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TagesAnzeiger, 19.11.2005
Lieber keine Kunden als nur Rassisten
Von Daniel Ryser
Wie die traditionelle Boxbekleidungsfirma von Rechtsextremen vereinnahmt wurde. Und wie
sich die Marke aus der Umklammerung befreien will.
+++Earl of Lonsdale erfindet das moderne Boxen+++Präsident des Arsenal FC +++Der
«Gentleman des Sports» als Zigarrenformat+++Kein Nazi!
Die Geschichte der Marke Lonsdale beginnt in einer Grafschaft, die es heute nicht mehr
gibt: In Westmorland, dem heutigen Cumbria. Dort, am Ufer des Flusses Lune, liegt das
historische Städtchen Kirkby Lonsdale. Von dort stammt die Familie Lowther, die dem
britischen Königshaus diente und dafür 1784 mit dem Adelstitel belohnt wurde. James
Lowther durfte sich ab sofort Earl of Lonsdale der Erste nennen. Der fünfte Graf von
Lonsdale, Hugh Lowther, inspirierte durch seine Taten einen Zigarren- und einen
Sportartikelhersteller, ihre Produkte nach ihm zu benennen.
Laut Legende organisierte Hugh Lowther Ende des 19. Jahrhunderts den ersten Boxkampf mit
Boxhandschuhen und begründete damit das moderne Boxen. Er stiftete, das ist eine
Tatsache, den «Lonsdale Belt», den ersten Championgürtel für Boxer, die bis heutige
gültige Trophäe aller Gewichtsklassen. Ab 1930 war der umtriebige Sportfan und Patron
des National Sporting Clubs Präsident des renommierten Fussballklubs Arsenal. Weil
rauchen damals nicht verpönt war, wurde nach «Englands grösstem Gentleman des Sports»
ein Zigarrenformat benannt. Das passierte bis heute nur noch Winston Churchill und der
Rothschild-Familie. Der Name Lonsdale, so heisst es bei der englischen
Stammbaumforschung, setze sich zusammen aus dem Namen des Flusses Lune, der durch Cumbria
fliesst, und den dortigen Dales, den Tälern von Yorkshire. Das Städtchen Kirkby
Lonsdale findet erstmals Erwähnung im Domesday Book, dem britischen Reichsgrundbuch, aus
dem Jahr 1086. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) gibt es seit
1920. Weil in beiden Namen die Buchstabenfolge NSDA vorkommt, glauben Neonazis, der Name
Lonsdale sei ein Fantasieprodukt, eine bewusste Anspielung auf die Hitlerpartei NSDAP.
Lord Lonsdale war ein konservativer, adliger Geldsack. Doch er war kein Nazi. Und mit
seinem Namen hat dies sowieso nichts zu tun. Der Name Lonsdale ist tausend Jahre älter
als die deutsche NSDAP.
+++Lonsdale: Start in Soho+++Muhammad Ali ringt mit Alligatoren!+++
1960 sicherte sich der ehemalige britische Profiboxer Bernard Hart bei den Erben des 1944
verstorbenen fünften Earl of Lonsdale die Namensrechte. Dann begann er im eigenen Laden
im Londoner Stadtteil Soho Kleidung zu produzieren und zu vertreiben: Lonsdale-Kleidung
für Boxer.
Es war die grosse Zeit von Cassius Clay. Boxen boomte. 1964 schoss Clay seinen Gegner
Sunny Liston «wie einen Satelliten in den Weltraum», wie er selbst formulierte, und
posierte darauf in Lonsdale-Kapuzenpullovern. Muhammad Ali, wie sich Clay nach seinem
Sieg über Liston nannte, wurde Hauptwerbeträger für die Marke - später waren es
Lennox Lewis und Mike Tyson. In Kinshasa sangen sie 1974 «Ali, töte ihn!» und meinten
damit Alis Comeback-Gegner George Foreman, der mit belgischen Schäferhunden, einem
Symbol für den Rassismus der Kolonialmächte, in den Kongo gereist war. Ali rappte: «I
wrestled with an alligator/Tussled with a whale/Handcuffed lightning/Threw thunder in
jail.»* Dann schlug er Foremann k.o. Der Hauptwerbeträger für Lonsdale war erstens
schwarz und zweitens bekennender Antirassist. Warum also die Vereinnahmung durch Neonazis?
Erste Skinheads waren schwarz+++National-Front-Propaganda+++Lonsdale-Chic statt
Bomberjacken+++Technoglatzen in Holland+++ Lonsdale-Verbot an Schule
Entscheidend war offensichtlich die Buchstabenfolge NSDA. Hätte sich der Earl of
Lonsdale jedoch zum Beispiel für Schach interessiert, wäre es nie zur feindlichen
Namensübernahme gekommen. Doch Lonsdale war eine Boxermarke. Viele Skinheads boxten. Die
Marke bediente ganz einfach das richtige Milieu. Beides, Boxen und die Skinheadbewegung,
war populär im englischen Arbeitermilieu; die Bewegung ist Ende der sechziger Jahre dort
entstanden, in ihren Anfängen unpolitisch und inspiriert von Reggae- und Ska-Musik aus
Jamaika. Schnell war Lonsdale bei Skinheads mindestens so beliebt wie bei Boxern.
Zu jener Zeit, als Muhammad Ali in Kinshasa George Foreman besiegte, begann sich die
junge Skinheadszene in eine linke oder unpolitische sowie in eine rechte Szene
aufzuteilen, wobei Neonazis starken Einfluss gewannen. Hauptgrund dafür war die massive
rassistische Propaganda der englischen Nazipartei National Front. Diese führte
aggressive Kampagnen gegen AusländerInnen und schürte in der Arbeiterschicht die Angst
vor Überfremdung. Viele unpolitische, vor allem an Fussballspielen mit Bier in der Hand
anzutreffende Skinheads liessen sich instrumentalisieren und kippten ins rechtsextreme
Lager. Die Szene hat sich davon nie erholt: Heute ist Skinhead ein Synonym für Neonazi,
genauso wie Lonsdale ein Synonym ist für Neonazikleidung.
Lonsdale produziert Sport- und Freizeitkleidung und Boxutensilien: Trainingsanzüge,
Boxhandschuhe, Shirts, aber auch Pullover und Jacken.
In Deutschland, Holland, der Schweiz waren rechtsextreme Skinheads lange an grünen
Bomberjacken zu erkennen. Anfang der Neunziger war die militärische Kombination aus
Bomberjacke und Springerstiefel aber irgendwie out - der rasante Aufstieg von Lonsdale
begann. Das Zusammenspiel aus Prolo-Chic, Boxerstil und der Buchstabenfolge NSDA führte
zu explosiven Absätzen in der Neonaziszene. Der Stil passt auch besser in die Disco.
Ende der neunziger Jahre trugen in Ostdeutschland fast ausschliesslich Neonazis Lonsdale.
Hinzu kam, dass seit dem Mauerfall die Szene schnell wuchs: Zeitgleich mit dem
Lonsdale-Boom entstand in Deutschland die weltweit grösste rechtsextreme Musikszene. In
Holland entwickelte sich zum schnellen Technostil Gabber eine eigentliche
Lonsdale-Nazipartymode: Turnschuhe statt Springerstiefel, Jeans, Lonsdale-Jacke und ein
kahl rasierter Schädel - die Markenzeichen einer rechtsextremen Technobewegung.
Die Gabberszene ist auch in der Schweiz ein Sammelbecken für Rechtsextreme. Nach der
diesjährigen Street-Parade-Party-Energy im Hallenstadion beklagten sich zahlreiche
Besucher ob dem massiven Aufmarsch von Glatzköpfen in (fast ausschliesslich)
Lonsdale-Jacken. Die Verbindung von Lonsdale und Neonazis ist nicht mehr nur
Geheimzeichen, sie ist inzwischen ein Mainstreamphänomen. In den meisten Fällen - auch
in der Schweiz - ist das Tragen von Lonsdale ein politisches Bekenntnis.
Der deutsche Verein für soziale Perspektiven hat kürzlich die Broschüre
«Versteckspiel» veröffentlicht (www.dasversteckspiel.de): Dort werden Nazimarken und
Symbole aufgelistet, so zum Beispiel die Zahl 88 erklärt. Die Zahl 8 steht für H, den
achten Buchstaben im Alphabet. 88 bedeutet also HH, Heil Hitler. Laut Broschüre gibt es
mehr als 120 Zeichen, die verdeckt oder offen ausdrücken, dass der Träger mit
Nazigedankengut sympathisiert. Dazu gehören Eiserne Kreuze, Springerstiefel mit weissen
Schnürsenkeln, die Zahlen 18 (für Adolf Hitler) und 28 (für die verbotene Organisation
Blood & Honour) sowie Bomberjacken der Marke Alpha Industries und Hemden des Designers
Ben Sherman. Bei Lonsdale heisst es: «Manche Jugendliche tragen die Marke als Bekenntnis
zur NSDAP.»
Die erste Auflage der Broschüre war schnell vergriffen. Vor allem den Verantwortlichen
an Schulen schien allmählich bewusst zu werden, dass die seltsamen Kombinationen aus
Zahlen, Symbolen und Worten einen politischen Hintergrund haben. Eine Schule im
schwäbischen Weinstadt hat inzwischen, so berichtete Spiegel-Online, genug von solchen
Symbolen. Sie stehen auf dem Schulindex - wie auch die Marke Lonsdale.
+++Lonsdale wehrt sich+++Zusammenarbeit mit Menschenrechtsgruppe Augenauf+++Nazis
verbrennen ihre Kleider+++Verkäufe in Holland um 40, in Sachsen um 75 Prozent
eingebrochen+++
Bereits Mitte der neunziger Jahre begann Lonsdale seine Verkaufslisten zu prüfen. «Uns
wurde klar, dass wir diverse rechte Szeneläden belieferten», sagt Geurt Schotsmann
gegenüber der WOZ. «Wir stoppten das sofort.» Schotsmann ist Geschäftsführer der
Firma Punch mit Sitz in Neuss im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Punch
vertreibt seit 1993 exklusiv Lonsdale für Europa ausserhalb Grossbritanniens. «Dann
traten Mitglieder der Menschenrechtsgruppe Augenauf an uns heran. Wir konnten die Augen
nicht mehr verschliessen: Wir sind zur Neonazimarke geworden.» Gemeinsam habe man eine
Kampagne lanciert: «We love all colors». Mit 90 000 Euro jährlich (bei einem
geschätzten Umsatz von 5 Millionen Euro) werden antirassistische Kampagnen und Konzerte
unterstützt. «Die Kampagne muss so lange laufen, wie sie laufen muss», sagt
Schotsmann. Trotz des harmlosen und etwas naiv wirkenden Slogans zeigt sie offenbar
grosse Wirkung: «In Holland gingen die Verkaufszahlen seither landesweit um 40 Prozent
zurück», sagt Schotsmann. Im «Brennpunkt Sachsen» (Punch) ist die Zahl fast doppelt
so hoch: Seit dem Start der Kampagne im September 2003 seien die Verkäufe um 75 Prozent
eingebrochen.
Seit Lonsdale klar macht, dass der Name nichts mit der NSDAP zu tun hat und man lieber
keine Kunden habe statt rassistische, laufen in der Neonaziszene Kampagnen gegen die
Londoner Kleiderfirma. Dem Lonsdale-Stil entliehen, lanciert die Szene inzwischen eigene
Kleidermarken, bei denen die NSDA-Buchstabenfolge denn auch kein Zufall mehr ist:
Consdaple heisst die populärste Kreation. Sie ist die Erfindung des Rechtsextremisten
Franz Glasauer, ehemaliger Funktionär der Republikaner. Glasauer betreibt den
Neonaziartikel-Versand Patria mit Sitz im bayrischen Landshut.
Der Lonsdale-Boykott von rechts ist neu, bisher waren es vor allem linke oder
unpolitische Jugendliche, die keine Lonsdale-Artikel kauften. Weil sie entweder nicht als
Nazi abgestempelt werden mochten oder weil sie die Marke bewusst boykottieren. Es ist die
traditionelle Verankerung in der Boxerszene, die Lonsdale retten könnte. Geurt
Schotsmann sagt, dass man nicht zugrunde gehen möge aufgrund brauner Geister, die man
nicht gerufen habe. Der Geschäftsführer hat Hoffnung: In Ostdeutschland, so geht aus
einem Augenauf-Bericht hervor, verbrennen Neonazis inzwischen ihre Lonsdale-Klamotten.
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