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Solothurner Zeitung 29.12.2000
Die rechtsextreme Szene wächst weiter
Keine Entwarnung im Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus
Der Auftritt von rund 150 Skinheads bei der diesjährigen Augustfeier auf dem Rütli
hat eines klar gemacht: Rechtsextremismus ist auch in der Schweiz ein Problem,
die Szene wächst. Das Ereignis rüttelte die Öffentlichkeit wach und stärkte
Abwehrreflexe gegen Rechts.
Howard Dubois
Die Rechtsextremen hätten mit der Rütli-Aktion ihr neues Selbstbewusstsein
demonstriert, erklärt der Journalist Jürg Frischknecht, ein Beobachter der Szene, auf
Anfrage. Die Situation sei ähnlich wie beim «zweiten Frontenfrühling» vor zehn
Jahren. Dabei waren die Buh-Rufe während Bundesrat Villigers Ansprache nur eine
Aktion von über 100 Übergriffen der rechtsradikalen Szene, die die Bundespolizei
(Bupo) dieses Jahr registrierte; das sind doppelt so viele wie im Vorjahr. Erwähnt
seien die Schüsse auf das «Solter-Polter»-Haus in Bern, die Skin-Ausschreitungen
am Sonnenwendfest in Burgdorf oder die Schlägerei mit Ausländern in St.Gallen.
Der «harte Kern» der Rechten wuchs gemäss Bupo 1997 bis 2000 von 300 auf
gegen 800 Personen an. Sie sind mehrheitlich zwischen 16 und 22 Jahren alt. Die
Szene ist laut Frischknecht auch sozial breiter verankert. Sie erhalte nicht mehr nur
aus unteren, ländlichen Sozialschichten, sondern auch aus dem Mittelstand Zulauf -
vereinzelt auch von Frauen. In den grösseren Städten sei sie allerdings noch
weniger präsent.
Als Gründe für das Anwachsen der rechtsradikalen Szene nennen Experten soziale
Ängste im härteren wirtschaftlichen Verteilungskampf und Überfremdungsängste
angesichts der Zuwanderung. Begünstigt werden die Rechtsextremen aus Sicht der
Politologen durch politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen - etwa den
asylpolitischen Diskurs, Populismus, und die Akzeptanz von Gewalt und
Neorassismus in Teilen der Bevölkerung, wie die Bupo in ihrem «Skinhead»-Bericht
festhält.
Nationale Organisationen
Zum neuen Selbstbewusstsein der rechten Szene gehört laut Frischknecht auch ihre
Ankündigung, sich schweizweit zu organisieren und Parteien zu gründen. So will der
Aktivist Pascal Lobsiger alle Skingruppen unter dem Dach einer «Nationalen
Aufbau-Organisation» vereinen. Der Berner Skinhead David Mulas rief im Frühling
eine «Nationale Partei Schweiz» ins Leben. Wie weit diese Organisationen aber
tatsächlich gediehen sind, ist unklar. Es gebe bei den Skins grosse Vorbehalte
gegenüber Politik und Parteien, gibt Frischknecht zu bedenken.
Laut dem Journalisten Hans Stutz, der die Chronologie «Rassistische Vorfälle in der
Schweiz» führt, verkehren die Skinheads vorwiegend in lokalen Cliquen. Nur die
elitären «Hammerskins» und die «Blood & Honor»-Bewegung operieren landesweit
und haben internationale Kontakte.
Da die Zunahme rechtsextremer Gewalt auch in anderen Ländern Europas, speziell
in Deutschland (siehe Kasten unten), zu beobachten ist, stellt sich die Frage nach
einer internationalen Steuerung. Laut Hans Stutz finden auf internationaler Ebene
wohl Kontakte zwischen Exponenten der Szene statt, und das Internet wurde zu
einem wichtigen Kommunikationsmittel der Skins ausgebaut. Doch gebe es bislang
keine institutionalisierte Zusammenarbeit und keine gemeinsamen Projekte, so
Stutz.
Eine Ausnahme bilden die Holocaust-Leugner, gewissermassen die «intellektuelle
Elite» der extremen Rechten. Sie sind international gut vernetzt und organisieren
sogar öffentliche Kongresse. Ihre bekanntesten Schweizer Vertreter Gaston-Armand
Amaudruz und Jürgen Graf sind unterdessen zu Haftstrafen verurteilt worden.
Amaudruz' Fall liegt beim Bundesgericht. Graf entzog sich der Strafe durch Flucht ins
Ausland.
Massnahmen der Behörden
Die rechtsextremen Aktivitäten rüttelten die Öffentlichkeit auf und riefen die Behörden
auf den Plan. Bundesrätin Ruth Metzler setzte im vergangenen September eine
interdepartementale Expertengruppe zum Thema Rechtsextremismus ein. Die
eidgenössische Kommission gegen Rassismus plant eine Hotline für
Rassismusopfer. In Malters LU schlossen die Behörden einen Treffpunkt der
internationalen Nazi-Szene.
Die Bundespolizei liess im Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus im
Internet einzelne Nazi-Websites sperren. Allerdings muss sie in diesem Bereich erst
die notwendigen Strukturen aufbauen, und es bestehen rechtliche Lücken, wie die
Diskussion eines Bupo-Positionspapiers mit Internet-Providern zeigte. Auf
internationaler Ebene beschlossen die Innenminister der Alpenländer im Herbst in
Konstanz eine enge Zusammenarbeit bei der Bekämpfung Rechtsradikaler, und die
Polizeien der Schweiz und Deutschlands vereinbarten entsprechende bilaterale
Massnahmen.
Zeichen setzen
Wichtiger als Behörden-Massnahmen sind laut Frischknecht die Aktionen und
Demonstrationen gegen rechte Gewalt, die in zahlreichen Städten stattfanden. Damit
setze man Zeichen, dass Rechtsextremismus nicht stillschweigend geduldet oder
bejaht wird.
Diese Entwicklung veranlasste nach Einschätzung von Stutz viele Aktivisten, auf
«Tauchstation» zu gehen. Einzelne Gruppen zerfielen, Klubräume wurden
geschlossen, Internet-Auftritte abgesetzt. Entwarnung mögen die Experten aber nicht
geben. Die Szene wachse weiter.
sda
Die Skinheads sind aktiver geworden: Die Bundespolizei hat in diesem Jahr über
100 Übergriffe der rechtsradikalen Szene gezählt. Der «harte Kern» der Rechten ist
in den Jahren 1997 bis 2000 von 300 auf gegen 800 Personen angewachsen.
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