, aber auch
sehr durchschaubares Manöver.
Schliesslich marschierten trotz wieder
zurückgezogener Bewilligung gut
100 Neonazis durch Appenzell. Auffallend:
Die Demonstrierenden traten
im Kleiderstil der Autonomen
auf. Schwarze Kleidung, Vermummung
und schwarze Fahnen. Ein
Trend, welcher in Deutschland schon
seit längerer Zeit Tatsache ist. Die
Abwendung vom klischeehaften Neonazi
mit Springerstiefel, Bomberjacke
und Glatze manifestiert sich nicht
nur im Alltag, sondern auch an
Demonstrationen.
Für den 8. März 2008 reichte wiederum
die PNOS eine Bewilligung für
eine Demonstration in Schwyz ein.
Unter dem rassistischen Motto
«Volksgemeinschaft statt Multikultur
– Stoppt die Masseneinbürgerung»
wurde mobilisiert. Eine Bewilligung
wurde zwar letztlich nicht erteilt, was
die PNOS aber nicht von ihrem Vorhaben
abbringen konnte. Bereits am
2. März zogen allerdings nur bescheidene
30 Personen unbewilligt durch
Schwyz.
Im Gleichschritt mit...
Auch die an Nationalismus und Führerkult
schwer zu überbietende Wahlkundgebung
der SVP in Bern vom
6. Oktober hat zahlreiche bekennende
RechtsextremistInnen angelockt.
Die Übergänge zwischen Führungsriege
und Fussvolk der politisch etablierten
SVP und der klassischen
Neonazis sind fliessend, was sich
nicht nur am gemeinsamen Auftreten
erkennen lässt. Die Schnittmenge der
Gemeinsamkeiten ist wohl grösser als
die der Streitpunkte. Die SVP hat im
Wahlkampf 2007 ihr wahres Gesicht
mit aller Deutlichkeit gezeigt: Eine
Fratze aus Fremdenhass, Rassismus
und faschistischen Tendenzen. Es
verwundert deshalb wenig, fühlen
sich auch die prügelnden Eiferer pudelwohl
an einer Kundgebung der
wählerstärksten Partei der Schweiz.
Die SVP als etablierte Kraft ebnet
m i t
ihrer Politik den Boden für offen
rechtsextremistische Haltungen. Ein
starkes Zeichen dagegen wurde
bereits am 6. Oktober gesetzt. Es gilt
jedoch auch in Zukunft, das Blickfeld
vermehrt vom ganz rechten Rand
hin zur SVP zu öffnen und die
beängstigenden Entwicklungen dieser
Partei zu beleuchten und zu
bekämpfen.
...und im Schatten der SVP
Optisch hat die PNOS im vergangene
Jahr weiter zugelegt: Mit der neu
gegründeten Sektion Emmental hat
die Partei nun sieben Sektionen in
sechs Kantonen. Realpolitisch bleibt
ihr Einfluss aber weiterhin minim.
Sie hat zwar mit dem Gemeinderatssitz
von Dominik Bannholzer in
Günsberg SO und dem Langenthaler
Stadtrat Tobias Hirschi immer noch
zwei politische Mandate inne, welche
in diesem Herbst bestätigt werden
müssten, aber ihr Wirken ist nicht
wahrnehmbar. Insbesondere das
Abstimmungsverhalten von Tobias
Hirschi sorgt selbst bei der Langenthaler
SVP für Stirnrunzeln, stimmt
er doch des Öfteren gegen sie. In Tat
und Wahrheit bleibt beim aktuellen
Kurs der SVP auch wenig Platz für
eine rechte Splittergruppe auf dem
etablierten Politikfeld; die Themenfelder
sind von der grössten Partei der
Schweiz ganz im Sinne einer PNOS
besetzt. Widerstand tut Not, vor
allem auch gegen die SVP. Die
PNOS ist als Partei gescheitert,
scheint sich aber vermehrt als Drehund
Angelpunkt der Szene zu etablieren
– von der Partei- zur Bewegungsstruktur.
So trat sie in jüngster Zeit
auch als Konzertveranstalterin auf.
Wenig verwunderlich, stellt sie mit
ihrer Hausband «Indiziert» doch die
derzeit aktivste und bekannteste
Schweizer Rechtsrock-Band.
Musikveranstaltungen bleiben ein
zentrales Element der rechtsextremen
Szene. An den bierseligen Konzerten
wird die Propaganda unter die
Leute gebracht und insbesondere
auch das junge Publikum angesprochen.
Kontakte können geknüpft und
Freundschaften gepflegt werden.
Umso bedenklicher ist, dass etwa das
von der PNOS organisierte Konzert
in Wimmis BE vom 16. März 2008 in
der Turnhalle einer Schulanlage
stattfand oder der Auftritt von «Indiziert
» am 22. Dezember im 4-Sterne-
Hotel «Stadthaus» in der Burgdorfer
Oberstadt. Behördenunfähigkeit par
excellence, begnügt man sich doch jeweils
mit den Zusagen der Veranstaltenden,
dass alles ruhig über die Bühne
gehen werde. Die Schweiz blieb
auch 2007 ein Konzertparadies, es
verging kaum ein Monat ohne hetzerisches
Konzert.
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