lautstark!
Oktober 2005
Nummer 10
RECHTSROCK
Am 17.September 2005 findet eine "Ian Stuart Memorial Day"-Veranstaltung in Brig statt. Die Feier zu Ehren des 1994 verstorbenen Sängers der Band "Screwdriver" zieht 400 Neonazis aus der Schweiz, Deutschland, Italien und Frankreich an. Während des Konzerts in der angemieteten Disco "Crazy Palace" können Reporter des Fernsehmagazins "Die Rundschau" eine versteckte Kamera einschleusen und die Veranstaltung filmen. Zu sehen ist durchaus nichts Überraschendes: Nazistische Lieder und Parolen, ein animiertes Publikum, welches mitgrölt und immer wieder den Arm zum Hitler-Gruss ausstreckt. Gezeigt werden auch Verkaufsstände mit (illegaler) Nazi-Musik. Obwohl die Walliser Polizei rechtzeitig über das Neonazi-Konzert informiert ist, greift sie nicht ein. Einer der Organisatoren der Veranstaltung spricht von einem beidseitig "kooperativen" Verhalten - für den Chef der Walliser Kriminalpolizei hat die "Ruhe und Ordnung" vor dem Lokal erste Priorität.
Ein Konzert unter vielen - die rechtsradikale Szene ist ohne die entsprechende Musik und einschlägige Konzerte nicht zu denken.
Dabei hat sich für neonazistische Musik der Oberbegriff "Rechts-Rock" eingebürgert. Rechtsrock umfasst das ganze Spektrum neonazistischer Musik: Rock, Hatecore, Folklore, NS-Black Metal, Wave usw.
Im Folgenden soll ein umfassendes Bild des Rechts-Rock und seiner Entwicklung wiedergegeben werden. Zur aktuellen Einordnung wird dabei vor allem auf den Rechts-Rock in Deutschland - dem mittlerweile weltweit grössten Absatzmarkt - eingegangen. Wo möglich, passiert diese Einordnung mit abschliessendem Blick auf die Schweizer Rechts-Rock-Entwicklung.
RechtsRock: Die Ursprünge
Die Verbindung von Politik und Musik ist nicht neu. Im Fall von neonazistischer Musik handelte es sich dabei aber lange um "traditionelle" Musik in Form von Marschliedern, nationalsozialistischen Arbeiterliedern und Ähnlichem. Erst im Zuge einer kulturindustriellen Entwicklung, welche Musik zum Sprachrohr und Bindeglied der Jugend machte, konnte sich eingängige rechte Musik entwickeln, welche im Stande war, Jugendliche an sich zu binden und zu mobilisieren. Dies vollzog sich in den 1970er-Jahren vor allem in Nähe zu der Punk-, Skin- und Oi!-Bewegung. In England liess sich ein Teil dieser Jugendbewegung, vor allem Skinheads aus der Oi!-Szene, von der national-rassistischen "National Front" (NF) vereinnahmen und politisieren. Da die National Front die Bedeutung der Musik für die eigenen Zwecke erkannt hatte, wurde 1979 "Rock against Communism" gegründet. Die bekannteste Band der Veranstaltung war dabei Ian Stuarts Gruppe "Skrewdriver". Wenn zu dieser Zeit 50 Leute zu einer Veranstaltung erschienen, konnte schon von einem Erfolg gesprochen werden. Wegen Differenzen trat Ian Stuart 1987 aus der "National Front" aus und gründete zusammen mit dem bekannten Neo-Nazi Nick Crane die Organisation "Blood & Honour" (B&H). Inzwischen war "Skrewdriver" durch die Zusammenarbeit mit dem deutschen Label "Rock-O-Rama" auch auf dem restlichen europäischen Markt bekannt geworden. Durch die Vermarktung von "Skrewdriver" wurde "Rock-O-Rama" zu dem damals wichtigsten Label für neonazistische Musik. Die Gründung von B&H und die Loslösung von der "National Front"hatten für den Rechts-Rock zwei wichtige Folgen: Der Rechts-Rock war nicht mehr an eine Partei gebunden und gewann dadurch an Autonomie und Authentizität. Ausserdem wurde der Inhalt der Lieder und die Ideologie der rechtsradikalen Skinheads nun explizit nationalsozialistisch - was sich entsprechend auch in den Texten niederschlug.
Auch im übrigen Europa verlief die Entwicklung ähnlich: Anfangs der 1980er-Jahre bildeten sich die ersten rechten Skinhead-Bands, welche sich anfänglich an England orientieren, sich aber später zugunsten des eigenen Nationalismus vom Vorbild lösten. Waren auch hier die Texte zu Beginn noch diffus, wurden die einzelnen Bands allmählich politisch radikaler, was sich auch hier an den einschlägigen Texten zeigte.
Auch Mitte der 1980er-Jahre handelte es sich bei den meisten Bands und der Anhängerschaft vor allem um Skinheads, welche relativ lose organisiert waren. Mitte bis Ende der 1980er-Jahre kam es aber vermehrt zur Gründung von neuen Bands und Fanzines, auch die Vernetzung zwischen den einzelnen Exponenten gewann an Qualität. Hier muss klar gemacht werden, dass die Entwicklung der Rechts-Rock-Szene keine selbstständige Entwicklung ist und im Kontext der Entwicklung der neonazistischen Szene allgemein und der gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet werden muss.
Im Zuge dieser Entwicklung steigerte sich Deutschland zum grössten Absatzmarkt für rechte Musik weltweit. Bald fing der deutsche Staat an, mit Razzien und Verboten einzugreifen. Furcht erregend waren auch die allmählich zunehmenden Übergriffe auf AusländerInnen und ein Erstarken insgesamt der rechtsradikalen Szene. Nicht selten ging den Gewalttaten ein Konsum nationalsozialistischer/antisemitischer/ausländerfeindlicher Musik voraus.
Rechts-Rock heute
"Anders als zu Beginn der 80-er Jahre, als Parteikader noch in Fussballstadien oder Kneipen gehen mussten, um potenzielle Anhänger zu rekrutieren, verkehrte sich die Situation nunmehr ins Gegenteil: Rechte Jugendliche und Skinheads gingen zu den (…) organisierten Konzerten." (Dornbusch/Raabe 2002: 37)
Die wichtigste Entwicklung des Rechts-Rock seit den 1990er-Jahren bis heute ist ihre Loslösung von den Wurzeln. In Deutschland boomt der Rechts-Rock regelrecht. Damit einher geht auch eine grössere musikalische Breite: verschiedene Musikstile, vom NS Black Metal bis zu rechtsradikaler Folklore und Schlager, finden Anklang beim Publikum. Aber auch die Anhängerschaft vollzieht einen Wandel: Nicht nur Nazi-Skinheads hören zu und tanzen mit, die Musik findet auch bei ganz "normalen", "bürgerlichen" Jugendlichen Verbreitung. Der Rechts-Rock wird allmählich zum millionenschweren Geschäft. Schätzungen gehen für Deutschland von rund 100 rechtsextremen Bands und mindestens 50 Versandhändlern aus (Stand: Anfang 2000). Gemeinsam mit dem Marsch der Rechten in die so genannte Mitte findet auch eine gesellschaftliche Etablierung des Rechts-Rock statt. Nützlich wird dabei auch das Internet, welches für eine rasche Verbreitung der sonst eher schwer erhältlichen CDs, rechter Kleidung und Ähnlichem dient. Rechte Bands sind dabei immer noch häufig nicht organisiert in dem Sinne, dass sie nicht fest einer Organisation angehören, sehr wohl aber mit dieser kooperieren und über diese vernetzt sind. Bei der Organisierung von Konzerten tut sich hier vor allem "Blood & Honour" hervor, aber auch die Hammerskins und die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) stehen ihr in nichts nach. Konzerte dienen dabei häufig als internationale Treffpunkte der Neonazi-Szene. Dabei gilt die Schweiz als besonders attraktiver Veranstaltungsort, da der Staat selten einzugreifen vermag und/oder lieber "draussen" für "Ruhe und Ordnung" sorgt.
Wie bereits geschildert, hat Rechts-Rock also - vor allem in Deutschland - längst die Grenzen eingeschworener Nazi-Skinheads-Organisationen verlassen. Rechts-Rock dient der Vernetzung, der Finanzierung, zur Stärkung der Identität und der Werbung auch auf dem Schulhof - der neonazistischen Phantasie sind keine Grenzen gesetzt: Mit dem Projekt "Schulhof-CD" versuchten deutsche Neonazis, nationalsozialistische Musik an den Schulen zu verteilen. Das Projekt wurde vereitelt, indem ein bundesweiter Beschlagnahmebeschluss erging. Die NPD aber greift die Idee auf und verteilt auf Schulhöfen eine eigene, legale CD mit Heft und Comic. Auch sonst dient Deutschland den schweizerischen Rechten als Orientierung. Sollte die schweizerische Rechts-Rock-Entwicklung aufgrund eines anderen gesellschaftlichen Kontexts anders verlaufen - zu unterschätzen ist indes die Schweizer Rechts-Rock-Szene keinesfalls: Allein in den vergangenen zwölf Monaten haben mindestens 10 Rechts-Rock-Konzerte auf schweizerischem Boden stattgefunden, beispielsweise auch das 15-Jahre-Jubiläum der Schweizer Hammerskins, welche rund 350 BesucherInnen anzog. Auch haben heimische Bands wie "Indiziert" (Burgdorf/Langenthal) gute Kontakte ins Ausland und durften schon den einen oder anderen Auftritt ausserhalb der Schweiz absolvieren.
Quellen/Weiterführende Literatur (Auswahl):
Raabe, Jan/Dornbusch, Christian:RechtsRock 2002
White Noise, Unrast Verlag, 2004
Speit, Andreas: Ästhetische Mobilmachung, 2001
www.turnitdown.de
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