Tagesanzeiger vom 14.8.99
Der Hass ist nicht auszurotten
Auch nach dem Anschlag auf jüdische Kinder in Los Angeles werden die USA ihre Waffengesetze kaum verschärfen.
Autor: Von Ignaz Staub, Washington
Er habe eigentlich nicht auf Kinder schiessen wollen. "Doch sie kamen mir in die Quere", sagte Buford Furrow, der diese Woche in einem jüdischen
Gemeindezentrum in Los Angeles fünf Menschen verletzt und auf der Flucht einen Postboten erschossen hatte. Der Pöstler asiatischer Herkunft, erklärte Buford,
habe sich als "gutes Ziel" angeboten, weil er einerseits nicht weiss und anderseits ein Angestellter der Regierung gewesen sei.
Ursprünglich hatte der 37-jährige Mechaniker aus dem US-Bundesstaat Washington noch Schlimmeres geplant. Auf der Suche nach einem Ort, wo er Juden töten
wollte, steuerte er an der Küste Kaliforniens drei prominente jüdische Institutionen an, sah aber von einem Anschlag ab, weil sie zu gut bewacht waren. Auf das
Gemeindezentrum in der Vorstadt Grenada Hills stiess er dann per Zufall, als er die Autobahn verliess, um zu tanken. Bufords jüngstes Opfer, der 5-jährige
Benjamin Kadish, ist laut jüngsten Berichten auf dem Wege der Besserung, aber noch immer in kritischem Zustand.
Urheber der meisten Terroranschläge
Buford Furrow, der als geistig angeschlagen gilt und dem zuständige Stellen in zumindest einem Fall psychiatrische Behandlung verweigert haben, ist seit 1995
Mitglied der Neonazi-Gruppe Arische Nationen. Die Vereinigung ist eine jener so genannten "Hassgruppen" in den USA, die sich auf die Lehren der
"Christlichen Identität" stützen. Der rechtsradikalen, antisemitischen Bewegung, die in Los Angeles entstand, gehören heute gemäss Schätzungen 50 000
Anhänger an. Experten zufolge ist die rassistische Bewegung für den Löwenanteil terroristischer Anschläge in den USA verantwortlich.
Gründer der "Christlichen Identität" waren Briten, die zu Beginn des Jahrhunderts nach Los Angeles auswanderten und sich in Hollywood niederliessen. Die
Stadt am Pazifik war damals ein Anziehungspunkt für Sektierer und Spinner jeglicher Art, von denen die meisten harmlos blieben. Doch die Briten, glühende
Vertreter des Darwinismus, verfochten die These, dass sie das Produkt einer "besseren Selektion" seien als "mindere" Rassen, deren Schicksal es sei, Untertanen
des Imperiums zu bleiben.
Eine weitere Begründung für die Überlegenheit der Briten war pseudotheologischer Natur. Nach der These des Anglo-Israelismus sind die Angelsachsen die
Nachfahren der verschollenen Stämme Israels und nicht die Juden, die in Tat und Wahrheit einer "nordischen Rasse" angehörten. Nicht-Weisse sind den
Anglo-Israeliten zufolge Unmenschen, die der Teufel aus Schlamm erschaffen hat und die, wie Tiere, keine Seele besitzen.
Buford Furrow, der Amokläufer von Los Angeles, gilt Beobachtern der rechtsradikalen Szene zufolge als neuer Tätertyp. Trafen sich amerikanische Neonazis
früher in straff organisierten Gruppen mit martialischen Riten und strenger Hierarchie, agieren extremistische "Herrenmenschen" wie Buford inzwischen als
Einzeltäter. Über Internet halten sie lediglich losen Kontakt zu ihren Gesinnungsgenossen und planen ihre Anschläge ohne Befehle von übergeordneten Stellen.
Dieses heimliche Vorgehen erschwert den Sicherheitskräften die Überwachung verdächtiger Individuen immens.
Allmächtige Waffenlobby
Wie nach jedem derartigen Vorfall sind auch nach der Schiesserei im jüdischen Gemeindezentrum von Los Angeles erneut Stimmen laut geworden, die eine
Verschärfung der amerikanischen Waffengesetze fordern. So hat Justizministerin Janet Reno, im Einklang mit Präsident Bill Clinton, am Donnerstag eine Reihe
von Vorschlägen unterbreitet, wie der Besitz von Handfeuerwaffen künftig zumindest eingeschränkt werden könnte. Unter anderem schlägt Reno vor, landesweit
alle Schusswaffen zu registrieren und die Zahl der Waffen zu begrenzen, die ein Einzelner erwerben kann. All jene, die sich in ihrer Jugend eines
Gewaltverbrechens schuldig gemacht haben, sollten keine Schusswaffen mehr kaufen dürfen. Doch bisher sind in den USA alle Versuche, griffigere
Waffengesetze zu erlassen, am Widerstand der Waffenlobby gescheitert. Zudem sind sich die Kongressabgeordneten in dieser Frage uneinig. Unlängst haben sie
einen entsprechenden Antrag abgelehnt, der nach dem Massaker in einer Schule in Littleton bei Denver eingebracht worden war. Dort hatten im April zwei
Jugendliche 13 Mitschüler, einen Lehrer und sich selbst erschossen.
In Washington erklärte ein Sprecher der National Rifle Association (NRA), Verwirrte und Psychophaten könnten weder mit den bisherigen noch mit den
vorgeschlagenen Gesetzen aufgehalten werden. "Nicht Waffen töten, sondern Menschen", heisst der Slogan, den die NRA bei jeder sich bietenden Gelegenheit
bemüht. Für Angehörige und Freunde der Opfer von Amokläufern ist das ein schwacher Trost. Wenn am Montag die Columbine High School in Littleton nach
den Sommerferien ihre Tore öffnet, werden in den Schulzimmern 13 Stühle und ein Lehrersessel leer bleiben.