lautstark!
Oktober 2005
Nummer 10
"White Revolution": Shopping-Paradies für Naziskins
Versand, Label und Cyber-Treffpunkt: Die Website "White Revolution" spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle innerhalb der Schweizer Neonazi-Strukturen. Der Versand - feilgeboten werden Rechts-Rock-CDs, aber auch Szeneklamotten und Accessoires wie White-Power-Gürtelschnallen oder -Aufnäher - wird von Jugendlichen rege benutzt, wie der Blick in die Kundendatenbank verrät.
Ein streng und mürrisch guckender Wehrmachtsoldat und die Zahlen-Codes "14" (die "14 words" sind ein bekannter Neonazischwur) und "88" (steht für "Heil Hitler", das H der achte Buchstabe im Alphabet) zieren die Einstiegsseite - und lassen keine Zweifel offen: Auf der martialisch und im Nazistyle aufgemachten Website dürften sich nur Rechtsextreme wohl fühlen. Und: Deren Herzen dürften vor allem wegen des umfassenden CD-Angebots höher schlagen. Über 370 verschiedene Tonträger werden vertrieben, eingeteilt in die Kategorien "deutschsprachig" und "fremdsprachig". Das Spektrum ist breit, reicht von Rechts-Rock-Grössen wie "Skrewdriver", "Spreegeschwader" oder "Legion of Thor" über Lokalmatadoren "Indiziert" und "Dissens" bis hin zum nationalistischen Schlagersternchen "Annett".
Ergänzt wird das Musik-Angebot durch allerlei Krimskrams wie Feuerzeuge, Anstecker, Schlüssel- und Kettenanhänger oder Gurtschnallen mit rechtsextremen Sujets, Emblemen, Namen oder Codes. Wer sich für handfeste Konfrontationen rüsten will, kann sich in der Rubrik "Sport und Freizeit" mit einem Mundschutz eindecken. Besonders häufig über den virtuellen Ladentisch, so weist die Liste der Verkaufsrenner auf der Website aus, gingen bislang die CD "Eidgenössischer Widerstand"der Berner Nazirockband "Indiziert", der Pin "Nationaler Widerstand" und die CD "Ehre" der aufgelösten Basler Band "Sturmtruppen Skinheads".
Sacha Kunz: Tanz auf vielen Hochzeiten
Treibende Kraft hinter "White Revolution" ist der 27-jährige Naziskin Sacha Kunz aus dem aargauischen Erlinsbach. Kunz, seit Jahren aktiv, ist eine der Schlüsselfiguren und Strippenzieher der Schweizer Neonaziszene: Er hat im Jahr 2000 die rechtsextreme Partei National Orientierter Schweizer (PNOS) mitbegründet und war bis 2003 deren Präsident. 2001 scheiterte sein Plan, in Rheinfelden ein Naziskin- und Hooligan-Laden zu eröffnen. Kunz geizte in der Vergangenheit auch nicht mit Austeilen von Faustschlägen und Tritten: Das Strafgericht Basel-Landschaft verurteilte ihn 2003 wegen Angriffs, Körperverletzung und Tätlichkeiten zu 16 Monaten Gefängnis bedingt.
Einen Namen gemacht in der Szene hat sich der gut vernetzte Kunz nicht zuletzt als fleissiger Konzertorganisator, zum Beispiel am 29. Juli 2005 in Obererlinsbach, wobei er sich damit gleich selbst einen Auftritt zuschanzte: In jüngster Zeit versucht sich Sacha Kunz nämlich auch als Sänger und Bassist des Bardenduos "Die Eidgenossen". Die "Eidgenossen" haben bereits eine Mini-CD mit drei Liedern eingespielt. Verlegt wurde der nur in limitierter Auflage erschienene Silberling mit dem pathetischen Titel "Der Freiheit eine Gasse" auf Kunz' eigenem Label "White Revolution Records", das auch zwei Tonträger von "Endlöser" (Deutschland), "Zurück von den Toten" und "13", sowie die CD "Bleib stolz" von "Nordsturm" (Deutschland) herausgebracht hat - Nazirock mit übelstem Textwerk. In naher Zukunft soll zudem eine Maxi-CD von "Amok", einer neueren Rechtsrock-Combo aus dem Zürcher Oberland, auf "White Revolutions Records" erscheinen.
Ein niederschwelliges Angebot
Vor allem Jugendliche, die mit der rechtsextremen Szene sympathisieren, sich selber aber noch kaum in Neonazi-Strukturen bewegen, zählen zur Klientel von "White Revolution". Dies zeigt der Blick in die Kundendatenbank, welche der Antifa Bern zugespielt worden ist: Knapp die Hälfte der Kunden und wenigen Kundinnen ist unter 18 Jahren. Ein paar Mausklicks genügen - und sie gelangen zu Material, das sonst nur an Nazirock-Konzerten oder unter der Hand verkauft wird. Das Gros der KundInnen stammt aus den Kantonen Aargau, Bern, Solothurn, St. Gallen und Zürich. Einzelne Bestellungen erreichen Kunz und sein Team aus Deutschland und Liechtenstein.
Auch einige bekannte Namen figurieren auf der Kundenkartei: Zum Beispiel der 24-jährige Vize-Sektionsvorsitzende der PNOS Solothurn, Philippe Burgherr (Thörigen BE). Oder Pascal Neff (Jahrgang 1987) aus Fehren SO, den das Magazin "Facts" als Gründer der Neonazi-Organisation "Schweizer Nationalisten" geoutet hat. Mit Stefan Wegmann (Meilen/ZH) taucht ein weiteres führendes Mitglieder der "Schweizer Nationalisten" in der Datenbank auf. Der 27-jährige Wegmann hatte wegen eines Übergriffs auf Jugendliche im Winterthurer Stadtpark und seiner rassistischen Skinhead-Website "saccara.ch" bereits in den Jahren 1999 und 2000 die Justiz am Hals. Und: Fabian Bühlmann (Knutwil LU) aus dem Umfeld der nationalistischen Organisation "Willisauer Widerstand". Bühlmann (Jahrgang 1988) steht hinter der rechtsextremen Website "gogger.net" (im Moment nicht mehr im Betrieb).
Nazistrukturen sind angreifbar!
Die Wirkung der Antifa-Störaktion ist unverkennbar: Das Vertrauen in den "White Revolution"-Versand hat durch den Datenverlust stark gelitten, der Imageschaden für Sacha Kunz ist beträchtlich. Ein Gradmesser ist unter anderem das Forum der Website: Dort wird derzeit weit weniger intensiv diskutiert als noch vor ein paar Wochen. Nazistrukturen sind angreifbar. Rauben wir den Neonazis ihre Agitationsfelder - im Internet und anderswo. Antifa Bern
|